„Benya-Formel“: Zwischen den Sozialpartnern fliegen die Fetzen

Inflationsrate und Produktivitätszuwachs sind die Zutaten der „Benya-Formel“. Die Faustregel der Sozialpartner bei KV-Verhandlungen sorgt bei den Metallern für Konfliktstoff.

Zwischen den Sozialpartnern fliegen die Fetzen. Im Konflikt um die Kollektivverträge für die Beschäftigten der Metallbranche griff die Gewerkschaft zu ihrer schärfsten Waffe: Vergangene Woche kündigte sie einen unbefristeten Streik an. Im traditionell streikfaulen Österreich sorgt so etwas für enorme Aufregung. Der Abschluss der Metaller, Auftaktgeber für die jährlichen Lohnrunden, hat Vorbildwirkung für die gesamte Industrie sowie den Handel. Es geht um flexiblere Arbeitszeiten und – wie könnte es anders sein – ums Geld.

Während die Gewerkschaft ein Lohnplus von 3,4 Prozent fordert, bieten die Arbeitgeber 2,3 Prozent. Die beiden Seiten scheitern schon daran, sich auf eine gemeinsame Inflationsrate zu einigen. Die Arbeitgeber nehmen Maß an der Septemberinflation (1,7 Prozent), die Gewerkschaft beharrt darauf, dass den Kollektivvertragsverhandlungen traditionell die durchschnittliche Teuerungsrate des Vorjahres zugrunde gelegt werde. Und die lag in den vergangenen zwölf Monaten bei 2,4 Prozent. „Jahreswerte sind üblich“, pflichtet Thomas Leoni vom Wirtschaftsforschungsinstitut bei. „Der Monatswert ist nicht aussagekräftig.“

Die Leitlinie für die jährlichen Lohnerhöhungen hatte Mitte der 1960er-Jahre der legendäre Präsident des Österreichischen Gewerkschaftsbunds (ÖGB), Anton Benya, vorgegeben. Gemäß der sogenannten Benya-Formel wird den Arbeitgebern die jährliche Inflation abgegolten und ihnen ein Anteil, nämlich 50 Prozent, am Produktivitätszuwachs zugestanden. So will es die reine Lehre. Mit dieser Idee wollte Benya den Wohlstand breiter Bevölkerungsschichten mehren und gleichzeitig der Wirtschaft Luft zum Atmen lassen. In der Praxis ist der tatsächlich erzielte Abschluss Sache der Verhandlungen.

Doch die Anpassung der Löhne an die Inflation ist eine Voraussetzung für den privaten Konsum. Und dieser trägt rund 55 Prozent zum ­nationalen BIP bei.

„Auch bei einer negativen Produktionsentwicklung ist es nicht so problematisch, die Löhne etwas anzuheben. Die Reallöhne sind in den letzten Jahren ohnehin beständig gesunken“, meint Leoni. Zudem sei die Benya-Formel auch in Zeiten höherer Inflation und stark ­steigender Produktivität nie ganz ausgereizt worden.

Den letzten Arbeitskampf gab es übrigens vor zwei Jahren. Damals riefen die Metaller jedoch nur Warnstreiks aus. Was dazu führte, dass die abgebrochenen Kollektivvertragsverhandlungen früher als geplant wieder aufgenommen wurden. Am Ende schaute ein Gehaltsplus von 4,2 Prozent heraus. Als Verhandlungsbasis war man damals von einer Inflationsrate von 2,8 Prozent ausgegangen.