Blecherne Phrasen

Mut zum Kind, Frauen!, sagte der Politiker und behielt den Unterhaltsvorschuss ein.

Kürzlich wurde wieder einmal, diesmal in der ORF-Fernsehsendung „Im Zentrum“, über die Fristenlösung debattiert. (Ich durfte auch daran teilnehmen.) ÖVP-Justizsprecher Heribert Donnerbauer verkündete dabei vollmundig, er bzw. seine Partei wolle den Frauen Mut zum Kind machen, und zwar durch mehr Beratung als bisher, um Schwangerschaftsabbrüche zu verhindern.

Mut zum Kind durch Beratung. Was heißt das? Das heißt, Herr D. meint, die Rahmenbedingungen fürs Kinderhaben stimmen eh, es fehlt den Frauen nur an Wissen darüber sowie an der nötigen Courage. Schwenk ins Justizministerium, wo Ministerin Maria Berger eine Reform vorschlägt, die es Alleinerzieherinnen in Zukunft erleichtern würde, Unterhaltsvorschuss von Vater Staat zu bekommen, wenn der leibliche Vater nicht und nicht für seine Kinder zahlt. Ja, richtig, eigentlich müsste man das geschlechtsneutral ausdrücken, denn die Regelung würde selbstverständlich auch für alle jene Fälle gelten, in denen Väter die Kinder aufziehen und die leibliche Mutter sich als säumige Zahlerin entpuppt.

Allerdings kommt das verschwindend selten vor, schon deshalb, weil neun von zehn Alleinerziehenden Alleinerzieherinnen sind. Bleiben wir also ruhig dabei, unser Augenmerk auf die Single-Mütter zu richten. Während sie bisher erst versuchen müssen, den Vater gerichtlich pfänden zu lassen, ehe der Staat einspringt, soll es künftig nicht mehr nötig sein, den Nachweis der vergeblichen Exekution zu erbringen, damit es Unterhaltsvorschuss gibt. Das würde Kindern und Müttern in der Praxis, so Justizministerin Berger, ein bis zwei Jahre Warten auf Geld ersparen.

Schwenk zurück auf den NR-Abgeordneten Donnerbauer. Was war seine erste Reaktion auf diesen Vorschlag? „Mit mir ist das nicht abgesprochen“, sagte er zur „Presse“ (laut Ausgabe vom 29. Jänner). Ob seine Partei zustimmen würde, könne er noch nicht sagen, man werde „sich das noch anschauen“. Nun entschließen sich Frauen zum Schwangerschaftsabbruch ja nicht, weil sie befürchten, später einmal keinen Vorschuss auf den ausstehenden Unterhalt fürs Kind zu bekommen. Aber die Reaktion des Mut zum Kind-Machers Donnerbauer erscheint mir dennoch typisch für ein gesellschaftliches Klima, in dem einerseits von bestimmten Gruppierungen ständig heuchlerisch geschwafelt wird, wie sehr dieses Land Nachwuchs brauche und wolle, während andererseits Frauen keineswegs auf Unterstützung und Verständnis zählen dürfen, wenn das Großziehen des Nachwuchses nicht so glatt verläuft wie in den Köpfen der Heuchler. Immer wenn es eng wird, sitzen die Mütter ganz allein in der Zwickmühle. Das ist nicht zu übersehen, und diese Beobachtung kann durchaus zur Entscheidungsfindung beitragen bei der Frage, ob frau ein Kind kriegen soll oder nicht.

Was stellen sie sich denn vor, die hohl tönenden selbstzufriedenen Herren und Familienväter, deren eigene Sprosse von braven Gattinnen domptiert werden, damit sie selber im Parlament und per Funk, Fernsehen oder Presse, kurzum auf öffentlichen Bühnen, die Welt verbessern können – was stellen sie sich denn vor, wenn sie von zu beratenden Frauen reden, denen Mut zum Kind gemacht werden müsse? Glückliche Schwangere mit kooperativen Partnern, gut bezahlten Jobs und ausreichend familiärem Rückhalt? Denen muss kein Mut gemacht werden, die haben ihn schon. Welche Art von Mut wollen sie denn jenen machen, die in einer Zwangslage sind, wenn sie dabei nicht auch an konkrete Hilfe denken? Ihnen munter Schickt Gott ein Häslein, schickt er auch ein Gräslein! zuzurufen wird nicht ausreichen. Abgesehen davon, dass Frauen, die daraufhin fröhlich Kinder in die Welt setzten, nicht mutig wären, sondern tollkühn.

Ich fürchte, sie stellen sich ganz was anderes vor, die Hohltöner, nämlich applaudierende Stammtische, an denen man wie eh und je kein Erbarmen kennt, weder mit schwangeren Schlampen, die ihre Fehltritte gefälligst ausbaden sollen, noch mit Weibsbildern, die sich’s mit einem Ernährer verscherzt haben und denen demzufolge Recht geschieht, wenn sie samt ihren Kindern in der Luft hängen. Nun ist aber gerade der Unterhaltsvorschuss weit entfernt davon, auf leichtfertiges Sponsoring vonseiten des Staates hinauszulaufen. Ohnehin wird er nur gewährt, wenn der Staat Aussichten hat, das vorgestreckte Geld beim säumigen Vater (oder der säumigen Mutter) eintreiben zu können. Soll heißen: Wenn sich der Zahlungsunwillige unbekannten Aufenthaltes ins Ausland vertschüsst hat oder im Gefängnis gelandet ist, gibt es keinen staatlichen Vorschuss. Das mag manchen als verantwortungsvoller Umgang mit öffentlichen Geldern erscheinen, die schließlich nicht dazu da sind, die miserable Zahlungsmoral irgendwelcher Strizzis zu kompensieren. Indes: Auf der Strecke bleiben die Kinder, die uns allen doch angeblich so sehr am Herzen liegen.

Mut zum Kind machen ausreichend Kindergärten, Ganztagsschulen, Firmen, die weibliche Beschäftigte nicht als Risiko behandeln, weil sie schwanger werden können, und ein soziales Netz, das im Bedarfsfall dafür sorgt, dass Kinderhaben nicht Armsein bedeutet. Keinen Mut zum Kind machen blecherne Phrasen, die Entmündigung Schwangerer und steuerliche Überlegungen – Stichwort: Familiensplitting – zur Bevorzugung hoch bezahlter Alleinverdiener mit abhängiger Hausfrauen­gattin.