Aus dem Wandschrank

Musikalisches Genie und verquere Existenz: eine Begegnung mit dem virtuosen US-Songschreiber Mark Oliver Everett alias E, besser bekannt als Mastermind der Eels.

Von Philip Dulle

Die zuvorkommende Rezeptionistin eines Londoner Hotels bittet um ein wenig Geduld, sie könne mit dem Namen Everett gerade nichts anfangen; sie sucht hektisch nach einer Reservierung. Dann findet sie das Zimmer zum Namen doch. Und tatsächlich wartet dort bereits Mark Oliver Everett, kurz E, einziges ständiges Mitglied der US-Band Eels, einer der produktivsten Songschreiber Nordamerikas. Allein in den vergangenen anderthalb Jahren veröffentlichte der gern mit blauer Arbeiterkluft auftretende Künstler mit „Tomorrow Morning“ den letzten Teil einer Trilogie, die er 2009 mit dem garstigen Album „Hombre Lobo“ startete und Anfang 2010 tief melancholisch fortsetzte („End Times“). Inzwischen widmet er sich versöhnlicheren Tönen. Die positive Grundstimmung von „Tomorrow Morning“ sei ihm nicht schwergefallen, erzählt Everett im profil-Interview: „Es ist vielleicht mein einfachstes Album – eine Art musikalisches Aufbäumen nach dem proklamierten Ende.“
Dass das Leben nicht leicht ist, erlebte Everett früh: 1963 in einem grauen Vorort in Alexandria, Virginia geboren, verbrachte er seine Kindheit zwischen dem kalten Schweigen des Vaters und einer liebevollen, aber überforderten Mutter. Physischen Kontakt zu ihm nahm der Vater – ein alkoholkranker Quantenphysiker im Dienst des Pentagons – erstmals mit einer Zigarette auf, die er in der Hand des Sohns ausdrückte. Wenig später lag der Mann tot auf dem Fußboden des elterlichen Schlafzimmers. Herzinfarkt. „Ich erfuhr in wissenschaftlichen Fachmagazinen mehr über ihn als im gemeinsamen ­Leben“, gestand Everett in seiner 2008 publizierten Autobiografie.

Erst Ende der achtziger Jahre verließ E das elterliche Haus Richtung Los Angeles. Er arbeitete als Tellerwäscher und heuerte bei einem kleinen Musikmagazin als Telefonbursche an: „Das verschaffte mir zwar Zugang zur Musikszene, aber neben schlechtem Heavy Metal und Haarspray war damals nicht viel zu holen.“ Er begann seine Songs auf einem kleinen 4-Spur-Recorder im hauseigenen Wandschrank aufzunehmen – und die Übung gelang: Seine oft an Kindermelodien erinnernden Kompositionen erzählten traurig-schöne Geschichten und entfalteten gerade in ihrer Bescheidenheit echte Virtuosität. Auf Popularität musste er warten: Nach Jahren der Durststrecke konnte er 1991 einen Vertrag über zwei Alben bei Polydor Records erwirken, die er unter dem Pseudonym E veröffentlichte, damit aber für Verwirrung in den Plattenläden und bei der Laufkundschaft sorgte. So verwandelte sich der mysteriöse Mr. E mit dem Album „Beautiful Freak“ (1996) schließlich in die Eels.

Im persönlichen Gespräch gibt sich der Musiker diskret. E weist Fragen zu seiner Vergangenheit gern mit Verweisen auf seine letzten Alben ab oder kontert nonchalant mit Gegenfragen. Die Frage etwa, ob Religion eine Option für ihn sei, quittiert E mit schallendem Gelächter: „Dafür bin ich wirklich zu alt – ich glaube schon lang nicht mehr an Märchen.“ Das Œuvre der Eels ist von den zahlreichen Lebenstragödien des 47-Jährigen geprägt. In dem Meisterstück „Electro-Shock Blues“ (1998) thematisierte E den Freitod seiner Schwester, die sich zwei Jahre zuvor das Leben genommen hatte („Eliza­beth on the Bathroom Floor“). Wenig später starb die Mutter des Musikers an Lungenkrebs, 2001 saß seine Cousine – sein letzter familiärer Rückhalt – als Flugbegleiterin just in dem von Terroristen entführten Flugzeug, das in das Pentagon krachte.

Leichter werde es auch mit dem Alter nicht, argwöhnt E im Interview reserviert: Aber auch das Älterwerden selbst verliere „glücklicherweise immer mehr an Bedeutung“. Gern schart er namhafte Mitstreiter (unter anderem Peter Buck von R.E.M.) und eine bemerkenswerte Entourage an Musikern um sich; 2005 setzte er bei seinem hochgelobten Doppelalbum „Blinking Lights And Other Revelations“ sogar seinen Hund Bobby Jr. als „Gastsänger“ ein. Nicht ohne Koketterie erklärt E, dass er seine Songs nur für sich, keineswegs für seine Zuhörer schreibe. Zu seinen letzten beiden Alben spielte er dann folgerichtig auch keine Tour­neen mehr: „Ich fühlte mich nicht danach – und das Publikum hätte dies wohl auch gemerkt.“

Sein voluminöser Vollbart dient ihm als Schutzschild gegen äußere Einflüsse, wie er sagt. Das funktioniert indes nicht immer: Im Londoner Hyde Park wurde er erst unlängst von drei Polizisten aufgegriffen, die ihn aufgrund seines enormen Gesichtshaars für einen Terroristen hielten. Aber an die Launen des Schicksals ist E längst gewöhnt. „Eigentlich gibt es bei mir keine normalen Tage. Das Leben hat für mich nur Überraschungen parat.“