<i><small>Autodrom: David Staretz</i></small>
Ausgelagertes Autofahren

Familienaufstellung: Alle sehen den Tacho, und jeder hat eine Meinung.

Der Citroën C3 Picasso befindet sich in der etwas dicht geratenen Modellpalette zwischen Nemo Kombi, einem Tiefseewesen von schaurig drolligem Aussehen (baugleich mit dem Fiat Fiorino), und dem braven Berlingo, einem ähnlich gepreisten Lieferpragmatiker mit Schiebetür und Hipness-­Index. Das war reichlich Information zum Einstieg, aber es wird ja immer schwieriger, Autos in ihren Kategorien, Sub- und Nebennischen zu finden und zu begründen. Zumal das Fach „bemühter Doch-nicht-Nachfolger“ (des 2CV) schon reichlich überbesetzt erscheint. Alle drei huldigen der Kastenform, was heute offenbar zum Originellsten gehört, das man sich noch auf Rädern vorstellen kann.

Immerhin sind das Autos, über die man noch gern berichtet, weil sie auf französische Weise eigen sind, nie ganz befriedigend in der Sitzposition, futuristisch in Details, mit Duftpatronen bestückt – und im Grunde doch nur ganz brave Gummikühe, die man reue­los übers Land scheucht. Ausgelagertes Autofahren, könnte man sagen, zumal die 109 Diesel-PS in der Testversion ziemlich herzlos getreten werden können und doch kaum mehr als acht Liter Kraftstoff auf hundert Kilometer benötigen. Allerdings versuchte ich ständig, in einen sechsten Gang hochzuschalten. Ungünstigerweise fand ich rechts unten in der Schaltkulisse aber nur den Retourgang vor, der mich fräsend anfauchte, sobald ich mich intuitiv vergaß. Rückschluss: Der Motor war wohl doch etwas zu laut in den oberen Touren, auch wenn das Auto insgesamt als akustisch angenehm empfunden wird.

Wenn ein Wagen außen so reduziert aussieht, muss sein Thema innen zu finden sein. Tatsächlich erfreut die Räumlichkeit durch Größe, Laderaum und Helligkeit. Vor allem der vordere Bereich hat Lieferbusqualität mit seinen feinen, dreiecksverglasten Doppelstreben und der nach oben zu nicht enden wollenden Windschutzscheibe. Man fühlt sich demnach etwas zu exponiert in der Auslage, irgendwie den Witterungen ausgesetzt, auch wenn die Klimaanlage ihr Bestes gibt. Allerdings scheinen die Scheibenwischer nicht über das volle Ausmaß ihrer Aufgabe instruiert worden zu sein. Sie versagen obenhin völlig, was sich vor allem auf Beifahrerseite in Form riesiger ungewischter Zwickel offenbart. An der SB-Tankstelle hat man dann richtig viel zu tun. (Ein Hoch an dieser Stelle allen Pächtern, die Insektenschwämme bereitgelegt haben.)

Der Fahrer- und Beifahrerbereich wurde ziemlich demokratisch angelegt, was die Informationspaneele betrifft, deren groß eingespielte Anzeigen jedem im Raum gleichermaßen zugänglich sind. Eine gefährliche Herausforderung des Familienfriedens. Plötzlich fühlt sich jeder angesprochen, wenn beispielsweise die Zahl 145 zu erkennen ist, eine an sich harmlose, im Kontext empfindlich das Haushaltsbudget treffender Verkehrsstrafen jedoch höchst brisante Ansage. Möglicherweise piepst der im Sicherheitspaket enthaltene Tempobegrenzer auch noch mit hinein. Früher blieb das wahre Tempo meist ein in die sicheren Hände von Papi gelegtes Geheimnis, das nur selten von uniformierten Spiel­verderbern gelüftet wurde.

Citroën versucht hier offenbar, seiner historischen Rolle als Avantgardist unter Gleichgepolten gerecht zu werden. Aber die Zeiten von Einspeichenlenkrad, Badewannen-Tacho (oder gar jenem, dessen Antriebswelle gleichzeitig die Scheibenwischer antrieb) und Schirmstockschaltung sind lang vorbei. Immerhin steckt der Schalthebel weit oben in Griffweite zum Lenkrad und ist damit fast diesem Bereich zuzuordnen wie die übrige Funktionsüberladung. Denn rund um das Lenkrad gruppieren sich in verdeckten Hebeln: die gesamte Lichtbedienung samt Blinken, die gesamte Scheibenwischerbedienung (samt undurchschaubar agierender Sensormatik), die gesamte Tempomat-Einstellung sowie die völlig überfrachtete und ergonomisch zweifelhafte Radiofernbedienung des nur zwanzig Zentimeter weiter entfernten Radios, das wiederum bewusst bedienunfreundlich gehalten wurde, weil ja die Hauptbedien­einheit hinterm Lenkrad steckt. Blöd, wenn man so rechthaberisch wird, aber anders lassen sich diese Dinge nicht erklären.
Dafür sitzt man ganz gut und verfügt vor allem hinten dank erhöhter Einzelsitze über den Luxus des Drüberschauens. Die Sitze lassen sich auch separat längsverstellen, da fühlt man sich auch als Nummer drei oder vier ernst genommen und gibt gleich viel selbstbewusster seinen Kommentar zur laufenden Geschwindigkeit ab.

Lange wollte ich davon nichts wissen, heute muss ich aber zugeben: Die beste Methode, essenzielle Informationen zu vermitteln, ist die Einspiegelung der laufenden Zahl in die Windschutzscheibe, wie das BMW beispielsweise perfekt beherrscht. Man sieht unabgelenkt auf die Straße und hat doch immer die genaue Geschwindigkeit im Blick. Das wird ja jetzt, wo die Toleranzen schwinden und die Tarife steigen, immer wichtiger. Denn auch die Zeiten, als man sich von der Tachoanzeige 130 gleich einmal zehn km/h abziehen konnte (die man dann beim Höchstgeschwindigkeitsvergleich unter Freun­den noch extra aufschlug), sind vorbei. Demnächst gefragt: Autos, die unaufgeregt fahren und trotzdem viel Spaß machen.