<i><small>Autodrom: David Staretz</i></small>
Ausmalen in Zahlen

BMW 320d xDrive. Und wenn man ­gerade in einer Sinnkrise steckt, kann man immer noch den Assist-Knopf drücken.

Bayerische Motorenwerke 320 Diesel Crossdrive Limousine klingt der Wagen ausgeschrieben, was vielleicht auch hilft, die Preisgestaltung besser zu verstehen. Nicht, dass er sich über den Preis am sinnigsten definierte – aber 57.000 Euro können schmerzen. Vor allem dann, wenn man sich vom Basis-Listenpreis in serienmäßiger Ausstattung (also der reinen Chimäre von € 31.329,–) hinaufquält in die regierende Faktenabteilung „Gesamtwert“, die sich in diesem Falle folgendermaßen errechnet:

Lackierung Mineralweiß Metallic plus Stoff Move Anthrazit: € 740,–
Sonderausstattungen: € 12.677,–
Gesamtpreis netto: € 44.746,–
MwSt. 20%: € 8.949,–
NoVA 6%: € 3.222,–
Gesamtwert des Testfahrzeuges: € 56.917,–

Was für grausame Zahlen, sie können einem alles verleiden. Und was steckt eigentlich hinter diesem ­Posten „Sonderausstattungen“, doch nicht ein extra Klein­wagen samt Klimaanlage? Also: Knapp 3500 Euro kostet ein so genanntes „Österreich-Paket Plus“, dem man offenbar bereits aus Gründen der Staatsraison verpflichtet ist. Schließlich beinhaltet es Posten wie Armauflage vorn, verschiebbar. Sitzheizung für Fahrer und Beifahrer. Geschwindigkeitsregelung mit Bremsfunktion. Klimaautomatik. Lichtpaket. Parksensoren. Servo­tronic. Durchladesystem 40:20:40. Eine Allegorie auf unser Land, könnte man sagen.

Um weitere 2230 Euro geht es sachlicher zur Sache: Das „Business-Paket Plus“ beinhaltet ein Navigationssystem Professional, BMW Assist, BMW Online, die erweiterte BMW Online Information Anbindung Bluetooth- und USB-Geräte, Internet-Vorbereitung. Musik-Schnittstelle für Smartphones. Also die gesamte Abteilung Gläserner Autofahrer. We know, where you are. Um weitere 680 Euro wird man mit dem Sicht-Paket erhellt: Automatisch abblendender Innenspiegel, adaptives Kurvenlicht, Fernlichtassistent. Lauter Dinge, die man nicht braucht, aber unbedingt will.

In der Liste weiterer meinem Testauto zugesprochenen Zutaten befinden sich das Sport-Automatic Getriebe (acht Gänge um € 2140,–), vier Achtzehn-Zoll-Räder mit Sternspeiche (die Manschettenknöpfe des Autos) um € 1310,–, eine verzichtbare aber leider sinnvolle Rückfahrkamera um € 360,–, Sportsitze, HiFi-Lautsprecher, Lederlenkrad und die Speed Limit Info (elektronische Tempotafel-Einblendung) um € 285,– die sich ja schnell amortisieren könnte. Der „Dachhimmel anthrazit“ geht da so ganz unauffällig mit wie die variable Sportlenkung und das Lederlenkrad. Wer sich all das Bisherige (eh durchwegs der Vernunft verpflichtet) gegönnt hat, wird nicht auf ein Lederlenkrad verzichten, die – wie nennt man das so passend? – Schnittstelle zwischen Fahrer und Kurve. Create your own car.
Ja, das war reichlich Zeug zu verarbeiten, kommt aber an die Realität des Autokaufens heran: Eine Business-Entscheidung höheren Ranges, die tagelange Überlegungen beansprucht, und jetzt wollen wir bitte Autofahren, denn dieser Wagen ist eine wirklich karrieregeil vorantreibende Vollzugsklinik in chronometerdichter Darstellung – im Lauf der Geschichte (die sich bereits in der sechsten Generation abwickelt) war der 3er-BMW immer ein wirkliches Kind der Kurve, bestes und schärfstes Argument für die klassische Aufbereitung Motor vorne, Antrieb hinten. Daran schmälert auch die Verwendung von Dieselkraftstoff nichts – der mit zwei Litern eher hubraumkleine Selbstzünder bringt 184 PS und reichlich Andruck bei niedrigen Drehzahlen.

Das Styling (also das, was über Design hinausreicht) konfrontiert uns mit der kultivierten und desto gefährlicheren Aggressivität eines Performers; da ist nichts dem Zufall überlassen und tatsächlich nimmt uns das Auto einiges an Durchsetzungsnotwendigkeit ab. Kein anderer beherrscht so gut die Sprache der immerwährenden Vorfahrt, welche uns mit Ausrufezeichen nahelegt: Besser drinsitzen als vorne hergescheucht zu werden.

So primitiv würde BMW das freilich nie ausdrücken und man hat immer ein schlankes Argument zur Hand: den Verbrauch. Tatsächlich kann man, ohne schulmeisterlich zu kutschieren, 6,8 l/100 km halten. Setzt man sich per Knopfdruck in den Sparmodus, kann man auf einer Anzeige ablesen, um wie viele Kilometer mehr Reichweite man einfährt gegenüber dem schnöden Normalbetrieb. So werden Firmenwerte geschaffen! Dann sollte man aber die Finger von den Schaltpaddles lassen, denn sobald man beginnt, Gänge abzufeuern wie personal weapons, gerät man in Gefahr, sich und andere zu vergessen, denn der Wagen ist richtig grandios unterwegs auf allen Vieren, und man sollte sich vielleicht hinsetzen und die ganze Aufstellung noch einmal durchrechnen, vielleicht lässt sich doch der eine oder andere Posten einsparen. Aber was ist das eigentlich für ein Knopf da oben, oh Mist, das hätte ich wohl nicht tun sollen. Schon klingt eine besorgte Damenstimme im Auto: „BMW Assist, Sie haben den Notruf ausgelöst, was ist passiert?“ „Äh, ah, tut mir leid, ich hab da nur so herumgefummelt.“ Sie, hörbar erleichtert: „Das macht ja gar nichts, bin ja froh, dass nichts passiert ist, so wissen Sie auch gleich, dass wir Ihnen notfalls mit Hilfe zur Seite stehen.“ Wünsche für ein schönes Wochenende werden ausgetauscht – war nett, mit Ihnen zu plaudern, freundliche Dame vom Notruf!

david.staretz@profil.at