<i><small>Autodrom: David Staretz</i></small>
Halbe Parade

Ein Range Rover Evoque parkt sich hinter mir ein, der untersetzte Fahrer steigt aus ...

Sein perfekt rundes Gesicht wird von einem weiß strahlenden Bart eingefasst; er streift meinen Evoque mit treuherzigem Blick und fragt: "Sie fahren doch auch den großen Turbodiesel?“ "Ja“, antworte ich vorsichtig, "mit 140 Kilowatt“. Neuerdings liebe ich es, mich in Kilowatt auszudrücken. Vor allem bei Autos, die nicht mir gehören. "Und geht es Ihnen auch so, dass Sie beim Anfahren manchmal denken, der Motor verhungert? Ich bin vorher BMW X5 gefahren, und der ging ganz anders weg von unten. Hiermit (er deutet mit dem Daumen nach hinten) fährt mir ja jeder an der Ampel davon.“ Ich nicke grämlich und antworte mit demonstrativem Blick auf meine Armbanduhr: "Ja, das dauert bisweilen zum Mitzählen lang. Hier überlagern sich offenbar Turboloch und Nachdenklichkeit der Getriebeelektronik.“ Der Mann erzählt, dass er ohnehin schon in der Werkstatt war, und dort habe man ihm zu verstehen gegeben, dass beim nächsten Modellwechsel ein schneller rechnender Computer anstünde. Bis dahin sei halt nichts zu machen. Ich schlage vor, ein wenig am Gaspedal zu pumpen, wie ich das mache, um die Automatik aufzuwecken. Er blickt zweifelnd die Straße hinab. "Und das Navi“, fragt er sich in Fahrt, "was sagen Sie dazu? Ich verlass mich nur noch auf dieses“, und zieht sein Smartphone hervor. Ich erzähle, dass mich das Navi in einer weiten Rechtskurve von der Straße heruntergeholt und auf einen sekkanten Güterweg geleitet habe, der schließlich, nachdem ich eine Böschungssenke durchfahren hatte, wieder auf die Straße hinaufbrachte. "Ich fand das amüsant.“

Wir verabschiedeten uns freundlich. Etwas beschämt blickte ich auf das Auto zurück. Hatte ich den Evoque für ein paar billige Pointen verkauft? Eigentlich mag ich ihn. Er sieht so fantastisch chic aus, dass ich kapituliere. Ein weißer Evoque im Rückspiegel zählt zu den gehobenen Reizen.

Es dürfte tatsächlich so gewesen sein, dass Ratan Tata, Vorstand der indischen Tata Group, der die Marken Jaguar und Land Rover von BMW erwarb, sein Versprechen hielt, Geld zu geben und sich nicht weiter einzumischen. Damit wurde man mutig und nahm das 2009 in Detroit vorgestellte Concept Car LRX geradezu unverändert in Serie, dreitürig, fünftürig, mit Allrad, mit Frontantrieb, mit Diesel- und Benzin-Vierzylindermotoren, stylish, extravagant, in Modefarben, mit Klavierlackleisten, seit der Peking Motor Show auch in einer limitierten Victoria-Beckham-Edition.

Noch nie war ein Range Rover so modemutig, so urban shaped, so fashion addicted. Die alte Garde ehrenwerter Techniker hat kopfschüttelnd kapituliert - der Fortschritt mit seinen gnadenlosen Erfolgsstrategien ist nicht mehr aufzuhalten; längst geht es nicht mehr um die Bewältigung von Savannen, ausgetrockneten Flussläufen und Bergpfaden, sondern um das Beackern von viel schwierigerem Terrain: den steinigen und oft rätselhaften Wegen, auf welchen an den Käufer/die Käuferin von teuren Luxusfahrzeugen heranzupirschen ist.

Mit dem Evoque wurde die letzte mögliche Weggabelung zurückgelassen, hier geht es nur mehr voran in Richtung Luxus, Moden, Lifestyle, formal mutig, aber technisch völlig gefestigt. Das kann amerikanischen Millionärsgattinnen plus deren Töchtern gefallen: ein cooles, zum Make-up passendes Accessoire mit hohem Neidfaktor, zugleich ein safety tool from good old England mit hochkarätiger technischer Präzision. Wie mit dem Programmmodus einer FinePix-Kamera lassen sich matrizenhaft sämtliche Geländeformationen aufrufen und per Knopfdruck neutralisieren. Der Geländeabwärtsgang lässt sich über den Tempomat in Feinabstimmung dosieren. Per Touchscreen operieren vom Fahrersitz aus überwachbar fünf Kameras, die notfalls sogar unter Wasser funktionieren und den Stand der Räder zeigen. Sogar ein Vorderachs-Radstellungsindikator steht im Hauptdisplay zur Verfügung. Er zeigt (z. B. im Schlamm) den augenblicklichen Lenkeinschlag an.

Ist euch schon schlecht? Dann habt ihr nichts kapiert. Dieses Fahrzeug, ein Schlag ins Gesicht beherzter Offroad-Spezialisten, ist mutiger, als wir alle uns das ausmalen können. Es wurde völlig gegen den Strich konzipiert, als hätte man Technikern einen Bergschuh mit dem Auftrag überreicht, daraus eine Prada-Clutch zu fertigen.

Und das Tolle dabei: Die haben es geschafft. Und wer sich nicht für die optionale 20-Zoll-Bereifung entschieden hat, findet notfalls sogar Platz, um Schneeketten umzulegen.

Lifestyle-Optionen (Surround-Kamerasystem, heizbares Lenkrad, 825-Watt-Anlage, Einpark-Assist, Fernseher, E-Heckklappe, heizbare Windschutzscheibe, iPhone City App) sind sonder Zahl zu haben und lassen den theoretischen Einstiegspreis von 33.100 Euro für das basismotorisierte Fronttriebsmodell zurück am fernen Ufer.

Und ja, Pumpen am Gaspedal hilft, Herrenreitern englischen Stils ist das vertraut als halbe Parade am Zügel, um das Pferd für das folgende Manöver aufmerksam zu machen.

david.staretz@profil.at