<i><small>Autodrom: David Staretz</i></small>
Na G – schon 30!

Österreichs ambitioniertester Geländewagen, der Puch G, feiert sein Jubiläum als Mercedes G, still going strong in L.A.

Einfach G – das war schon mutig irgendwie. Mein Schweizer Kollege Nötzli fragte damals, indem er an Gelände-Ikonen wie Pinzgauer oder Haflinger erinnerte: „Ja habt ihr denn wirklich kein Pferd mehr in Österreich?“
Heute, wo die Autos A4, A-Klasse, B-, C-, M- oder R-Klasse heißen, fügt sich G auf geradezu prophetische Weise ins Gesamtkonzept. Aber 1979 war unsere Begeisterung über das schlichte G gering. Über das Aussehen trösteten wir uns angesichts der normativen Kraft des Faktischen hinweg. Dieses Auto wirkte so unerschütterlich humorlos, wie es seine Aufgaben erledigte. Jedes Detail war technisch bedingt, nichts wurde verschönt. Die Kistenform des Aufbaus, die planen Scheiben, das karge Instrumentarium, die schmucklosen Schalter – alles diente dem absoluten Vorankommen unter unwirtlichen Bedingungen.

Ausgehend von einem Abkommen zwischen Mercedes und Puch vereinte er ­österreichische Ingenieurleistung mit deutscher Motorenqualität (zusammengefügt mit österreichischer Fertigungspräzision auf den Bändern in Graz). Sein Leiterrahmen, seine Allradtechnik, sein störrisch sich Moden widersetzendes Dastehen haben ihm von Anfang an Respekt verschafft.

Diese Voraussetzungen nahm ich schon als ­Autotest-Lehrling ernst, indem ich mit dem 230 G Kabriolett (man beachte die Schreibweise!) zu einer Fahrt nach Kreta aufbrach. Eigentlich waren wir zu viert und vollgepackt zur nächtlichen Abreise, als im strömenden Regen des nördlichen Weinviertels der hagere Fritz mit wehender Windjacke, T-Shirt und Sandalen heransprang. Wo wir denn hinwollen. Es war sinnlos, ihn abschütteln zu wollen, denn nämliche Frage hatte er ein Jahr zuvor zwei anderen Freunden gestellt, die sich in einem zweisitzigen Triumph Spitfire gerade nach Sizilien aufmachten. Er absolvierte die ganze Reise in der Hutablage unter dem Heckfenster. Ja, damals herrschte noch richtig Fernweh. Nur den Staub Kretas hatten wir unterschätzt, er wurde vom blasebalgartig flappenden Planenverdeck angesaugt und ständig neu aufgewirbelt, sodass wir in einem unentwegten Sandsturm manövrierten. Solche Reisen macht man einmal und zehrt ein Leben lang von den Erkenntnissen. Zum ­Beispiel: mit Sonnenbrand nicht im sandigen Handtuch übernachten!

Denkwürdiges passierte auch anlässlich einer Winterreise in die Ostkarpaten Rumäniens. Der (lange) 240 GD versackte beim Überqueren einer halbgefrorenen Wiese mit allen vier Rädern bis an die Starrachsen. Samt durchgeschaltetem Allradantrieb, zwei Sperrdifferenzialen und Geländereduktion. Der ­HiJack-Profiwagenheber war leicht zu bedienen, bohrte er sich doch widerstandslos in den schlammigen Boden. Auch das wie im Lehrbuch unterlegte Wüstenblech half nicht – es bog sich u-förmig auf. Ein ­Arbeitsmann mit Metallgebiss und genieteter Pappkappe kam lautlos heran. Er stellte seine magere Aktentasche beiseite, um höflich mitzuschaufeln. Wir bedachten ihn mit scheelen Blicken à la: Hat uns noch gefehlt. Da schob er zwei Finger ins Metallgebiss und ließ einen schrillen Pfiff los. Von weit droben aus den Wäldern kam ein Echo zurück. Wenig später stapften zwei kleine Burschen mit zwei dürren Mähren den Waldpfad herunter. Ohne sich weiter aufzuhalten, taten sie, was zu tun war. Die Pferde schäumten vor Anstrengung, die Peitsche knallte, einiges riss am Geschirr ab, es gab Geschrei und Gestampf, Gerten zischten, und endlich, mit einem hässlichen Schmatzen, lösten sich zwei Tonnen G aus dem Sumpf. Im Triumphzug, mit heulendem Motor und durchdrehenden Rädern, erreichte unser Gespann die rettende Straße. Der Mann hieß Dumitru, und er hatte uns aus einer für den besten Geländewagen der Welt peinlichen Situation gerettet. Zahlreiche Armeen, Rettungsunternehmen, Privatfirmen mit höchsten Ansprüchen verließen sich auf ihn. Berühmtester Passagier: der Papst aus Polen.

Heute, nach einer langen ehrbaren Geländewagen-­Karriere, die sich zusehends auf die schickere Marke Mercedes zuspitzte, hat der G seine Traktionsfähigkeiten auf das extraglatte, schwieriger als 36-Grad-Böschungen zu bewältigende Parkett der Lifestyle-Schickeria verlegt. In den letzten Jahren avancierte er zum It-Car von Beverly Hills. Megan Fox, Diane Keaton, Hillary Duff, Ashley Tisdale, Nicole Richie stehen auf der Käuferliste angesagter Mercedes-Dealer in Los Angeles. Er ist auf bestem Wege, die Hummer-Phalanx zu ­brechen. G-Fahren ist schick geworden, seit es AMG-Ausführungen mit Bling-Bling-Ausstattungen und jenseitigen PS-Leistungen gibt. Auch das hat Tradition. Schon 1993 bot man den 500 G mit V8-Motor an, der sechs Jahre später in der AMG-Verschärfung 354 PS leistete. Von da an gab’s kein Halten mehr: 250 Diesel-PS zur Jahrtausendwende, heute stehen wir bei 476 Turbo-PS im G 55 AMG. Am besten in der angesagtesten Farbe für Beverly Hills: Weiß.