Bauindustrie: Liebesgrüße aus Moskau

Der geheime Börseprospekt zur abgeblasenen Strabag-Emission. Warum Hans Peter Haselsteiner die Millionen des Oligarchen Oleg Deripaska dem Börsegang vorzieht.

Der erste öffentliche Auftritt von Oleg Deripaska in Wien am Mittwoch vergangener Woche war sichtlich von Widerwillen geprägt. An der Seite des blendend gelaunten Hans Peter Haselsteiner und von Raiffeisen-Generalanwalt Christian Konrad zeigte sich der gleichermaßen medienscheue wie milliardenschwere russische Oligarch erstmals den Journalisten. Die Stimme, mehr noch die Körperhaltung ließen erahnen, dass Deripaska den sonnigen Vormittag lieber andernorts verlebt hätte. Welch ein Gegensatz zu dem Tempo und Enthusiasmus, mit dem der 40-jährige Unternehmer wenige Tage zuvor den aus Sicht der heimischen Baubranche wohl spektakulärsten Deal der jüngeren Vergangenheit durchgezogen hatte: den 1,2 Milliarden Euro teuren Einstieg in Österreichs größten Baukonzern Strabag.

Von Karfreitag bis zum Dienstag vergangener Woche – also nicht einmal drei Wochen – hatte es gedauert, ehe das Geschäft unter Dach und Fach war. Die Kunde vom neuen Männerbunde sorgte weit über Österreichs Grenzen hinaus für Aufmerksamkeit. Immerhin stand die Strabag unmittelbar vor einem über Monate sorgfältig vorbereiteten Börsegang. Daraus wird vorläufig nichts. Deripaska steigt über eine Kapitalerhöhung und den Zukauf von Aktien aus dem Besitz von Haselsteiner und der Raiffeisen/Uniqa-Gruppe mit 30 Prozent ein, die Altaktionäre ziehen sich auf jeweils 35 Prozent zurück (siehe Kasten Seite 46).

Risiken. Haselsteiner ist es offenbar gelungen, gleich drei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Der Strabag fließen direkt 1,05 Milliarden Euro an frischem Kapital zu; der Konzern erhält mit Aktionär Deripaska einen nicht zu unterschätzenden Partner und Türöffner auf dem prosperierenden russischen Markt; vor allem aber weicht der Industrielle Fährnissen rund um den Börsegang aus. Der für die Emission unter der Regie der Deutschen Bank erstellte Strabag-Kapitalmarktprospekt liegt profil – ohne endgültiges Zahlenwerk – vor. Das 145-seitige Dossier offenbart einige Schwachstellen. So kamen die Banker nicht umhin, dem sensiblen Kapitel „Risikofaktoren“ 39 Punkte, verteilt über elf Seiten, zu widmen. Dabei handelt es sich nicht nur um branchenübliche Unwägbarkeiten wie den Mangel an qualifizierten Arbeitskräften, schwankende Rohstoffpreise oder die Konjunkturlage. Vor allem die schwelenden Gerichtsverfahren bereiteten den Investmentbankern offenbar Kopfzerbrechen. Derzeit muss sich die Strabag in Deutschland mit mehreren anhängigen Klagen der Minderheitseigentümer der 2005 übernommenen Ed. Züblin AG herumschlagen. Parallel dazu laufen Untersuchungen wegen möglicher Schmiergeldzahlungen von Strabag-Angestellten, um für den Konzern lukrative Projekte anzubahnen. Diese im Zuge von Hausdurchsuchungen im Februar dieses Jahres publik gewordenen Vorwürfe hätten laut Prospekt möglicherweise „einen erheblichen nachteiligen Effekt auf die Entwicklung und die zukünftigen Geschäftsaussichten, das finanzielle Ergebnis, den Aktienpreis und die Reputation des Unternehmens“. Auch an der Rechtsform der Strabag-Holding, eine so genannte Societas Europaea (SE), dürften sich die Verfasser gestoßen haben. „Es gibt keine Beispielfälle und keine bestehende Praxis in Bezug auf verschiedene rechtliche Charakteristika einer Societas Europaea in Österreich.“ Ausländische Investoren könnten deswegen möglicherweise Schwierigkeiten haben, ihre Rechtsansprüche in Österreich geltend zu machen. „Wir haben uns von den besten Investmentbanken durchleuchten lassen und haben eben jede noch so kleine Möglichkeit in den Prospekt geschrieben. Wir wollten den Anlegern ein umfassendes Bild liefern“, so Strabag-Sprecher Christian Ebner.

Beziehungen. Noch etwas wird im Börseprospekt manifest: der Bedarf an Kapital. Auf Seite 24 sind etwa Pläne dokumentiert, wonach die Strabag-Gruppe Immobilien im Wert von 160 Millionen Euro zu Geld machen will. Und das bereits in den kommenden drei Jahren. Um an liquide Mittel zu kommen, werden dabei sogar Buchverluste in Kauf genommen (siehe Faksimile Seite 47).

Mit der Hereinnahme des Aluminium-Zaren Deripaska scheint das Problem der Finanzierung des Strabag-Wachstums vorerst gebannt. Er bringt die benötigten Mittel ein, um die Strabag auf dem boomenden Markt in Russland wettbewerbsfähig zu machen. Laut Börseprospekt verzeichnete die Strabag im Vorjahr in Russland das größte Wachstum des gesamten Konzerns: Die Bausumme legte um satte 88,51 Prozent auf insgesamt 173,25 Millionen Euro zu.

Die Vorteile der Liaison mit Deripaska dürften überdies nicht rein finanzieller Natur sein. Schließlich hatte Haselsteiner bei der für Mai anberaumten Emission mit Erlösen von bis zu 1,5 Milliarden Euro gerechnet. Mehr, als Deripaska bezahlt: „In Ländern wie Russland ist es kein Nachteil, wenn man die richtigen Leute kennt“, so BA-CA-Analyst Alfred Reisenberger. In Russland hängt die Vergabe von öffentlichen Bauprojekten mehr noch als anderswo vor allem von politischen Kontakten ab. Und von denen hat Deripaska jede Menge: Er hat in die Familie des jüngst verstorbenen Expräsidenten Boris Jelzin eingeheiratet und unterhält auch zu dessen Nachfolger gute Beziehungen. Gute Gründe, warum Deripaska in Wien meinte: „Russland ist der beste Markt der Welt.“ Dennoch kündigte Haselsteiner bereits an, die abgeblasene Emission im Herbst nachzuholen. Und wieder fiel die Formulierung vom „größten Börsegang in Wien aller Zeiten“. Zur Erinnerung: Den Rekord hält Raiffeisen International mit einem Volumen von 1,1 Milliarden Euro. Nicht jeder Analyst glaubt aber an eine Rückkehr des Baukonzerns an die Wiener Börse. Spätestens seit dem Börserückzug der Strabag-Aktie im Jahr 2003 wird Haselsteiner keine allzu hohe Affinität zur Börse nachgesagt. Eine Emission im Herbst könnte jedoch, so eine andere mehrfach geäußerte Vermutung, eine Bedingung der Raiffeisen-Gruppe gewesen sein, den Deal mit Deripaska in der gebotenen Eile durchzuziehen.

Von Josef Redl