<i><small>Autodrom: David Staretz</i></small>
Warm anziehen!

Der neue BMW Gran Turismo, Biosprit im Superbentley, Frieren in Elektroautos und verdrehte Gurte – diesmal bleibt uns gar nichts erspart.

Konzeptautos sind jene, die Erklärungsbedarf haben. Zum Beispiel dieses Fahrzeug, das keine Limousine ist, kein Coupé, kein SAV (schlankere, coolere Version eines SUV), kein Kombi und kein Geländewagen – und doch ein bisschen von allen zusammen. Und dann genau so aussieht. Klar, der neue BMW mit dem auch noch erklärungsbedürftigen Namen 5 GT (was für Gran Turismo steht, also hier nicht als Anscheiber-Kürzel, sondern als Verweis aufs gepflegte Reisen – going in style), der neue 5 GT also steht für ein gepflegtes Weitermachen, könnte man sagen, für Ruhe vor dem Fall, denn später, das sagt VW-Boss Winterkorn, werden wir uns warm anziehen müssen, denn, schlechte Nachricht, Leute, die Elektroautos werden ganz miserabel heizen.

Bis dahin also noch ein paar Jahrzehnte besinnliches Vollgas mit Verantwortung. Bentley, zum Beispiel, hat die Situation erfasst und ein neues, allerzeitenstärkstes Top-­Modell geschaffen, den 630 PS Continental Supersports, 329 km/h Spitze und 3,9 Sekunden von 0 auf 100 trotz zwei Tonnen Gewicht. Aber: Kommt notfalls auch mit Biosprit aus. Biosprit, nur um hier einen gern genommenen Irrtum auszuräumen, ist nicht biologisch im Bioladen-Sinne, sondern wird aus Biomasse (Mais, Raps etc.) gewonnen, und die wird, zwecks industrieller Optimierung, natürlich extrastark monokulturgedüngt (im Rahmen des Sinnvollen). Grundsätzlich ist ja alles, was der Mensch in größer als überschaubaren Dingen anrichtet und freisetzt, garantiert in irgendeiner Weise schädlich. Misstrauen in bejubelte Lösungen ist meist angebracht, und wenn nur ein einziger Chemie-Nobelpreisträger aufsteht und sagt, die massive Düngung von Raps und Mais setze Lachgas frei, das noch unbemerkt übrig geblieben ist nach dem FCKW-Bann, um als aggressives Gas die Ozonschicht 1,7-mal stärker zu gefährden als fossiler Treibstoff, so bin ich sofort bereit, ihm zu glauben, weil mir mit den dürftigen Mitteln, die mir zur Verfügung stehen (also der persönlichen Abscheu, lebensmitteltaugliche Pflanzen in Autotanks zu destillieren), dieses Biospritgetue schrecklich zuwider ist.

Bentley trifft keine tiefere Schuld dabei, die bedienen sich zertifizierter Treibstoffe und haben den großvolumigen Motor mit geringer Mühe zum Flex-Fuel-Triebwerk umgebaut, möglicherweise nimmt es auch Trüffelöl und Salsa picante. Bentley geht es nicht gut, sie hatten massive Verkaufseinbrüche, Absatzrückgang um rund 25 Prozent, und die Möglichkeiten sind gebunden. Man kann keinen Elektrobentley ankündigen, und Hybrid machen dann eh schon die anderen: Muttermarke BMW wird den X6 und den 7er (und später den erwähnten 5 GT) hybridisieren und Porsche den Cayenne und Lexus den RX 450h, auch Ford, Mercury, GM, Saturn und viele mehr versuchen, irgendwie am Zeitgeschehen mitzumachen und jetzt zwei statt eines Antriebssystems mitzuführen. Bleibt also Biomasse für Bentley. Denn es darf, was die gesamte Grünfahrbewegung erschwert, kein Rückschritt bemerkbar sein. Niemand wird sich warm anziehen wollen für ein Elektro­auto im Winter. (Wie gibt man einem Elektro­auto eigentlich Starthilfe?) Also werden grandiose Have-the-cake-and-eat-it-Konzepte gesucht, die eine Win-win-win-Situation herstellen sollen, bei der alle zufrieden sind.

Aber eigentlich wollte ich ein wenig vom Abendessen mit dem jungen dänischen Designer Anders Warming erzählen, der diesem BMW 5 GT so schöne Begriffe wie Fondpassagierglocke oder Shark-Nose abringt, der von optischen Streckungen erzählen kann und von „glühenden Körpern“ in der Heckleuchte, die ein L symbolisieren. Alle Luxuslimousinen, sagte ich zu ihm, ob Aston Martin, Bentley, Jaguar oder eben BMW, all diese ins Detail optimierten, klangdesignten Gesamtkunstwerke, begrüßen mich unmittelbar nach dem Einsteigen mit dem gleichen hässlichen Fummelteil, mit dem gleichen hässlichen Klang. Herr Warming wartete auf eine Pointe, musste sich aber mit meiner Erklärung „das Gurtschloss“ zufrieden geben. Desig­ner sind grundsätzlich problembegeisterte Menschen, das gefällt mir an ihnen. Hätte ich ein Anliegen, ich würde nicht zum Psychologen, sondern zum Autodesigner gehen. Aber hier wusste der junge Mann auch keinen Rat. „Haben Sie eine Lösung?“, fragte er mich. „Nein“, sagte ich, denn dieses scheußliche funktionale Großserienteil gibt es in unveränderter Form seit den siebziger Jahren. Offenbar sind alle zufrieden damit, keiner scheint sich zu beklagen.

Aber jetzt, wo Luxusautos in ihrer Atmosphäre, ihrer inneren Ruhe so kathedralenartig perfektioniert sind, wird dieses Plastikteil immer störender hervortreten wie ein Fremdkörper. Dann wäre es vielleicht gut, sich etwas Hochwertigeres überlegt zu haben. Außerdem hätte ich nicht gedacht, dass es im 21. Jahrhundert noch verdrehte Sitzgurte in einem BMW geben würde. „Verdrehte Sitzgurte?“, rief er eine Spur zu laut, sodass der portugiesische Kellner herbeieilte und noch eine Portion Babygemüse nachlegte. „Wann war das, wo?“ „Vorhin, auf dem Weg vom Flughafen, im neuen 5 GT. Ich habe Zeugen.“ Herr Warming hatte keinen Hunger mehr. Ich klopfte ihm auf die Schulter. „Wenn Sie wollen, können wir über rubbelnde Scheibenwischer reden.“