Augen zu und durch!

Ein Erfolg jagte den anderen, dann auch noch der Erdrutschsieg am Parteitag – langsam wurde sich der Kanzler selbst ein wenig unheimlich.

Das Ergebnis war ihm fast ein wenig peinlich. Selbst wenn sich Robert Mugabe noch so heftig zu seinen eigenen Gunsten verzählte – er käme nie auf 99,7 Prozent. Wie er. Und die restlichen 0,3 Prozent waren nicht einmal Gegenstimmen, sondern ungültig, weil ein Delegierter nur „Gusi“ auf seinen Stimmzettel geschrieben hatte und ein anderer „Guhsenbauer“. Was waren die letzten Monate vor dem Parteitag nicht für ein einzigartiger Triumphzug für ihn gewesen. Wohin auch immer er gekommen war, ob zu einem Betriebsbesuch bei der Voest – wo er den an sich bekannt kritischen ober-österreichischen Landeschef Erich Haider nicht um die Burg davon abhalten hatte können, ihn eigenschultrig durch das Werk zu tragen, damit er sich die Schuhe nicht schmutzig machte – oder zu einem Funktionärstreffen in Donawitz, bei dem ihn die Getreuen in einem in mühevoller Kleinarbeit aus 46.000 Bordeaux-Korken selbst gebauten Boot, an dessen Seiten für alle weithin sichtbar der Slogan „Rudern statt Sudern“ stand, auf der Mur herumgeführt hatten, deren Ufer von tausenden begeisterten Zuschauern gesäumt waren – nie zuvor war ihm dermaßen viel Wohlwollen, Anerkennung, ja Liebe entgegengebrandet. Dass er das alles verdient hatte, stand natürlich außer Zweifel. Dennoch war es nicht selbstverständlich. Man weiß ja, wie die Leute sind.

Eine alte Sozi, der er in Hirtenberg ein Autogramm auf ihre Heizkostenrechnung gegeben hatte, hatte ihm gestanden, sie habe ja anfänglich an ihm gezweifelt, aber jetzt, jetzt habe sie in ihrem Souterrainwohnschlafraum das Bild vom Kreisky abgehängt und seines auf. „Und fescher als er sind Sie ja auch noch“, hatte sie schelmisch hinzugefügt.

Ein junger Sozi in der Leopoldstadt wiederum hatte ihm überschwänglich dafür gedankt, dass er nunmehr bei seinen Solidaritäts-Ernteeinsätzen nicht mehr ewig lang nach Nicaragua zum Kaffeepflücken fliegen müsse, sondern gemütlich mit der ÖBB ins Piemont zum Trüffelausgraben fahren könne, ohne dabei seine Gesinnung zu verraten. Es waren Momente wie diese, die selbst ihm, dem abgebrühten Profi, dem eiskalten Verhandler, dem nie den Überblick verlierenden Fädenzieher, Tränen der Rührung in die Augen trieben. Ortsgruppe um Ortsgruppe hatte sich öffentlich hinter ihn gestellt, als dieses Salzburger Nockerl den Parteivize zurückgelegt hatte, im Glauben, es würde ihr irgendwie nützen, sich von ihm – ihm! – zu distanzieren. Zuerst hatte der Kanzler sich bloß geschmeichelt gefühlt, sich aber dann, als die Proteste gegen die Abtrünnige zu einem reißenden Strom der Entrüstung wurden und die Rufe nach einem Parteiausschluss immer lauter und drängender, sogar schützend – wie es ein guter Vater eben tut – vor die vorlaute Gabi gestellt und sogar ihre kleinlaute öffentliche Entschuldigung großherzig akzeptiert. Man konnte schließlich nicht so sein.

Natürlich war sie in der Partei trotzdem erledigt. Aber das kam halt davon.
Seit seine Beliebtheitswerte in der Bevölkerung endlich dort lagen, wo sie an sich immer schon hingehört hatten – zwar noch hauchdünn hinter Fu Long, aber schon deutlich vor Armin Assingers Koteletten –, konnte er auch darüber nachdenken, nach der nächsten Wahl eine Koalition zu bilden, der er noch deutlicher seinen Stempel aufdrücken konnte als der jetzigen. Wer mit Willi Molterer Schlitten fuhr, würde Alexander Van der Bellen – der gute Professor mochte zwar ein anständiger Kerl sein, aber doch nur ein Amateur und darüber hinaus erschreckend wirklichkeitsfremd – schließlich wie eine Lawine überrollen.

Überhaupt, wenn er gerade einmal zehn Prozent hatte – und der Kanzler 48.
Gusenbauer lächelte zufrieden. Und sah mit einem Mal den Wahlabend im Herbst 2010 vor sich. Ganz Wien schien auf den Beinen zu sein, der Rathausplatz war ein Meer aus roten Fahnen, glückliche Jungmütter streckten ihm ihre ­Babys zum Segnen entgegen, Michael Häupl tanzte hinter ihm Cancan, die Menge schrie und tobte, rief immer wieder seinen Namen.
„Alfred! Alfred!“ Die Sprechchöre schwollen an, ein Crescendo der Dankbarkeit und Bewunderung brandete ihm entgegen, er verstreute Kusshändchen, roch kokett an einer roten Nelke, die er anschließend in die Menge warf …
„Alfred? Aaaaalfred! Al!Fred!“

Der Kanzler spürte einen Schlag am Oberarm. Er öffnete die Augen und schaute sich verwirrt um. Er saß am Ministerratstisch, und Willi Molterer sah ihn stirnrunzelnd über den Brillenrand hinweg an. „Du bist heute irgendwie so abwesend. Können wir dann vielleicht bitte einmal weitermachen?“ „Weitermachen. Ja. Sowieso!“, antwortete Gusenbauer gewohnt selbstsicher. „Also ist es jetzt abgemacht“, hob Molterer wieder an. „Bei der Kassenreform kriegen die Arbeitgeber endlich mehr Rechte, die Pensionsautomatik kommt wie besprochen, und den Eingangsteuersatz für Stiftungen senken wir um 50 Prozent. Das sind schließlich alles Fragen der sozialen Gerechtigkeit, nicht?“
Der Kanzler nickte stumm.