<i><small>Autodrom: David Staretz</i></small>
Winter statt Umwelt

Wie mit der Kälte die guten Bedenken schwinden und wir zugleich die Qualität der Fehler schätzen lernen.

Wenig ist dieser Tage von Elektroautos zu hören; lieber genießen wir die Vorzüge des Allradantriebs und erfreuen uns der dreistufig elektrischen Sitzheizung. Vorbehalte gegenüber massiven Vans, SUVs oder überpraktischen Pick-ups schwinden, sobald wir selbst es sind, die schwere Türen hinter sich zuziehen, den Motor anwerfen und den Schneebefall der Nacht mittels muskulöser Scheibenwischer abwerfen. Voll das Gebläse, geheiztes Glas, geheizte Spiegel. Will und kann man wirklich eines Tages auf all das verzichten?

Kaum. Wer sich gegen massiven inneren Widerstand („Wird uns die Umwelt das je verzeihen?“) mit handfesten Argumenten von der Notwendigkeit einer Ladefläche überzeugt hat („Was, wenn sich Oma in der Patent-Gästebettbank verklemmt? So passt sie ja in keinen Krankenwagen!“), wer also gelernt hat, der Stimme der Vernunft zu folgen, der verfügt mit Autos wie Nissan Navara, Mitsubishi L200, ­Toyota HiLux, Mazda BT50, VW Amarok über eine umfassende Strategie gegen die Willfährigkeiten des Alltags (Nachbarn), für Katastrophenfälle (Schnee), die Urlaubsreise (Ski, Rodel, Snowboard) – und rüstet zur Entlastung der engeren und zugleich umfassenden Umwelt: Diesel, 11,2 l/100 km, Partikelfilter. Wir fahren und sparen im Dienste der All-Gemeinheit. Und wenn ihr wo stecken bleibt, ziehen wir euch vielleicht raus.

Wer sich also in sämtlichen relevanten Belangen eines gesteigerten Altruismus versichert hat, muss keinerlei Hemmungen mehr haben, sich einen 35.000-Euro-Pick-up anzuschaffen. Oder gibt es noch irgendwo irgendwelche Vorbehalte gegen Autos wegen ihrer angeblichen Hässlichkeit? Schon gar bei Pick-ups? Form follows function, wie man weiß, also wo ist das Problem?

Wunderbar, wie wir uns das Beliebte schönreden können, vielleicht ist das überhaupt das Haupttalent und Hauptproblem unserer Zeit. Unserer Zeiten, müsste man im Plural sagen, denn wir haben so viel Prozent mehr Inhalt in unsere Leben gepackt, dass wir glatt mehrere Generationen kurz durchschütteln und sofort professionell verstreichen können. Leider müssen wir in sämtlichen Daseinsphasen lesen, dass Ruß in der Atmosphäre mittlerweile zum drittgrößten Verursacher der Erderwärmung erklärt wurde, zumindest in solchen Untersuchungen, die sicher nicht unwidersprochen bleiben.

Aber wie gesagt, es herrscht Winter, und der Nissan ­Navara ist in seiner massigen Präsenz ein überzeugend gutes und sogar schlichtes Auto, was die Klarheit und Einfachheit der Bedienung, der Ablesbarkeit, der logischen Funktionen betrifft. Auch die gesamte Hierarchie der Informationselektronik wurde vorbildlich gelöst; das Navigationssystem ist ein gutes Beispiel für schlaue, nutzergerechte Bedienführung, die keine Vorbildung verlangt.
Und, dieses Paradox beweist sich immer wieder: Je größer das Auto, desto leichter findet man Parkplätze. Vor allem, wenn sich diese schneehaufenbedingt nur für hochbeinige Allradfahrzeuge erschließen.

Zweifellos sind wir gerade in solch martialischen Fahrzeugen, die Ängstliche genauso lieben wie jene, die sich von Pick-ups am besten dargestellt wissen, am besten aufgehoben. Sogar jene Minderheit, die tatsächlich im Wald zu tun hat und dazu noch drei, vier Leute im Arbeitstrupp benötigt. Die Kombination aus Doppelkabine und Ladefläche ist optisch zweifelhaft, als realistischer Kompromiss jedoch überzeugend gelöst. Üblicherweise gehen Pick-up-Besitzer noch weiter und besorgen eine Kunststoffabdeckung samt versperrbarer Heckklappe, was die Angelegenheit zwar noch weiter verfälscht, aber den Vorteil hat, dass man im Winter keine Schneelasten herumführt, die sich dann auf der Autobahn als weiße Wolke verstreuen.

Wir sind längst an dem Punkt angelangt, wo Autos (und jegliche Technik insgesamt) weniger nach ihrer Lösungsgüte, vielmehr nach ihrer Verträglichkeit beurteilt werden müssen. Es ist sogar zu befürchten, dass dieser Punkt schon längst unabänderbar in uns liegt. Wer ihn nachsucht, gilt als Romantiker, der seine Holzlatten mit Lederriemen an Wanderschuhen befestigen will und Pässe im Retourgang bezwingen sollte, wie dies vor hundert Jahren noch der Fall war.

Das Dumme ist nur: Wir können uns nicht wohlfühlen mit unseren Errungenschaften; irgendwo, und zwar weitgehend unbemerkt, sind wir übers Ziel hinausgeschossen und tun dies natürlich immer noch. Dazu möchte ich meinen Kollegen Thomas Vašek zitieren, der in der vorigen Ausgabe von profil so treffend über den neuen Kindle-Reader berichtet hat als typisches Beispiel „für ein scheinbar paradoxes Phänomen: Der Nutzen eines Geräts wächst nicht linear mit seiner technischen Perfektion. Die Imperfektion der analogen Welt hat den Vorteil, dass sie menschengerecht ist. Das gedruckte Buch mit all seinen Nachteilen ist das beste Beispiel.“
Immerhin lässt sich unseren Autos doch noch ein wenig Imperfektion zugestehen. Man sollte jedenfalls nicht müde werden, diese hervorzustreichen.

david.staretz@profil.at