<i><small>Autodrom: David Staretz</i></small>

Das Autofahren beginnt mit dem Anspringen des Motors. Wer dies als selbstverständlich hinnimmt, begibt sich einer täglichen Freude.

Ich versuche eine Parkuhr zu zeichnen, aber aus dem grünen Kugelschreiber mit der Aufschrift Lotus tropft Benzin. Durch den semitransparenten Kunststoff erkennt man, dass er zu einem Viertel gefüllt ist. Hier ist eine Erklärung angebracht.

Mein Land Rover ließ schon seit einiger Zeit Startschwierigkeiten erkennen. Federndes Gaspedalpumpen oder Spielerei mit dem Chokeknopf halfen, den Motor doch noch ins Laufen zu kitzeln. Das war ich nicht gewohnt, der unterforderte Benzinmotor der Land-Rover-Serie III ist grundsätzlich ein Anspringer und Allesschlucker, und wenn er plötzlich versagt, bin ich in höchstem Grade nervös und alarmiert, weil dies das einzige Auto ist, das ich persönlich nehme. Also lasse ich mich aus dem Sitz fallen und eile nach hinten, zum Auspuffrohr. Intensiver Benzingeruch sagt mir, dass der Motor abgesoffen ist, also völlig durchfeuchtet von fettem, nicht mehr zündfähigem Gemisch. Ich suche den Zündkerzenschlüssel im Bordwerkzeug, merke aber, dass es der Schlüssel für die Messerblatt-Mutter meines Rasenmähers ist. Also eile ich zum nahe gelegenen Baumarkt. Sieben Euro zwanzig kommen mir teuer, aber gerechtfertigt vor. Als ich wieder zum Auto zurückkehre und noch einen lustlosen Startversuch mache, springt der Motor aufreizend leicht an.

Als er zwei Tage später wieder nicht startet, entferne ich mich demonstrativ, um so zu tun, als würde ich einen Zündkerzenschlüssel kaufen. Dabei ahne ich schon, dass dieses Manöver nichts nützen wird. Auch fehlt mir die Geduld, und ich kehre auf halbem Weg um. Ist ja zu blöd. Lieber mache ich mich daran, die erste Zündkerze herauszuschrauben. Ihre Kontakte triefen vor Benzin. Ich wische sie am Hemdzipfel ab. Nur zum Spaß mache ich einen Startversuch. Der durch das offene Kerzenloch verursachte Kompressionsmangel im ersten Zylinder lässt den Motor viel schneller durchdrehen als sonst. Gleich springt er an und läuft holprig, aber tapfer auf drei Zylindern. Ich denke kurz, vielleicht kann das so bleiben. Der Motor springt leichter an, und mit drei Zylindern brauche ich weniger Benzin. Aber ist das ein Leben? Dann setze ich die Kerze wieder ein. Motor läuft.

Aber ich kann doch nicht jedes Mal die Kerze rausschrauben. Also ändere ich beim nächsten Mal meine Taktik und ziehe den Benzinschlauch ab, um den Vergaser trockenlaufen zu lassen. Das hatte ich schon öfter praktiziert, vorzugsweise bei meinem alten Jaguar, der ein ähnlicher Kandidat ist. Ein Bleistift wäre jetzt ideal, um damit den Benzinschlauch abzupfropfen, der zum Vergaser führt. Aber ich finde nur den Lotus-Kugelschreiber. Geht auch. Der Starter hat ­einiges zu drehen, bis der Vergaser fast leer gesaugt ist, dann springt er tatsächlich an. Im nächsten Moment ist der Motor verdurstet, stirbt ab. Ich werfe den Kugelschreiber ins Auto und stecke den Benzinschlauch wieder an. Der Motor startet.

So geht das wochenlang, bis ­eines Tages der Moment kommt, wo ich den ARBÖ anrufe, weil schließlich gar nichts mehr geholfen hat. Der Mann ruft nach einer halben Stunde zurück und sagt, in Sigmundsherberg ist so ein Gewitter, dass er fast in die Hosen macht. Ich kann die Wolkenwand in der Ferne sehen. Oje ein Junger, denke ich, als er aus dem Pannenwagen steigt. Dann merke ich aber, dass er sich auskennt mit Prüflämpchen und Verteilerfinger-Einstellen. Er probiert alles technisch Mögliche. Am nächsten Morgen, sonntags um neun, bringt er sogar andere Zündkabel und eine neue Verteilerkappe, doch nichts ­gelingt. Er rät, ich möge einen kompletten Verteiler kaufen, was schließlich zum Durchbruch verhilft.
Sogar die Abgasüberprüfung, bislang immer eine Zitterpartie mit allerlei Zauber an den Vergaserschrauben, gelingt auf Anhieb mit Bravour.

An dieser Stelle beendete ich diesen Text, um über das Wochenende noch einen besinnlichen, alles umfassend erklärenden Schlusssatz zu finden. Es fiel mir keiner ein. Stattdessen blieb morgens der Motor kalt. Ich startete die Batterie zuschanden, ohne Erfolg. Ich veranstaltete das obligate Brimborium, von angedeutetem Kerzenschlüsselkauf bis zur Extraktion dreier Kerzen. Die vierte ließ ich drin. Den letzten Gefallen wollte ich ihm nicht machen. Dann rief ich in Horn an. Der ARBÖ-Mann erkannte mich am ­Telefon. Keine Gewitter heute. Er probierte wieder sein ganzes Wissen und Können durch, vergebens. Was ich ihm noch hoch anrechnete: Er sagte kein abschätziges Wort über mein 35 Jahre altes Auto. Meinem Vorschlag, den Land ­Rover anzuschleppen, begegnete er mit leiser Skepsis, aber er war dafür zu haben. Drei Meter nach dem Einkuppeln sprang mein Motor an. „Ich hätte zehn zu eins dagegen gewettet“, sagte er. Aber klüger waren wir deshalb auch nicht. „Darf ich Ihnen einen Tipp geben?“, sagte er, „stellen Sie ihn immer mit dem Motor zur Sonne. Das hilft meistens.“ Ich verstand und bedankte mich gerührt. Er hatte mein Auto verstanden – es liebt halt die Sonne. Der Lotus-Kugelschreiber funktioniert wieder, ich hab ihn einem kleinen Jungen geschenkt.