<i><small>Autodrom: David Staretz</i></small>
Y wie Chrysler

Der kleine Lifestyle-Lancia entging knapp der Amerikanisierung, aber vier Türen haben noch keinem geschadet.

Der Autobianchi A112, heute fast aus dem Straßenbild verschwunden, hat sich vor 40 Jahren unvergänglich gemacht als erster richtig cool-eleganter Kleinwagen. Doch, doch. Der Ur-Mini der sechziger Jahre war zwar pfiffig (ein cooleres Wort gab es damals noch nicht) und drollig, aber diese urbane Eleganz und dass junge Frauen darin besonders gut aussahen, das gelang erst dem Autobianchi, der 1969 rausgekommen war. Es gab eigentlich nur dieses eine nennenswerte Modell, sodass Marken- und Typenname gleichbedeutend waren.

Fiat, der Autobianchi angehörte, hatte schon immer so einen Hang, Dinge zum Schlimmeren zu drehen, gelungene Modelle zu verunstalten. So wurde das, was zeitlos war am A112 und feinverstrebt, immer plumper und plastikverkleideter. Schließlich war eh niemand mehr traurig, als Autobianchi 1986 von der Bildfläche verschwand.

Damit bot sich die Chance, einen Nachfolger frisch auf dem weißen Blatt zu entwerfen (auf technischer Basis des Fiat Panda, der damals noch als "Tolle Kiste“ vermarktet wurde). Fiat war immer schon locker mit Marken, die man sich einverleibt hatte, so war es kein Problem, den Autobianchi-Nachfolger plötzlich als Lancia Y10 rauszubringen. Das Ergebnis war - na ja, außerhalb Italiens war man eher enttäuscht. Unauffälliges Äußeres mit Avantgarde-Touch; mit Design angereicherter Innenraum. Schlagwort der Zeit: Alcantara!

Lancia, das ist schon ein Name - andere würden viel geben für so einen Markenwert, aber Fiat schien immer etwas belästigt von diesem Erbe. Als würde ihr Lancia die Show stehlen. Schon der Buchstabenwert Y, mit dem man den Kleinwagen (in alter Lancia-Tradition) benannte, zeigte, wo man ihn einreihte. Der Y10, später nur noch Y genannt, machte mehrere Mutationen durch, zuletzt sah er einfach nur noch aus wie ein Meerschweinchen (wofür er gefragte Design-Preise erhielt).

Erst seit heuer, als das Modell New Ypsilon auf den Markt kam, schaffte man den wahren Wertfaktor für dieses Modell: vier Türen statt wie bisher zwei.

Man kann ja heutzutage verwindungssteif genug konstruieren, um diese Durchgängigkeit auch kostengünstig herzustellen. Man darf die technische Frage nicht unterschätzen. Wenn man bei einem Kleinwagen wie diesem alle Türen, die Motorhaube und die Heckklappe öffnet, bleibt kaum noch Auto übrig. Dem verbleibenden Rest obliegt es, die Ohren steif zu halten. Dabei half es, sich der verlängerten Plattform des Fiat 500 zu bedienen.

Trotz der gelungenen Lösung machte man aus der Fünftürigkeit keine große Sache, sondern versuchte sogar, die beiden Fondtüren optisch zu verbergen, zum Beispiel, indem man die Türgriffe, wie das seit dem Alfa 156 Mode geworden ist, in der C-Säule versteckte. Seither gilt das als elegant. Wie alle guten Tischzauberer wussten die Lancia-Designer, wie man die Ablenkung perfektioniert: Man schafft einen massiven Kühlergrill, von dem alle Blicke angezogen werden, weil man ja mindestens zweimal hinsehen muss, um sich klar darüber zu werden, ob das eine stringente Lancia-Lösung ist oder ob da schon die Chrysler-Schwesternschaft hineinreklamiert wurde.

Sie wissen ja: Seit heuer sind Lancia und ausgerechnet Chrysler leibhaftig gewordene Synergien, und zwar so radikalinski, als hätte man zwei beliebige Passanten in einer siebenundvierzigstündigen Operation am Knopfloch zusammengenäht. Chrysler Y heißt er aber nur im rechtsgelenkten UK, der Verkauf in den USA wurde abgesagt.

Jedenfalls gefällt der Y durch gefälliges Design, hohe Wertanmutung, saubere Verarbeitung und aufwändige Technik. Der Vierzylinder des 1,2-Liter-Modells liefert brauchbare, aber erzsparsame 69 PS, mit dem 40-Liter-Tank kommt man locker 600 Kilometer weit; man liebt es, den Schalthebel, der wie ein aufmerksamer Dackel dasitzt, zu halsen. Dass man ständig ins Leere schaut, liegt daran, dass der Armaturenkasten in Wagenmitte gerückt ist, was wohl beim Umbau auf Rechtslenker Kosten spart, sonst aber nur Beifahrer alarmiert, die plötzlich misstrauisch den Tacho kontrollieren und ihn mit den aktuellen Geschwindigkeitsbeschränkungen vergleichen. Als Basismodell ist der Y 1,2 ab 12.500 Euro zu bekommen, doch die angenehme Nützlichkeit von Einparkhilfe, Klimaautomatik und sonstigen Luxusnettigkeiten, von denen man vorher nicht wusste, wie sehr man sie braucht, hebt den Preis ganz schnell auf 17.000 Euro, die der Ausstattungsrealität unserer Tage entsprechen.

david.staretz@profil.at