"Blumenkinder nach dem Reaktorunfall"

Joops Romandebüt "Im Wolfspelz" pendelt zwischen Pathos und Oscar Wilde.

Der kleine Voyeur kommt auf seine Kosten. Aus der Distanz des Entkommenen demaskiert Joop mit der Grausamkeit des Kenners die Modeszene als dadaistisches Vakuum. In dieser exaltierten Leere klammern sich Puppen, so Joops Synonym für Models, an mit Wodka-Tonic gefüllte Evian-Flaschen, Fotografen inszenieren sich wie Pop-Gurus, und eine Armada von Stylisten sucht dem "Puppenspieler ", so der Designer, verzweifelt zu einer Stil-Infusion für die nächste Kollektion zu verhelfen. "Nach dem uniformierten Purismus", legt so eine das Geschäft mit den lachhaften Labels offen, "brauchen wir einen verletzten Romantizismus - Blumenkinder nach dem Reaktorunfall sozusagen." So entfaltet sich vor uns eine tragisch-melancholisch angehauchte "comedy of manners" in der Waffenschmiede des Trends. Woran der Filmemacher Robert Altman mit seiner Klischeeorgie "Pret-à-Porter" 1994 dramatisch scheiterte, das ist dem Neo-Romancier Joop tatsächlich gelungen. Die Liebesgeschichte, die über das Röntgenbild der Modeszene gelegt ist, dezimiert jedoch das Lesevergnügen ein wenig. Denn wenn Joops Alter Ego, der abgeklärte Modedesigner Wolf, noch einmal entflammt für den um Jahre jüngeren Pseudo-Indianer Josh, schwelgt er im Pathos der Vergeblichkeit und sein Autor in den Gefilden des bedeutungsschwangeren Kitsches. In der gefühlsfreien Zone, im Part des hellsichtigen Beobachters, bewegt sich Joop jedoch auf Oscar-Wilde-Niveau - voll elegantem Sarkasmus und aphoristischer Brillanz. Abseits der Liebe erweist sich der Entwicklungsroman "Im Wolfspelz" als ein Epochenzeugnis, das bei der Retro-Aufbearbeitung der Neunziger unerlässlich sein wird.