<i><small>Autodrom: David Staretz</i></small>
Wahrscheinlich war es zu wenig Regen

Wie uns das Auto immer groteskere Möglichkeiten bietet, uns aus der Verantwortung zu stehlen, dabei aber unüberschaubaren Einfluss auf unser Verhalten gewinnt.

Die Kolumne in Heft 20/2010 konnte ich mit einem wahren Cliffhanger beenden, indem ich aus einem ­Leserbrief zitierte, den ich nun in ganzer Länge vorlege:

Ich erhielt heute eine Anzeige, weil ich angeblich bei Regen im Ortsgebiet ohne eingeschaltete Beleuchtung gefahren bin. Kostet 40 Euro. Dabei ärgern mich zwei Dinge.
Mein Renault Vel Satis (übrigens ein Superauto, welches ­leider nicht mehr gebaut wird, da Renault zu blöd war, es richtig zu ­vermarkten!) hat eine Lichtautomatik, welche sich bei Dunkelheit und Regen selbst einschaltet. Warum sie es da nicht getan hat, weiß ich nicht. Wahrscheinlich war es zu wenig Regen. Wenn man so eine Automatik hat, dann verlässt man sich natürlich auf sie. Wenn man nämlich das Licht händisch einschaltet, muss man es auch wieder ausschalten, wenn man das Auto verlässt. Da das nur selten der Fall ist, vergisst man es, und die Batterie ist nachher leer. Ist besonders bei einem Auto mit Getriebeautomatik sehr ­unangenehm.
Dieser Fall beweist auch eindeutig, dass die Polizei vor allem für Umsatz zu sorgen hat und nicht für die Verkehrssicherheit. Denn wenn das unbeleuchtete Fahrzeug wirklich eine Gefahr für die Verkehrssicherheit dargestellt hätte, dann sollte es doch die wichtigste Aufgabe des Polizisten sein, diese Gefahr zu beseitigen, indem er mich anhält und darauf hinweist. Wenn nicht, dann ist es überhaupt nur eine gemeine Abzocke. Die Sicht kann eigentlich ja nicht so schlecht gewesen sein, ansonsten hätte man ja das Kennzeichen nicht erkennen können. Wenn er mich angehalten hätte, dann hätte man den Sachverhalt jedenfalls eindeutig ­klären können. Das hätte jedoch nur ein billigeres Organmandat bedeutet oder auch gar nichts. Es ging aber offensichtlich nur darum, möglichst viel zu kassieren!
Laut Auskunft der ÖAMTC-Rechtsabteilung hat auch ein Einspruch wenige Chancen und verteuert es höchstens.
Vielleicht könnten Sie diese Vorgänge einmal thematisieren.
Liebe Grüße
Josef Künzel
3011 Tullnerbach

Sehr geehrter Herr Künzel, in der Tat. Sie werfen ein ­bezeichnendes Licht auf das zeitgemäße Verständnis des Autofahrens, indem Sie ein Verhalten deutlich machen, wie es im menschlichen Wesen wohl schon lange angelegt ist, aber jetzt, wo wir endlich die Zukunft freigeschaltet haben, ohne Umsetzungsverluste zutage treten kann. Also: weit­gehende Aufgabe der persönlichen Verantwortung für das eigene Tun, reflexartiges Abschieben allen Ungemachs in Richtung diffuser Regelgebilde wie Wetter, On-Board-Elektronik, Exekutive. Selbst eingeräumtes eigenes Versäumnis (wie Vergessen des Lichtabschaltens nach Gebrauch) wird eher als Naturgegebenheit hingestellt denn als persönliche Verantwortung.

Damit, sehr geehrter Herr Künzel, sind Sie gewiss nicht allein. Ich muss zugeben, dass ich im Falle jeglicher Unregelmäßigkeit, die ich mir zuschulden kommen lasse, sofort sämtliche Register möglicher Fremdanlastung abrufe. Aber dann taucht als Fußnote immer der unsterbliche Spruch meines Fahrlehrers Sigl auf: „Vertrauensgrundsatz? Am besten nie anwenden. Immer davon ausgehen, dass alle anderen, die uns im Auto entgegenkommen, besoffen, benebelt oder sonst irgendwie geistesgestört sind.“ Womit er im Grunde sagen wollte: Immer versuchen, selber die gesamte Situation zu überblicken, nie Verantwortungen abschieben, immer allen Ehrgeiz daransetzen, Herr der Lage und der Technik zu sein. Das wollen wir ja im richtigen Leben auch, also warum plötzlich beim Autofahren kapitulieren?

Na ja, vielleicht, weil man es uns gar so bequem macht. Diese ganzen Fahrer-Assistenzsysteme, die Blinker, Rüttler, Piepser, Abstandhalter, Kurvenleuchter, Selbsteinschalter, die offenbar eine geringe Machbarkeitsschwelle haben (sonst gäbe es nicht so viele), die von biederen Ingenieuren und Elektrotechnikern nach dem Motto „Hausverstand“ (einer beliebten Werbefigur) entwickelt und von den vorstehenden Mobilitätsgenerälen mit dem Blick fürs Große abgesegnet wurden, haben das Sagen im Auto übernommen.

Man kann sich ihnen nicht entziehen, weil jedes Gadget in seiner Schlüssigkeit unwiderlegbar bleibt: Es piepst, ehe wir beim Einparken anschrammen, es rüttelt im Lenkrad, wenn wir die Spur verlassen wollen (und es überholt gerade jemand), es hält automatisch Abstand zum Vordermann, es legt platzsparend die Spiegel an, wenn wir das Auto mit Fingerdruck abschließen, es rückt den Fahrersitz zurecht, wie wir ihn personalprogrammiert haben, und tausenderlei Dinge mehr.
Dazu kommen noch die zahlreichen Fahrsicherheits- und Fahrwerkregelsysteme, allein deren Aufzählen schon zu ­ermüdetem Abwinken führt.

Jedes dieser Systeme ist für sich ein Gewinn. Zusammengenommen ergeben sie aber ein uneinsehbares, sich gegenseitig bedingendes und nicht mehr geistig zu durchdringendes Netz von allgegenwärtiger Besserwisserei und Besserkönnerei, dem wir uns als Autofahrer unterordnen müssen, um seine Funktion zu erlauben.

Gerade das Auto, einst Herold größter Freiheiten, wird zum Kerkermeister des freien Willens, wenn ich das einmal in Drastisch ausdrücken darf. Offenbar ist nicht nur der Kapitalismus, wie es unlängst in einem klugen profil-Leitartikel zu lesen war, vom Mittel zum Zweck verfallen, auch im profanen Autoleben scheint sich die freiwillig weggegebene Freude am Fahren einer Zweckmäßigkeit unterzuordnen, die keiner wollte, aber jeder bejahen muss.