<i><small>Autodrom: David Staretz</i></small>
Reisen ist meine liebste Jahreszeit

Wie ich die Atacama-Wüste in einem Dodge Dart Baujahr 1968 durchquerte (und dabei meine sibirische Freundin besser kennen lernte).

Chile ist einfach zu bereisen, denn es gibt nur wenig zu entscheiden: Nord oder Süd. Wir hatten aus einer Büroklammer und einer heimatlosen Kompassnadel einen Generalrichtungsanzeiger gebastelt und auf das Dashboard des alten Dodge gesteckt. Wir folgten dem rot lackierten Ende. Was die Nadel nicht verrät: Es gibt Steigungen. Wer zum Beispiel Flamingos an einem Salzsee sehen will, muss vom Meer weg eine blanke Kathete von 4500 Metern reiner Höhe einbeziehen. Nach der ersten merkbaren Steigung, als der Dampfstrahl des kochenden Kühlers die Motorhaube ohne weiteres Zutun hochstemmte, waren wir nicht mehr so wahnsinnig interessiert an Flamingos. Es ging eher darum, fünfzig Meter bergab zu klettern, wo ein Fluss blinkte. Leere Mineralwasserflaschen dämpften unseren Fall. Viktoriyas Finger begann zu hämmern, exakt zehn Minuten nach der zart und dringlich geflüsterten Frage: „Könntest du bitte diese Türe wieder öffnen? …“ Blass blieb sie im Geröll sitzen.

Als ich sechs Liter in den Kühler gefüllt hatte (die Hälfte kotzte der siedend heiße Motor gleich wieder raus), kam ein Mann vom chilenischen Arbö. Ich hätte nicht gedacht, dass es so etwas gibt. Er verfolgte meine Hantierungen mit Inter­esse. Dass der unglaublich leidensfähige Motor wieder ­ansprang, versetzte mich in höchste Euphorie, und weil ich jemandem Gutes tun wollte, war ich einverstanden, abgeschleppt zu werden. Vielleicht hatte der Mann sein tägliches Soll an Abschleppungen zu erfüllen. Sein Seil schien bereits öfter gerissen zu sein. Es war keine drei Meter lang. Wir machten bergab Tempo 100. Wenn es in Chile bergab geht, dann gleich einmal zehn Kilometer. Wir kamen vor einem dicken Mechaniker zum Stillstand, der sich die Sache besah und aus einem Säckchen Pulver in den Radiator leerte. Später sah ich so etwas an Gewürzständen wieder: roter Pfeffer.

Der Dodge wurde die ganze Reise über von Überhitzung geplagt. Manchmal kamen wir nur zwölf Kilometer weit und mussten den Kühler füllen. Wir holten Wasser aus modrigen Zisternen, aus den klebrigen Küchen kleiner Posadas, aus ­paradiesischen Oasen mit weidenden Pferden. Wir lernten Chile by water kennen.

Aber ich hatte einen Plan. Im Müll der Straße hatte ich in Form eines gläsernen Flaschenbodens gefunden, was ich brauchte, um einen Überdruck-Tankverschluss zu bauen. Meine Theorie: Bei Überdruck kann die Temperatur des Wassers bis zu 120 Grad erreichen, ehe es zu kochen beginnt. Endlich hatte ich alles so, wie ich es wollte. Das Auto befand sich in der perfekten Balance, glitt leise und schwerelos über diese wunderbare Straße. Es war ein Zustand äußerster Harmonie, wie man ihn vielleicht an einem frischen Sommermorgen hinter hölzernen Fensterläden findet, wenn man völlig körperlos daliegt und in absoluter Gedankenleere keine andere Wahl hat, als glücklich zu sein. Nachdem diese drei Minuten vorüber waren, knallte der Schlauch durch. Er war der Länge nach gerissen, da half kein Nylonstrumpf mehr. Ehe mir noch Plan C eingefallen wäre, hatte Viktoriya drüben zwei Überland-Trucks gleichzeitig angehalten, was eine bemerkenswerte Leistung ist auf einer schnellen Bergab-Geraden. Beide Fahrer sichteten ihre Bordkisten, fanden aber keinen Wasserschlauch. Jorge (CB-Name: La Lartista) bedeutete, dass er uns die siebzig Kilometer bis Chañaral zurück mitnehmen würde, wo wir einen neuen Schlauch kaufen könnten. Weiters machte er uns klar, dass der Laden in einer Dreiviertelstunde schließen würde. Dann ließ er seinen Iveco-Truck einfach zu Tal fallen. Es ist immer erhebend, gute Handwerker bei der Ausübung ihres Fachs zu beobachten. Jorge führte den Tankzug mit einer Leichtigkeit, als hätte er Helium geladen. Wir wurden so großer Schönheit teilhaftig, dass es fast anstrengend war. Auf dem glänzenden Asphaltband glitten wir in Schleifen hinab in die generöse, mit Abendlicht gesättigte Landschaft, die aus dem Boden glühte wie temperierter Mondschiefer. In all seiner Gelassenheit war Jorge ständig beschäftigt. Er warf sich aus dem Kabinendunkel gegen die Frontscheibe, um Kollegen zu deuten, dass die Luft rein war von Carabineri, und er hing laufend am CB-Funk, um zu verkünden, dass er zwei Australier an Bord habe, die heute noch zu ihrem Auto bei Kilometer 107 zurückgebracht werden müssten. Freiwillige melden! Zwei Minuten vor der Zeit stellte er den knisternden Iveco vor einer Ersatzteilbude ab, und natürlich ließ er es sich nicht nehmen, den Schlauch auszusuchen samt zugehörigen Schellen.

Viel später in der Nacht, von einem muskulösen Freightliner abgesetzt, montierten wir in dessen Scheinwerferlicht den neuen Teil. Wir hatten das komplette Gepäck im Auto gelassen, Pässe inklusive, und wie es da so schief hingespuckt neben der Straße aus dem Finstern glomm, unter all diesen Sternen, da fühlten wir uns plötzlich sehr klein und fremd in diesem Land, auf diesem Planeten, in diesem Universum, und die Milchstraße stand so plastisch nahe wie eine überlegenswerte Abzweigung. Doch als der Motor ansprang und die Kupplung griff und der Sand knirschte, da gewannen wir für die nächsten elf Kilometer Zuversicht zurück, bis wir kochend ausrollten vor einer kleinen Hütte, die von einem alten Mann bedient wurde, der mit zittrigen Fingern Tee einschenkte. Draußen hörten wir die schweren Trucks durch die Nacht ziehen. So wollten wir das immer haben.