<i><small>Autodrom: David Staretz</i></small>
Immer auf Umluft

Gefeierte Marken sind immer dort am interessantesten, wo die höchste spezifische Dichte herrscht – im unteren Segment.

Der Alfa Romeo MiTo erinnert an ein ganz frühes Blechspielzeug mit „Uhrwerk“-Motor, an ein Kindertret­auto der Zwischenkriegszeit oder jenes Sehnsuchtsmodell aus dem Praterringelspiel, das immer schon von anderen Kindern besetzt war. Er wirkt relativ schmal und hoch, die Frontpartie hat etwas rührend Altmodisches an sich (ohne zu sehr nach Retro zu riechen). Insgesamt wirkt er auf armierte Weise verschlossen, wie ständig auf Umluft, was in Zusammenhang mit der hochmodernen Technik ganz apart wirkt.

Alfa Romeo, das ist – abgesehen von der fettarmen Milch „Muh“ – vielleicht die Marke mit der dichtesten Übereinstimmung zwischen Name und Produkt. Bei Alfa Romeo ist alles ein wenig pathetisch, voll italienischer Romantik, Leggerezza und Krawall, ein wenig undurchschaubar, aber immer dramatisch in Richtung unmöglicher Liebe und unerhörten Seins.
Alfisti, wie sie sich selber gern nennen, halten sich für Leidende aus Kennerschaft. Es geht ihnen auf männerbündlerische Weise um die Leidenschaft des cuore sportivo, um das heisere Hüsteln beim Zwischengasgeben und um erduldete Schmach wahrer Latin Lover, die oft noch vom Hersteller per Schöpflöffel ausgeteilt wurde, wenn es um rostfreudige Karosserien, rätselhafte Pannen und gewaltige Fehlentscheidungen in Design und Modellpolitik ging. Für eine Sportwagenmarke der Leidenschaft hat Alfa es seinen Kunden besonders schwer gemacht, mit dem in Rekordgeschwindigkeit korrodierenden Alfasud, mit Sündenfällen wie dem Alfa Arna (Kooperationsmodell einer unseligen Allianz mit Nissan), mit dem – aus Alfisti-Sicht – Hausfrauenfeature Frontantrieb, mit dem primitiv kantigen Spoilerismus der achtziger Jahre, dem generellen Problemkern Dieselmotor – bis hin zum vordem undenkbaren Alfa Spider Diesel. Dennoch schafft es die Marke immer wieder, sich selbst neu zu befeuern. Allerdings war schon Staatshilfe notwendig, als der Börsenkrach von 1929 ein Weiterbestehen aus eigener Kraft unmöglich machte. Mussolini stellte die Marke 1933 unter Staatskuratel. Nach dem Krieg rappelte man sich mit attraktiven Kleinwägen wie der Alfa Giulietta wieder hoch. (Alfa steht, auch wenn es so schöne Konnotationen hat, eigentlich für Aktiengesellschaft Lombardische Auto­mobilfabrik. Aber den Ingenieur Nicola Romeo gab es ab 1915 wirklich.)

Marion Trump aus dem rheinland-pfälzischen Hettenleidelheim hat den Namenswettbewerb für den kleinen Alfa gewonnen. Unter tausenden Einsendungen aus ganz Europa wurde ihr Vorschlag MiTo angenommen und mit einem Alfa Spider belohnt. MiTo steht einerseits für die beiden Städte Milano und Torino, mit denen die Marke untrennbar verbunden ist, ­andererseits bedeutet es im Italienischen „Mythos“, und das kommt dort immer gut an.

Ich fuhr die 155-PS-Version, überkräftig, aber in der Stadt gehandicapt durch den relativ spät ansprechenden Turbo. Um gleich mit dem leidigen Stadtthema fertig zu werden: Die beiden übergroßen Türen schwingen gefährlich weit aus und sind über die Haltegriffe schwer zu bändigen. Das war’s aber mit Kritik, abgesehen von der allzu leichtgängigen Lenkung, die den Geradeauslauf überland ­irritiert. Man ist angehalten, die Sporteinstellung am Schieber in der Mittelkonsole zu wählen, dann verfestigt sich das Lenkgefühl. Ungern verlässt man bisweilen die komfor­table Fahrwerkseinstellung zugunsten sportlichen Bretterns. Der Fronttriebler geht leicht in Kurven, ist schnell und wendig, es fehlt ihm aber eine gewisse Sattheit der Straßenlage. Manchmal drängte sich mir der Vergleich zwischen diesen Marshmallow-artig kunststoffgefüllten Polstern gut gemeinter­ 4-Sterne-Hotels auf, im Gegensatz zu den fetten, schweren Federsäcken alter Hotelkästen, mit denen man besser keine Polsterschlacht anzettelt. Aber man ruht herrlich darin.

Die Klasse des MiTo erkennt man an seinem kühnen Erscheinungsbild – bullig von vorne, gestreckt von der Seite – und an einer gut gelungenen Inneneinrichtung. Kunststoff wird zum Kohlefaser-Look gewoben. Instrumentarium und Mittelkonsole wurden vorbildhaft bewältigt. Das Raumgefühl ist gut, der Zugang zu den beiden Rücksitzen (gegen Aufpreis drei) geht elegant an den vorgeklappten Vordersitzlehnen vorbei, und typische Nörglerkapitel wie die hohe ­Ladekante oder die relativ kleine Laderaumöffnung werden hier einfach ausgeblendet. Der Testwagen, angereichert um lackierte Bremssättel zu 140 Euro, würde rund 20.500 Euro kosten, inklusive toller Features wie Klimaanlage, CD-Radio mit MP3, samt sieben Airbags und elektrisch gesteuerter Umluftschaltung. Damit die Alfa-Atmosphäre dicht bleibt.