Barack Obama - Der Mensch des Jahres: Wie
der neue US-Präsident das Jahr geprägt hat

Selten hat sich jemand zwingender als Mensch des Jahres aufgedrängt. Der neue US-Präsident Barack Obama versetzte die Welt 2008 in Staunen – und qualifiziert sich jetzt schon als Titelverteidiger für 2009.

Barack Obama war noch nie in Österreich. Gut möglich, dass er unser Land während seiner Amtszeit nie besuchen wird. Und dennoch: Für profil ist der nächste Präsident der USA auch aus heimischer Perspektive der Mensch des Jahres. Dafür gibt es zwei entscheidende Argumente: die Globalisierung in Zeiten der Weltwirtschaftskrise und die Persönlichkeit Obamas. Die Turbulenzen in der global vernetzten Ökonomie bringen es mit sich, dass die politischen Entscheidungen des US-Präsidenten auch für Österreich bedeutsamer sein werden als die konkreten Ausformungen der vom heimischen Parlament beschlossenen Konjunkturpakete. Vereinfacht gesagt: Rettet Obama General Motors oder nicht, dann wackelt Opel oder nicht, und die österreichischen Autozulieferer müssen schließen oder nicht. Und schafft es Obama, durch politische Maßnahmen und geeignete Kommunikation das Vertrauen in die US-Wirtschaft, in Banken und Märkte wiederherzustellen (oder scheitert er dabei), wird dies den ATX in jedem Fall stärker beeinflussen als das Tun und Lassen des österreichischen Bundeskanzlers.

Aber es ist nicht die Bedeutung des Amtes in dieser Umbruchphase allein, die Obama zur meistbeachteten Figur für uns macht. Der demokratische Senator aus -Illinois hat im Jahr 2008 eine Strahlkraft entwickelt, die man einem Politiker nicht zugetraut hätte. Plötzlich war da ein Mann in den Medien, der dem hässlichen Bild, das sich das Volk von seinen Vertretern üblicherweise macht, so gar nicht entsprach. Obama traute man zu, nicht bloß machtgierig zu sein, nicht blind der eigenen Klientel verpflichtet, nicht aus Feigheit opportunistisch. Er musste durch einen der härtesten US-Wahlkämpfe aller Zeiten gehen und stand am Ende nicht nur als Sieger da, sondern als Mann, der Versöhnung verheißt und das innig ersehnte Ende der Spaltung der amerikanischen Nation. profil verfolgte die aufregende Blitzkarriere des ersten US-Präsidenten schwarzer Hautfarbe mit angemessenem Staunen. Als Obama – damals Senator im Lokalparlament von Illinois – bei der Convention der Demokraten im Jahr 2004 in Boston eine umjubelte Rede hielt, berichtete profil-Mitarbeiterin Beverly Davis von der tosenden Begeisterung der Delegierten und zitierte Bob Shrum, den Wahlkampfleiter des damaligen Kandidaten John Kerry, mit dem prophetischen Satz: „Obama wird der erste schwarze Präsident der USA“ (profil Nr. 32/2004). Kurz darauf porträtierte profil-Mitarbeiter Robert Misik den Shootingstar unter dem Titel „Obamania“ (profil Nr. 33/2004).

Misik war auch vier Jahre später dabei, als Obama in Berlin vor 200.000 Fans seinen Status als weltweite Kultfigur genoss (profil Nr. 31/2008). Zwei Jahre zuvor hatte profil-Korrespondent Sebastian Heinzel im Gedränge der New Yorker Buchhandlung Barnes & -Noble gestanden, wo Obama sein Buch „Der Mut zur Hoffnung“ präsentierte und das Publikum „wie ein Rockstar“ begrüßte (profil Nr. 45/2006). Der langjährige profil-Korrespondent Martin Kilian begleitete den Weg des neuen Präsidenten, und Stefan Janny, dem früheren Chefredakteur von profil, gelang es zusammen mit Beverly Davis, im September 2007 ein Interview mit dem Hoffnungsträger zu führen. Das journalistische Interesse von profil an Obama spiegelt die allgemeine Erregung über den Ausnahmepolitiker wider. Eine Integrationsfigur und dabei nicht sterbenslangweilig – diese Kombination hat die Politik selten zu bieten. Eine kurze Auflistung der 2008 relevanten österreichischen Politiker, der lebenden und der verstorbenen, bestärkte profil in der Entscheidung, Barack Obama zum Menschen des Jahres zu küren. Auch wenn der Redaktion klar ist, dass das österreichische Nachrichtenmagazin damit eine Wahl trifft, die eine Redaktion eines beliebigen anderen Landes auf allen Kontinenten der Erde auch treffen könnte – oder gar schon getroffen hat (dem amerikanischen Magazin „Time“ blieb diesmal in Wahrheit überhaupt keine andere Wahl).

Originell sein zu wollen hätte in diesem Fall für uns bedeutet, sich der Realität zu verweigern. Das tun wir aus Prinzip nicht. Für Österreich ist Obama auch insofern bedeutsam, als der Antiamerikanismus – von linker und von rechter Seite – hierzulande ein politischer Faktor ist. Mit der Wahl des neuen US-Präsidenten stehen die Chancen gut, dass sich die Welt mit den USA wieder versöhnt und auch in Österreich die Ablehnung der Supermacht stark abnimmt, von der die Ära Bush geprägt war. profil versucht im Folgenden, den Menschen des Jahres in Skizzen festzuhalten. Außergewöhnliche Momente in seinem Leben, herausragende Charaktereigenschaften und ein Ausblick, mit welchen Aufgaben Obama in den kommenden Monaten konfrontiert sein wird.

profil skizziert Obamas Leben

Von Gunther Müller, Martin Staudinger und Robert Treichler