Banken: Schwere Hypothek

Die Spekulationsaffäre hat dem kometenhaften Aufstieg der Hypo-Alpe-Adria-Gruppe einen jähen Rückschlag versetzt. Für Vorstandschef Wolfgang Kulterer könnte es noch ziemlich eng werden.

Als das Alarmsystem anschlug, hatte die Katastrophe längst ihren Lauf genommen. Am Mittwoch, dem 17. November 2004, zeigte das zur Risikosteuerung und -kontrolle eingesetzte Softwareprogramm in der Zentrale der Hypo Alpe-Adria-Bank in Klagenfurt an sämtlichen zuständigen Stellen des Hauses genau jene Daten, die Managern eines Kreditinstituts gemeinhin den kalten Schweiß auf die Stirn treiben: horrende Verluste im Veranlagungsgeschäft. Im so genannten Treasury, wo die Liquidität der Bank gestioniert und zu diesem Zweck unter anderem mit Zinsen und Währungen gehandelt wird, war ein Minus von mehr als 100 Millionen Euro angefallen. „Wir haben daraufhin sofort die Reißleine gezogen“, sagt Hypo-Vorstandschef Wolfgang Kulterer. Da gleichzeitig mehrere derartige Geschäfte liefen, sei es aber unmöglich gewesen, „diesen Dammbruch sofort zu stopfen“ (siehe Interview Seite 39). Als dies endlich gelang, hatte der Verlust mit 328 Millionen Euro bereits ein Vielfaches des selbst gesetzten 100-Millionen-Grenzwerts erreicht.

Der für die Transaktionen verantwortlich zeichnende Treasury-Manager Christian Rauscher wurde daraufhin umgehend von seinem Arbeitsplatz verbannt. (Der Sohn des ehemaligen SPÖ-Finanzlandesrats Max Rauscher war für profil für eine Stellungnahme nicht erreichbar.) Die Folgen der nur 14 Tage dauernden Spekulationsorgie beschäftigen die Bankführung aber bis heute. Nicht nur die: Vor allem die Art und Weise, in der Kulterer und dessen Kollegen mit dem Verlustgeschäft umgegangen sind, ist in den vergangenen Tagen auch ein Fall für die Behörden geworden. Mittwoch vergangener Woche sah sich die Finanzmarktaufsicht (FMA) sogar veranlasst, gegen den gesamten Vorstand Strafanzeige zu erstatten. Gegen Rauscher laufen beim Landesgericht Klagenfurt (Aktenzahl 3 St 79/06x) Vorerhebungen wegen Verdachts der Untreue, gegen den Vorstand steht der Vorwurf der unrichtigen Darstellung der Jahresabschlüsse, kurz gesagt der Bilanzfälschung, im Raum.

Demnach hat die Hypo-Führung den Millionenverlust nicht, wie nach Ansicht der FMA vorgeschrieben, zur Gänze in der Bilanz des Jahres 2004 verbucht, sondern über Umwege versucht, ihn zu kaschieren. Umwege, die nach Auffassung der Bankenaufseher jenseits des Zulässigen liegen. An dieser Ansicht ändern auch die fortgesetzten Beteuerungen des Hypo-Managements nichts, sie seien überzeugt, die Vorgangsweise sei rechtens gewesen.

Die inkriminierten Transaktionen wurden allesamt zwischen 20. September und 5. Oktober 2004 getätigt. Rauscher soll dabei laut Darstellung von Hypo-Boss Kulterer entgegen den Vorgaben mittels so genannter Swaps auf eine hochexplosive Mischung zweier Entwicklungen an den Finanzmärkten gesetzt haben: einerseits auf fallende Zinsen, andererseits auf einen Anstieg von Dollar und Yen gegenüber dem Euro. Wenige Wochen später, am 17. November 2004, war das Malheur perfekt. Offenbar wollte sich der Vorstand die Bilanz jedoch nicht versauen lassen und entschied sich, den Verlust nicht gleich zur Gänze zu verbuchen. Nach profil vorliegenden und von Wolfgang Kulterer bestätigten Informationen wurden mit den Geschäftspartnern – allesamt internationale Investmentbanken, allen voran das US-Investmenthaus Lehman Brothers – deshalb Folgekontrakte geschlossen, im Rahmen derer das Minus in zehn Jahresraten verbucht werden sollte. Gewissermaßen als neuerliche Swap-Geschäfte getarnte Kredite also. Weder die beiden mit der Bilanztestierung betrauten Wirtschaftsprüfungskanzleien, Deloitte und Confida, noch der Aufsichtsrat wurden damals über die Vorgehensweise informiert.

Späte Meldung. Erst ein halbes Jahr später, am 19. Mai 2005, trat Kulterer den Gang zum Aufsichtsratspräsidium an. Verdammt spät. Vielleicht aber auch ganz bewusst erst zu diesem Zeitpunkt. Im April zuvor hatte sich nämlich ein Wechsel an der Spitze des Hypo-Aufsichtsrats vollzogen. Der deutsche Energiemanager Klaus Bussfeld hatte kurz zuvor sein Mandat zurückgelegt. „Es war der Wille der Aktionäre, wegen des durch den geplanten Börsegang stattfindenden Kontrollwechsels einen neuen Präsidenten zu entsenden“, so Bussfeld. Mehr will er dazu unter Verweis auf seine Verschwiegenheitspflicht nicht sagen. Am 18. Mai saß bereits Karl-Heinz Moser an dessen Stelle. Ausgerechnet jener Mann also, der bis zum Jahr 2001 selbst für die Klagenfurter Wirtschaftsprüfungskanzlei Confida die Testierung der Hypo-Bilanzen vorgenommen und bis heute an der gleichnamigen Wiener Kanzlei beteilig ist. Aufgrund dieser Konstellation könnte er möglicherweise etwas mehr Entgegenkommen gezeigt haben als sein Vorgänger, meinen Brancheninsider. Kulterer beteuert, dieser zeitliche Ablauf sei „reiner Zufall“. Doch allein der Umstand, dass überhaupt der einstige Prüfer zum obersten Aufseher gekürt wurde, hinterlässt einen schalen Nachgeschmack.

Zumal offenbar weder Vorstand noch Aufsichtsrat einen Grund gesehen haben, die damals betrauten Wirtschaftsprüfer zu informieren. Die ihnen vorgelegten Unterlagen ließen den angefallenen Gesamtverlust von 328 Millionen Euro nicht einmal erahnen. Erst im Rahmen der Prüfung des Geschäftsjahres 2005 stießen die Prüfer kürzlich mehr oder weniger zufällig auf die Diskrepanzen: Deloitte zog daraufhin das Testat für die Bilanz 2004 zurück und erstattete Meldung bei der Finanzmarktaufsicht (profil 14/06). Kurz darauf revidierte auch Confida die Beglaubigung.

Bankchef Kulterer wird unterdessen nicht müde zu betonen, dass die Hypo gegebenenfalls auch eine komplette Verbuchung des Gesamtobligos in der Bilanz 2004 aushalten würde: „Wir verfügen über ganz erhebliche stille Reserven. Selbst wenn wir alle Verluste verbuchen, können wir durch Auflösung eines Teils dieser Reserven eine ähnlich gute Bilanz vorlegen.“

Eine gewagte Darstellung. Denn laut Gesetz ist ein Unternehmen zwar verpflichtet, derartige Verluste nachträglich zu verbuchen, rückwirkende Änderungen in der Bewertung sind aber unzulässig. Die Hypo müsste also die 328 Millionen Euro komplett in die Bilanz 2004 verpacken, darf aber die stillen Reserven nicht aktivieren. Prekäre Folge: Die Hypo Alpe-Adria hätte damit nicht nur einen deutlichen Verlust in den Büchern, sie würde damit – rein bilanztechnisch – im Jahresabschluss 2004 nicht die für eine Bank geforderte Eigenkapitaldeckung auf- und ausweisen. Derartiges wiederum veranlasst üblicherweise die Aufsichtsbehörden dazu, das Unternehmen unter Kuratel zu stellen oder ihm überhaupt die Konzession zu entziehen. Auch wenn wohl kaum damit zu rechnen ist, dass dies nun im Nachhinein geschieht: Der Reputation eines Bankhauses sind derartige Vorgänge jedenfalls wenig zuträglich.

Just diese Bilanz 2004 hatte der zu 49,4 Prozent dem Land Kärnten und zu 45,6 Prozent der Grazer Wechselseitigen Versicherung gehörenden Hypo-Alpe-Adria-Gruppe und ihrem Vorstandschef im Vorjahr noch zu einer großen Auszeichnung verholfen: Das deutsche Beratungsunternehmen zeb/rolfes.schierenbeck.associates kürte die Hypo in seiner „European Banking Study 2004“ auf Basis dieser Zahlen zur profitabelsten Bank Österreichs.

Tatsächlich hat die einstige Regionalbank seit Anfang der neunziger Jahre eine durchaus vorzeigbare Performance geboten. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit verweist Vorstandschef Kulterer auch auf die Vergleichszahlen vor seinem Amtsantritt: So lag die Bilanzsumme 1992 bei 1,9 Milliarden Euro, 2004 waren es 17,8 Milliarden. Aus einem Verlust von 19,1 Millionen Euro wurde 2004 ein Gewinn vor Steuern von 171,6 Millionen, und die Zahl der Mitarbeiter ist in den 13 Jahren von 265 auf über 5000 gestiegen.

Mangelnde Kontrolle. Rasantes Wachstum motiviert nicht nur den Chef, sondern auch die Mitarbeiter. Unter anderem auch den mittlerweile beurlaubten Treasury-Manager Christian Rauscher. Dieser soll, wie Insider berichten, möglicherweise genau deshalb so hoch gepokert haben, um sich für den zur Disposition stehenden Posten des Leiters seiner Abteilung zu profilieren. Hohes Risiko bedeutet schließlich auch, dass die Gewinne entsprechend hoch sind, wenn die Sache gut geht. Und ein markantes Plus auf seinem Account hätte sich in der Bewerbung sicher gut gemacht.

Rasantes Wachstum fördert aber auch Probleme anderer, technischer Art zutage. So dürften die Sicherheitsvorkehrungen bei der Hypo nicht ganz auf aktuellem Stand gewesen sein. Just zum Zeitpunkt der Swap-Transaktionen wurde in der Zentrale an der Implementierung eines der angeblich modernsten Risikoüberwachungssysteme gearbeitet, das alle Geschäfte penibel erfasst, mögliche Verluste bis zu einem gewissen Grad vorausberechnet und gegebenenfalls bei den übergeordneten Instanzen, letztlich auch in der Vorstandsetage Alarm schlägt. Noch vor Jahresende 2004, aber leider knapp nach der Malaise, ging die Software in Betrieb.

Vor manchen Dingen können aber auch Alarmsysteme nicht bewahren. Die Geschäftsbeziehungen zu einem gewissen Wolfgang Kössner etwa machen der Hypo bis heute zu schaffen. Dessen einst an der Wiener Börse notierte General Partners Immobilien AG war Ende 2001 in den Konkurs geschlittert. Ermittlungen wegen Verdachts des schweren Betrugs und der Untreue laufen bis heute, Kössner bestreitet die Vorwürfe. Die Hypo musste im Gefolge der Pleite jedenfalls nicht nur 7,3 Millionen Euro an offenen Krediten abschreiben, im Sommer 2005 wurde das Institut zudem nach langem Rechtsstreit vom Obersten Gerichtshof verurteilt, einer Anlegerin, die eine General-Partners-Anleihe bei der Hypo gezeichnet hatte, den Ausfall von 612.000 Euro zu erstatten. Gut möglich, dass auf Basis dieses Urteils weitere Klagen folgen.

Auch das Geschäft in Kroatien, einem der wichtigsten Auslandsmärkte der Hypo Alpe-Adria, brachte immer wieder Probleme und Unsicherheiten. 1999 waren die Aktivitäten der Bank bereits einmal von der Oesterreichischen Nationalbank geprüft worden, das Ergebnis der Untersuchung blieb bis heute geheim. Im Jahr 2000 standen durch einen Regierungswechsel kurzzeitig die Staatsgarantien für einige Kredite – in Summe immerhin 76 Millionen Euro – auf der Kippe.

Eine nachhaltig schlechte Optik hinterließ auch die Reise von Hypo-Chef Kulterer und Kärntens Landeshauptmann Jörg Haider zum libyschen Staatschef Muammar Gaddafi im Frühjahr 2000. Haider hatte anfangs versucht, um seine Reisedelegation ein Geheimnis zu machen. Erst einige Zeit später gab er Kulterers Namen preis – was diesem viel Kritik einbrachte.

Probleme für Kärnten. Haider und Kulterer haben zwar wenig gemeinsam, bezeichnen das Verhältnis zueinander als eher „nüchtern und sachlich“. Vieles gemeinsam gemacht haben der Banker und sein Eigentümervertreter aber allemal. Jörg Haider wollte das verfallende Schloss Velden sanieren, die Hypo kaufte den Renaissance-Bau samt 6,5 Hektar Grund für 6,5 Millionen Euro und steckt nun weitere 100 Millionen Euro in die Renovierung.

Haider wollte Geld für seinen Kärntner „Zukunftsfonds“. Auch hier half die Hypo. Im Hinblick auf einen für 2007 geplanten Börsegang platzierte das Institut eine so genannte Wandelanleihe in der Größenordnung von 500 Millionen Euro. Das Geld floss – gewissermaßen als vorweggenommener Verkaufserlös für einen Teil der Aktien des Landes – in den Zukunftsfonds. Einen Gutteil, nämlich knapp 200 Millionen, hat Haider bereits disponiert: Drei Millionen flossen in die Beteiligung an der erst kürzlich Pleite gegangenen Fluglinie Styrian Airways, 140 Millionen sind für die Koralmbahn reserviert, 25 Millionen für ein Konjunkturpaket und 13 Millionen für die Fußball-Europameisterschaft 2008.

Nun zeigt sich jedoch, dass die Voraussetzungen, unter denen die Anleger – ausschließlich institutionelle Investoren – das Papier gezeichnet haben, nicht ganz stimmen dürften. Zumindest dann, wenn die Bilanz 2004 tatsächlich neu geschrieben werden muss. Wilhelm Rasinger, Präsident des Interessenverbandes für Anleger, hält es deshalb für durchaus möglich, „dass die Zeichner eine Rückabwicklung des Geschäftes verlangen“. Damit müsste Kärnten die 500 Millionen wieder herausrücken und die vollmundig angekündigten Projekte stoppen. Landeshauptmann Haider will diese Gefahr jedoch nicht sehen: „Die Bedingungen für die Anleihe haben sich nicht geändert. Und im Übrigen haben wir das Geld griffbereit und könnten den Betrag sofort refundieren.“

In der Kärntner Politik sorgten die Hypo-Probleme jedenfalls für heftige Auseinandersetzungen. Jörg Haider erklärt gegenüber profil, er habe „erst vor wenigen Tagen durch die öffentliche Erklärung des Vorstands von den Problemen der Hypo erfahren“. Im Nachhinein betrachtet habe sich das Management aber nichts zu Schulden kommen lassen. Haider: „Dass der Vorstand versucht hat, diese einmaligen Verluste in den nächsten Bilanzen abzubauen, ist im Hinblick auf den bevorstehenden Börsegang sicher nicht ganz falsch gewesen.“ Eine Feststellung, die von der Finanzmarktaufsicht nach derzeitigem Stand wohl nicht geteilt wird. Und Peter Kaiser, Klubobmann der Kärntner SPÖ, zeigt sich empört: „Dass er nun sagt, es hätten alle richtig gehandelt, obwohl er als Landesaufsichtsorgan nicht informiert war, ist doch absurd.“ Josef Martinz, Klubchef der ÖVP, will das auch gar nicht glauben: „Dass Haider nichts gewusst hat, bezweifle ich.“

Haider hält dennoch an seiner Darstellung fest. Fast demonstrativ stellt er sich hinter Vorstand Kulterer und hat – typisch Haider – auch längst andere Bösewichte ausgemacht: die Wirtschaftsprüfer von Deloitte. „Die wollten sich durch die Meldung an die FMA für das wenige Tage später erteilte Prüfungsmandat bei der Bawag profilieren“, schimpft er. „Das war offenbar der Judaslohn dafür, dass sie die Hypo diskreditiert haben.“

Von Martin Himmelbauer