„Bin noch nicht ganz angekommen“:
Boris Nemsic im Interview mit profil

Der ehemalige Telekom-Austria-Chef Boris Nemsic über seinen neuen russischen Arbeitgeber VimpelCom, Bonuszahlungen für Manager und Funkmasten in Tschetschenien.

Der Arbeitstag von Boris Nemsic beginnt für gewöhnlich einsam. Um 8.15 Uhr ist der 52-jährige Manager der Erste, der im Moskauer Hauptquartier von VimpelCom erscheint. Immerhin hat man sich bei Russlands zweitgrößtem Mobilfunkbetreiber mittlerweile mit den Gewohnheiten des Chefs arrangiert – seit Kurzem ist ab neun Uhr zumindest ein Mitarbeiter für Nemsic abgestellt. Die etwas eigenwillig anmutenden Arbeitszeiten der Belegschaft haben eine eher banale Ursache: „Der Moskauer Verkehr ist eine Zeitvernichtungsmaschine erster Güte“, so Boris Nemsic.

Anfang April 2009 hat Nemsic den fliegenden Wechsel vom Chefsessel der Telekom Austria in den Vorstandsvorsitz des russischen Telekomkonzerns VimpelCom gewagt. Wenn man so will, dann tut Boris Nemsic dort genau das, was er bis vor Kurzem bei der Telekom Austria gemacht hat: Er expandiert – zumindest von Moskau aus betrachtet – in Richtung Osten. Die Distanzen sind allerdings größer geworden. Während die Telekom ihren Wachstumsdrang auf Märkten in der näheren geografischen Umgebung stillte, zieht es die VimpelCom-Gruppe (siehe Kasten Seite 51) nach Südostasien. Im Jahr 2009 etwa erschloss der Mobilfunker mit den an eine Biene erinnernden schwarz-gelben Streifen Vietnam und Laos.

Nicht nur die Distanzen, auch die Probleme sind bei VimpelCom andere als noch bei der Telekom Austria. In Wien scheiterten mit der Regierung Gusenbauer auch Nemsic’ Verhandlungen über die Schaffung einer Beamtenagentur unter dem Dach der ÖIAG, um überzählige, aber unkündbare Telekom-Beamte auszulagern. In Moskau dagegen gab es in den vergangenen Monaten ein beinhartes juristisches Match zwischen den beiden VimpelCom-Großaktionären Telenor (33,6 Prozent) und Alfa Group (37 Prozent). Beide sind gleichzeitig auch Miteigentümer des größten ukrainischen Mobilfunkers Kyivstar. In der Ukraine liefen die Geschäfte in den vergangenen Jahren nicht wie gewünscht. Die strategischen Differenzen landeten schließlich vor Gericht: Ein Kleinaktionär hatte die norwegische Telenor-Gruppe mit Klagen eingedeckt. Am Höhepunkt der Auseinandersetzung stand sogar die Enteignung von Telenor im Raum. Die Vorgehensweise trägt für Kenner der russischen Wirtschaft deutlich die Handschrift von Michail Fridman. Der russische Milliardär und Gründer der Alfa Group war bereits einmal in ein ähnliches Szenario verwickelt. Beim Ölkonzern TNK-BP wurde der britische Hälfteeigentümer BP in Russland so lange schikaniert, bis die „strategischen Differenzen“ mit den russischen Partnern, darunter Michail Fridman und mehrere andere so genannte Oligarchen, ausgeräumt waren.

Immerhin: Alfa Group und Telenor konnten vor wenigen Wochen eine Einigung erzielen. Die beiden Unternehmen fusionieren VimpelCom und Kyivstar unter einer gemeinsamen Holding. Trotzdem dürfte es angesichts derartiger Turbulenzen unter den Eigentümern kein Nachteil sein, dass Boris Nemsic sich ein zweites Standbein in Wien aufgebaut hat. Beinahe zeitgleich mit seinem Wechsel nach Russland gründete Nemsic in Wien eine Time-Tech GmbH. Unternehmenszweck: der Import edler Weine aus Kroatien nach Österreich.

profil: Herr Nemsic, Ihr erstes Jahr bei Ihrem neuen Arbeitgeber VimpelCom in Russland ist zu Ende gegangen. Haben Sie sich einen Bonus verdient?
Nemsic: Das ist noch nicht sicher. Wir haben ein sehr ausgeklügeltes Bonussystem. Der erste Teil ist an die Budgeterreichung gebunden – das werden wir aller Voraussicht nach schaffen. Das zweite ist eine kompetitive Komponente.

profil:
Sie müssen also besser abschneiden als der Markt.
Nemsic: Ja. Wir müssen besser sein als die Konkurrenz. Diese Zahlen kennen wir noch nicht. Ich werde also wahrscheinlich erst im März erfahren, ob dieser Teil auch verdient wurde.

profil:
Was halten Sie von der laufenden Diskussion, wonach Managerboni beschränkt werden sollten?
Nemsic: Das ist ein heikles Thema, und man kann mir leicht unterstellen, dass ich befangen bin. Ich glaube aber, der Begriff Bonus ist fehl am Platz. Ein Bonus ist ja etwas Außerordentliches, ein Zuckerl. Aber wenn man eine messbare Leistung erbringt, dann soll diese auch honoriert werden. Ich persönlich bin davon überzeugt, dass es einen fixen und einen variablen, erfolgsabhängigen Gehaltsbestandteil geben sollte.

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Nicht selten geht kurzfristiger Erfolg aber auch mit höheren Risiken einher. In England wurde im Dezember eine Sondersteuer auf die Zielerreichungsprämien von Bankern beschlossen. Ist das aus Ihrer Sicht eine regulierende Maßnahme?
Nemsic: In erster Linie ist das eine populistische Maßnahme, die aber auch ihre guten Gründe hat. Man darf nicht den Fehler begehen, die variablen Gehaltsbestandteile bei Managern mit den Bonuszahlungen an Investmentbanker zu vergleichen. Das, was man in der Finanzwelt als Bonus versteht, hat nämlich nichts mit Arbeit im klassischen Sinn zu tun. Da geht es um virtuelle Güter und nicht um Erwirtschaftetes. Ich habe daher durchaus Verständnis, dass in diesem Bereich Sondermaßnahmen ergriffen werden. Es wäre höchst an der Zeit, dass man die Spielregeln ändert. Das könnte dazu führen, dass die Bonifikationssysteme sich normalisieren. Ob diese Sondersteuer in England da ein erster Schritt ist oder nur dazu dient, dem Staat Zusatzeinnahmen zu verschaffen, kann ich nicht beurteilen.

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Haben Sie den Eindruck, dass sich die Spielregeln auf dem Kapitalmarkt durch die Krise grundlegend geändert haben?
Nemsic: Ehrlich gesagt nicht. Man muss aber auch laut und deutlich sagen: Die Finanzminister dieser Welt haben zunächst einmal rechtzeitig und richtig gehandelt. Sie haben nicht gekleckert, sondern geklotzt. Man hat die Realwirtschaft gestützt und damit auch Beschäftigung gesichert. Ob in der kurzen Zeit alles in letzter Konsequenz zu Ende gedacht war, wird man wahrscheinlich erst in der Zukunft sagen können. Dann wird man auch sehen, ob die Maßnahmen ausreichend waren, um derartige Auswüchse in der Finanzindustrie zu verhindern. Man könnte aber ganz sicher noch nachjustieren. Für die Finanzbranche bin ich aber kein Fachmann.

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Dann sprechen wir über die Mobilfunkbranche. Telefonieren die Menschen in wirtschaftlich schwierigen Zeiten weniger?
Nemsic: Das würde ich nicht sagen. Kommunikation ist ein Grundbedürfnis, und Grundbedürfnisse deckt man immer als Erstes ab. Ich möchte das nicht mit dem Essen vergleichen, aber das Verhalten ist da durchaus ähnlich. Man sucht sich vielleicht ein günstigeres Angebot, aber man hört nicht damit auf. Mobile Kommunikation darf man auch nicht auf die Ausgabenseite reduzieren – speziell im Business-Bereich. Sie ist ein Werkzeug, um weiterzukommen: Man führt Verhandlungen am Telefon, pflegt Geschäftskontakte. Vielleicht macht derzeit der eine oder andere sogar ein paar Anrufe mehr und verzichtet dafür auf eine Geschäftsreise. So gesehen ist unsere Branche weniger betroffen.

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Ich nehme an, Sie verfolgen auch die Entwicklung Ihres ehemaligen Arbeitgebers Telekom Austria sehr aufmerksam. Dort hat man im Jahr 2009 im großen Stil Personal abgebaut und dafür 630 Millionen Euro an Rückstellungen gebildet. Ein richtiger Schritt?
Nemsic: Ich glaube, es war der richtige Schritt zur richtigen Zeit. Heute könnte man 630 Millionen Euro nicht mehr so leicht rückstellen. Mehr möchte ich aber nicht über die Telekom sagen, das steht mir nicht zu.

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Im März 2009 hat der stellvertretende russische Premierminister Sergei Iwanow die Mobilfunkbranche aufgefordert, als Beitrag zur Krisenbewältigung ihre Tarife zu senken. Das war wenige Wochen, bevor Sie von der Telekom Austria zum russischen Anbieter VimpelCom gewechselt sind. Was ist Ihnen da durch den Kopf gegangen?
Nemsic: Na ja. Prinzipiell ist das nichts Ungewöhnliches oder Schlimmes. In Österreich hätte so etwas vielleicht die Arbeiterkammer gesagt. Wir befinden uns in einem freien Markt. Der Wettbewerb drückt die Preise von selbst.

profil:
Die Preisgestaltung hat also nichts mit den Wünschen des Kreml zu tun gehabt?
Nemsic: Jedenfalls nicht direkt.

profil:
Also indirekt?
Nemsic: Nein, nein. Das klingt so, als gäbe es einen heißen Draht, über den wir Befehle empfangen. Das ist überhaupt nicht der Fall. Es gibt neue Tarife. Manche Tarife sind günstiger geworden, manche teurer.

profil:
Sie haben auch in Ihrer Zeit bei der teilverstaatlichten Telekom gesagt, es gäbe dort keine politische Einflussnahme durch den Eigentümer …
Nemsic: … und das sage ich noch heute. Noch einmal: Man darf die Aussagen von Iwanow nicht überbewerten. Sie dürfen aber nicht vergessen, wo Russland im ersten Quartal war. Der Rubel war im freien Fall, die Arbeitslosigkeit ist enorm gestiegen. Da ist es legitim, dass die Politik solche Statements abgibt.

profil: VimpelCom hatte damals rund acht Milliarden Dollar Schulden, die sich wegen des Rubel-Kursverfalls verteuert haben. Nicht gerade der optimale Start, wenn man einen Wachstumskurs fahren will.
Nemsic: Uns war klar, dass es in der ersten Phase nicht ums Wachstum gehen kann. Zuerst mussten wir uns operativ verbessern, sprich Cash produzieren. Das ist uns gelungen, wir haben unsere Verbindlichkeiten in den vergangenen Monaten auf 5,5 Milliarden Dollar reduziert. Darüber hinaus ist es uns gelungen, das Vertrauen der Anleger wiederherzustellen, den Kurs zu stabilisieren und sogar zu verdreifachen.

profil: Wichtigste vertrauensbildende Maßnahme war wohl, dass der Rechtsstreit zwischen den beiden Hauptaktionären beigelegt wurde.
Nemsic: Tatsächlich war die juristische Auseinandersetzung zur Zeit meines Amtsantritts auf einem Höhepunkt, angeheizt durch einen kleinen Shareholder. Glücklicherweise hat es dann doch ein lösungsorientiertes Klima zwischen den Parteien gegeben. Die russische Alfa Group und die norwegische Telenor sind Miteigentümer bei VimpelCom. Alfa Group ist der größere Aktionär, Telenor der kleinere. Beim ukrainischen Marktführer Kyivstar sind die beiden mit umgekehrten Kräfteverhältnissen beteiligt. Jetzt gibt es eine Lösung, die ein bisschen komplex erscheint, aber alle Streitigkeiten beenden sollte.

profil:
VimpelCom und Kyivstar sollen verschmolzen werden.
Nemsic: Ja. Wenn wir die Zustimmung von 95 Prozent der Aktionäre erhalten, werden die russische und die ukrainische Gesellschaft zur Gänze in eine Holding in den Niederlanden eingebracht.

profil:
Sie verlassen Moskau schon wieder?
Nemsic: Nein! Das operative Geschäft bleibt ja, wo es ist. Ich werde weiterhin bleiben, wo die Musik spielt.

profil:
Apropos: Musik. Gehen Sie öfters in eines der Moskauer Konzerthäuser?
Nemsic: Ich habe viel zu wenig Zeit, um das Potenzial dieser Stadt auch nur halbwegs auszuschöpfen. Um ehrlich zu sein: Ich bin hier noch nicht ganz angekommen. Ich habe aber das Glück, dass sich in unmittelbarer Umgebung meiner Wohnung ein Konzerthaus befindet. Da schaffe ich es manchmal am Abend noch vorbeizuschauen. Absolute Weltklasse!

profil:
Sie dürften sich nicht auf einen allzu langen Aufenthalt eingerichtet haben. Schon bei Ihrem Wechsel haben Sie gesagt, Ihr Vertrag läuft „bis zu drei Jahren“. Warum so skeptisch?
Nemsic: Das ist keine Skepsis, aber drei Jahre sind in Russland eine verdammt lange Zeit. Hier kann es sehr rasch zu Veränderungen kommen, wie das ja beispielsweise gerade bei unserer Eigentümerstruktur der Fall ist. Ich sehe das pragmatisch.

profil:
Sie haben vorhin erwähnt, dass Sie noch nicht allzu viel von Moskau gesehen haben. Russland ist riesig – bekommt man da überhaupt etwas aus den Krisenregionen Abchasien, Südossetien oder Tschetschenien mit?
Nemsic:
Wir haben dort natürlich auch Infrastruktur. Hier und da kommt es vor, dass eine Basisstation beschädigt wird.

profil:
Durch Waffengewalt?
Nemsic: Ja. Das kommt leider vor. Der Kaukasus ist interessanterweise die am schnellsten wachsende Region der VimpelCom. Das zeigt, dass mobile Kommunikation in jeder Umgebung funktioniert. Wir kommen dort mit der Infrastruktur kaum nach. In instabilen Regionen hat man nicht die Zeit für langfristige Infrastrukturprojekte, aber die Strukturen für mobile Kommunikation kann man recht kurzfristig bereitstellen.

profil:
Sie waren kürzlich in Sotschi, dem Austragungsort der Winterspiele 2014. Sind dort schon Fortschritte zu bemerken?
Nemsic: Ja, ich war im Sommer dort. Ich war sehr neugierig, weil ich persönlich sehr schöne Erinnerungen an die Winterspiele 1984 in Sarajevo habe. Sotschi ist eine wunderschöne Stadt am Meer mit allen Vor- und Nachteilen, die ein Tourismusort eben so hat. Das Besondere ist: Nur 20 Kilometer hinter der Stadt sind 4000 Meter hohe Berge. Mit Österreich kann man das Skigebiet natürlich nicht vergleichen. Das ist alles noch am Anfang, es gibt vielleicht fünf Skilifte. Man sieht aber, dass dort etwas im Entstehen ist, und noch sind ja vier Jahre Zeit.

profil:
Der Gründer Ihres Hauptaktionärs Alfa Group, Michail Fridman, ist einer jener ebenso reichen wie umstrittenen russischen Oligarchen. Ein anderer, nämlich Michail Chodorkowski, sitzt seit mehreren Jahren im Gefängnis. Wenn man sich dessen Schicksal vor Augen führt – wird einem da nicht etwas bange vor der russischen Politik?
Nemsic: Ich bin meilenweit weg von der russischen Politik. Politisches Lobbying ist auch aus meiner Job Description ausgenommen, ich kümmere mich um das operative Geschäft. Ich habe aber einen Kollegen, der für Government Relations zuständig ist. Der macht das hervorragend. Ich selbst bin hier nur Beobachter.

profil:
Sind Sie auch interessierter Beobachter der österreichischen Politik?
Nemsic:
Natürlich. Am Abend lese ich immer die Online-Ausgaben der österreichischen Zeitungen. Das ist für mich eine Entspannung.

profil:
Sie haben selbst ein gewisses politisches Geschick – hat man Ihnen eigentlich nie ein Ministeramt angeboten?
Nemsic: Um Gottes willen nein! Ich bin aber ein politisch denkender Mensch, und ich bin der Meinung, dass man am politischen Leben aktiv teilnehmen muss. In welcher Form auch immer. Was ich persönlich nicht mag, sind Menschen, die zwar die Politik andauernd kritisieren, aber selbst nicht einmal wählen gehen. Das ist nicht fair. Man muss bei den Menschen schon früh ein politisches Bewusstsein schaffen.