<i><small>Autodrom: David Staretz</i></small>
Die neue Entwundenheit

Doch zum Schluss gibt es als Belohnung eine gute Nachricht, selbst für Nichtraucher.

Vielleicht freuen wir uns ja heimlich über das internationale Interesse, das jeder von uns zu wecken scheint. Vielleicht wissen wir bloß nicht, wie wir uns eigentlich wehren sollen gegen etwas, das nicht sichtbar ist und nicht wehtut. Vielleicht knüpfen wir auch Hoffnung an den Gedanken, dass unsere Daten aus anthroposophischen Gründen so leidenschaftlich botanisiert werden. Diese Sammelwut, diese Energie dahinter - es ist für uns unvorstellbar, welch Impetus hinter solcher Fleißaufgabe steckt. Und wahrscheinlich sind wir schon zu sehr in die annehmlichen Errungenschaften der vergangenen fünf bis zehn Jahre hineingesumpft, um Google, Facebook und Smartphone noch infrage stellen zu wollen. Bequemlichkeit siegt, zwangsfreier Rückschritt ist in der Evolution nicht vorgesehen.

Schon steuern wir auf die nächste Maschenverdichtung zu: vernetzte Autos. Wie künftig alles Weltkonsumbewegende, werden sie uns unter der Maxime Sicherheit/Komfort/Freiheit angeboten, einer Killerkombination, gegen die es einfach keine rationalen Argumente gibt. Denn der zum Werbejargon verkommene Begriff der Freiheit ist in einer Zeit, da wir keine körperhaft persönlichen Einschränkungen erleben, kein dringliches Thema. So wie sich Gesundheit durch Krankheit definiert, wird auch die Freiheit erst dann ersehnt, wenn wir sie vermissen. Insofern erscheint uns Benjamin Franklins Postulat "Those Who Sacrifice Liberty For Security Deserve Neither“ auf den ersten Blick utopisch und veraltet zugleich. Bombastischer Idealismus. Erst im zweiten Gedanken erkennen wir, wie radikal und mutig dieser Satz dasteht und wie restlos gültig er bleibt und demnächst auch wieder aktuell zu werden verspricht, wenn das so weitergeht.

Die Autos. Waren die nicht bis vor Kurzem die Sinnbilder des Ungebundenen, geradezu Wahrzeichen der individuellen Entscheidungs-und Mobilitätsfreiheit? Schnell wandelt sich das Bild. Connected Drive heißt so ein Schlüsselwort der Angebundenheit, und hoppla!, der erste Satz, mit dem BMW seiner der Website die Erklärung dazu einleitet, beginnt mit einem Freiheitsversprechen: "Frei, das zu tun, was Sie wirklich möchten.“ Was schon einmal ein bemerkenswerter Einstieg ist von einem Autohersteller. Immerhin nimmt er für sich in Anspruch, zu wissen, was wir wirklich wollen. Nämlich via Apps von BMW -ConnectedDrive - verbunden werden mit "allem (…), was Ihnen wichtig ist. Mehr Komfort bieten die BMW ConnectedDrive Fahrerassistenzsysteme - damit Sie sich auf das Wesentliche konzentrieren können. Dabei haben Sie die freie Wahl: Reiseleiter, Entertainer oder Schutzengel - wer Sie auf Ihrer Fahrt begleitet, bestimmen Sie.“ Allerdings gibt es kaum noch die Möglichkeit, sich den vernetzten Errungenschaften zu entziehen: "Bis heute hat die Innovationskraft der BMW-Ingenieure ein beeindruckendes Portfolio an Technologien und Diensten hervorgebracht, die Komfort, Infotainment sowie Sicherheit steigern - und für noch mehr Freude am Fahren sorgen. Das begeistert nicht nur BMW-Fahrer, sondern auch Fachjournalisten und Expertenjurys.“

Es ergibt jetzt keinen Sinn, diese raffiniert durchsetzten Wunsch-und Anbindungs-Einschmeichelungen weiter darzulegen, weil es mir nicht darum geht, BMW als Einzelmarke zweifelhaft darzustellen. Wobei ich auch zugeben muss, das es angesichts dieser raffiniert verbindlichen Textformulierungen gar nicht leicht ist, sich wirkungsvoll abzusetzen: "ConnectedDrive - ein Technologie-Paket voller Services und Apps, das Sie eng mit der Außenwelt vernetzt. Damit können Sie Dinge schneller und leichter erledigen und mehr Zeit für das Wichtigste haben: Ihre Familie, Freunde oder Ihre Freizeit.“

Denn noch gilt die Harmlosigkeitsvermutung.

Und mit der fahren wir immer noch am besten. Denn dass jetzt auch amerikanische oder britische oder deutsche Geheimdienste in unseren Autos mitfahren sollen, ist zu absurd, um mitten am Tag friedlich erörtert zu werden. Hier werden Autos verkauft, aber wir treten jetzt nicht mehr gegen den Vorderreifen, sondern regeln die Klimaanlage per Handy. (Und alle Geheimdienste müssen das jetzt registrieren, diese armen Pfeifen!)

Außerdem herrscht jetzt noch Steinzeit angesichts dessen, was da draußen schon alles vorbereitet ist und auf uns zukommt wie eine gewaltige Cloud, die einfach alles schluckt und überschattet, was wir tun und denken. Nur ein Stichwort zum Vorausfürchten: selbstfahrende Autos. Sie registrieren alle relevanten Gegebenheiten, kennen die besten Wege zur Stau-Umfahrung und den von den zuständigen Technikern so gern zitierten "besten Italiener der Stadt“, sie lenken, bremsen, überholen und rangieren sich von selbst in als frei gemeldete Parkplätze ein. Damit ist uns das Auto dann auch körperhaft entwunden (wie man erfährt, zu unserem Besten).

Auch hier werden offenbar die technischen Spezialisten stil- und moralbildend einwirken, denn es gibt keine übergeordnete Instanz, die ihnen in der Geschwindigkeit der Entwicklungswut folgen kann, wie man ja in allen Belangen erkennen muss, etwa beim musikalischen Urheberrecht, das immer noch auf dem Stand des Musikkassetten-Überspielens ist. Aber das führt jetzt zu weit.

Immerhin, und das ist die gute Nachricht, darf man im Auto noch rauchen. Das erfreut sogar mich als Nichtraucher.

david.staretz@profil.at