Basislager

Heute in der Serie nie geführter Wahlinterviews: Alexander Van der Bellen über Minderheitenprogramme, Prozentrechnen und Prince Charles.

profil: Herr Van der Bellen, das ist jetzt schon ihre vierte Nationalratswahl als Chef der Grünen, und manchmal vermitteln Sie durchaus den Eindruck, als sei Ihnen doch schon ein bissl fad.
Van der Bellen: Haben Sie eine Ahnung, wie ich ausschau, wenn mir fad ist!

profil: Aha. Da geht also noch mehr?
Van der Bellen: Sagen wir so: Ein Rapid-Ultra bei einem Damenfußballmatch ist nix dagegen.

profil: Aber dass einem bei der Aussicht, wieder nicht in die Regierung zu kommen, das Gesicht einschläft, wäre ja nur allzu verständlich.
Van der Bellen: Wer sagt, dass wir nicht in die Regierung kommen?

profil: Nun ja – vielleicht ein gewisser Realitätssinn?
Van der Bellen: Den hab ich an sich durchaus.

profil: Aber Sie mussten jetzt so viele Sitzungen mit der grünen Basis absolvieren – da könnte er ja etwas abbekommen haben.
Van der Bellen: Unsere Basis ist immer wieder erfrischend.

profil: Auch wenn sie Ihnen reihenweise die Alt-Mandatare rausschießt?
Van der Bellen: Wie ich schon sagte: erfrischend. Kalte Duschen sind das ja wohl auch.

profil: Kommen wir zurück zur Regierungsbeteiligung: Wenn die Umfragen auch nur annähernd stimmen, kann sich das für Sie nie ausgehen. Hätten Sie vielleicht 2002 doch mit Schüssel koalieren sollen?
Van der Bellen: Gegenfrage: Putzen Sie sich gern mit Salzsäure die Zähne?

profil: Im Alter zunehmend seltener.
Van der Bellen: Sehen Sie? Mir geht’s genauso.

profil: Aber vor ein paar Wochen haben Sie doch noch gesagt, dass Sie große Lust auf Schwarz-Grün hätten. Und Schüssel soll ja in der ÖVP durchaus immer noch ein bisschen was zu reden haben.
Van der Bellen: Manchmal geht’s eben durch mit mir.

profil: Wer hätte das gedacht!
Van der Bellen: Gell? Und außerdem habe ich in der Zwischenzeit auch nachgerechnet.

profil: Also wäre Ihnen Faymann jetzt an sich lieber – abgesehen davon, dass sich das auch nicht ausgeht?
Van der Bellen: Wenn ich so nachdenk, frustrieren mich Ihre Fragen irgendwie.

profil: Das eigentliche Drama mit den grünen Regierungswünschen ist ja, dass Sie gar nicht so schnell zulegen können, wie Ihre potenziellen Partner verlieren.
Van der Bellen: Erzählen Sie mir was Neues.

profil: Da kann man es ja auch gleich viel besser verkraften, dass Sie eh nicht schnell zulegen. Vom dritten Platz sind Sie so weit entfernt wie H. C. Strache von einem Gewissen.
Van der Bellen: Wenn das stimmte, flögen wir aus dem Parlament.

profil: Das wird ja eher nicht passieren. Aber jetzt sind die Liberalen auch wieder da und nehmen Ihnen Stimmen weg. Sind Sie darüber verärgert?
Van der Bellen: Verärgert bin ich, wenn ich beim Blitzschach schon vor dem Eröffnungszug wegen Zeitüberschreitung verliere.

profil: Aber erfreut sind Sie wohl kaum.
Van der Bellen: Natürlich nicht. Der Haselsteiner hätte ja auch einfach uns sponsern können. Dann hätten wir uns wenigstens Plakate leisten können, auf denen nicht nur mein halbes Gesicht zu sehen ist.

profil: Den Grünen wird immer wieder vorgeworfen, sie konzentrierten sich zu sehr auf zwar sicherlich ehrenhafte, aber eben doch Randthemen.
Van der Bellen: Das habe ich lustigerweise erst gestern Abend wieder bei einer Podiumsdiskussion mit bei Kindergartenelternabenden gemobbten bisexuellen Alleinerziehern mit Migrationshintergrund besprochen.

profil: Und?
Van der Bellen: Die fanden das ganz und gar nicht.

profil: Auch, dass Sie jetzt Martin Balluch, den eben aus der Untersuchungshaft entlassenen und, sagen wir einmal, zumindest recht kompromisslosen Tierschutzaktivisten, auf die Wahlliste genommen haben, könnte einige Wähler abschrecken.
Van der Bellen: Tja. Und da sagen immer alle, ich bin kein wilder Hund. Aber Sie werden doch hoffentlich nicht einem Gerichtsurteil vorgreifen wollen?

profil: Nein. Und Sie?
Van der Bellen: In Wirklichkeit hat mir das ja die Petrovic eingebrockt. Ich musste mich entscheiden: Balluch oder Edith Klinger. Da dachte ich mir, für unsere Zielgruppe ist es eher der Balluch.

profil: Dabei hätte man von Edith Klinger einen hervorragenden Plakatslogan entlehnen können: „vdb 08 – wer will mich?“
Van der Bellen: Da kann ich jetzt aber nicht laut lachen.

profil: Sie sind jetzt 64, Ihr Traum von der Regierungsbeteiligung scheint unerfüllt zu bleiben – denken Sie manchmal an die Pension?
Van der Bellen: Schon. Aber dank Schüssels Pensionsreform hab ich noch nicht genug Beitragsjahre.

profil: Also wird es Eva Glawischnig gehen wie Prince Charles in England.
Van der Bellen: Aber wenigstens ohne die Ohren.