<i><small>Autodrom: David Staretz</i></small>
Alltag für Millionäre IV

In seiner vierten Generation stellt der Urvater aller SUVs klar: Wo oben ist, dort herrscht Range-Rover-Terrain – und zwar in sämtlichen Disziplinen.

Range Rover – ja, das sind die, die als Edel-Ableger der handfesten Land-Rover-Werkzeugkisten vor rund vierzig Jahren ihre Fahrzeugklasse gleich selber geschaffen haben und damit diesen gigantischen SUV-Trend einleiteten, der bis heute anhält, und kein Ende in Sicht. 2020 sollen es zwanzig Millionen SUVs sein auf allen Straßen der Welt.
Denn, wie man es trocken formulieren muss: Autos wie diese sind vornehmlich geschaffen für Leute, die eher vorsichtig in den Verkehr, in die Natur, in das Chaos der Welt blicken und gerne von einer gesicherten, gehobenen und komfortablen Position aus das Leben in Angriff nehmen. Dazu dienen große und auch kleine Hilfreichungen der Sicherheit und des Vertrauens:
Nie wieder böse Überraschungen im toten Winkel dank Warnsystem plus Näherungssensor, falls einer zu schnell aufschließt. Mitdenkender Bremsassistent, falls einmal einer vorne reinschneidet. Tempomat mit neuem „Queue Assist“ – das Auto trottet brav im Stau mit, während wir uns mit interessanteren Dingen beschäftigen; bremst jederzeit bis zum Stillstand ab. So ist der Range Rover seit Jahrzehnten nicht nur ein Geländebewältiger, sondern neuerdings auch ein universeller Alltags- und Krisencoach.

Betrachtet man die nunmehr vierte Evolutionsstufe von außen, so weist alles in diese Richtung. Die Proportionen (größere Räder, mehr Flanke, steile Bugreuse, gesenkte Dachlinie, blickdichtes Fensterband, keine Sicken, keine Spielereien) beherrschen die abweisende Architektursprache eines spanischen Kastells. Jeder Blick, jede Kritik rutscht an den glatten Flanken ab wie feuchter Schlamm. Sofort wird klar: Dieses Auto erschließt sich den Happy Few von innen.

Die genießen dann (in den jeweiligen Bestausstattungen) zwanzig Verstellmöglichkeiten der Vordersitze plus Sitzflächenverlängerung und Flügelkopfstützen sowie fünf Massagefunktionen. Executive-Class-Einzelsitze im Fond. Zwölf Zentimeter mehr Beinfreiheit. Elektrisch fahren die Trittbretter unter den vier Türen aus. Die Laderaumklappe, ohnehin legendär, wird jetzt elektrisch betätigt. Die Kombinationen aus Materialien und Farben erreichen den Individualitätsgrad von Fingerprints. So viel sei nur erwähnt, um einmal das (Aufpreis-)Niveau abzustecken, in dem wir uns hier ­räkeln, während hinten der 3,5-Tonnen-Trailer mit der Yacht, dem Reitpferd, dem Oldtimer dranhängt – der neue Range Rover schafft auch in der Disziplin Anhängelast den Weltmeistertitel seiner Klasse.
Der Wegfall der Hälfte aller bisherigen Schalter zeigt, wie viel Krimskrams aus BMW-Zeiten verzichtbar war. Denn im Grunde weiß das Auto selbst am besten, was zu tun ist. Drück nur den Einparkknopf und warte ab, bis Zeit ist auszusteigen. (Nebenbei ein schöner Benefit der neuen E-Servolenkung.) Drück den Bergabfahr-Assistenten und warte, bis du sicher unten angelangt bist. Fahr an der Steigung an, und der Wagen rollt keinen Millimeter zurück.

Dergestalt könnte man in den Irrglauben verfallen, der Range Rover sei ein fescher Salonsteirer und Gehsteigkanten-Kraxler für die Garagenauffahrt. Tatsächlich durchsetzt aber knochentrockene Offroad-Technik des Hauses seinen Wallpaper-Approach: mechanisch durchstrukturierte Allradtechnik vom Feinsten plus aufwändige Leichtbau-Fahrwerksarchitektur mit maximaler Achsverschränkung und Luftfederung, Federwege bis 310 Millimeter, Geländereduktion (synchronisiert bis Tempo 60), auf Wunsch samt separater Hinterachs-Differenzialsperre für Härtefälle. Der Range Rover ist ein hochspezialisierter Geländeprofi, das darf man nicht vergessen, wenn man mit bis zu 250 km/h deutsche Autobahnen entlangschnürt, speziell in der Top-Version: 510 PS aus dem 5-Liter-V8-Kompressor, hilfreich unterfangen von den intelligenten Dynamic-Response-Systemen, die Wanken, Rollen und Kurvenneigung des Wagenkörpers aktiv unterbinden. Low Speed Agility und High Speed Stability sind die Schlüsselbegriffe. Dabei ist der Wagen innen gespenstisch leise, solange man die Finger vom Lautstärkeregler lässt.

Wer – bei einem Einstiegspreis von rund 90.000 Euro – grundsätzlich bereit ist, 100.000 Euro in die Hand zu nehmen, dessen Denken bleibt sicherlich nicht lange in Vergangenheiten und Historizismen verhaftet. Man will das Beste, man will das Modernste, man will wissen, wo denn bitte schön nun ganz oben ist und wie es dort verdientermaßen aussieht, schließlich ist dies ein Geländewagen mit professionellen Steigwerten. Wie es Chefdesigner Gerry McGovern so salopp formuliert hat: Ein Range Rover wird nicht gegen andere Markenkonkurrenten aufgewogen, sondern reiht sich in die Entscheidungskette von Landsitz, Dressurhengst, ­Segelyacht, Prachtcollier und ähnlichen Must-haves der oberen Luxusliga. Schön. Alles klar. Aber womit bekomme ich diese Nagellackspur aus dem chamoisgetönten Semi-Anilinleder? Keiner soll sagen, bei Reichtum herrschen keine Alltagsprobleme.

david.staretz@profil.at