Primal Scream: Teil der Marketing-Welt?

Primal-Scream-Frontmann Bobby Gillespie über Werbeauftritte für Mobilfunkanbieter, das neue Album "More Light" und seine Abkehr vom Alkohol.

Interview: Robert Rotifer

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Sie spielten letztes Jahr in London einen Arena-Werbeauftritt für ein Mobiltelefonunternehmen. Sind Primal Scream eine Rock’n’Roll-Guerilla, die die Marketing-Welt subversiv infiltriert - oder selbst längst Teil davon?
Gillespie: Es ging ums Geld. Wir haben keine Plattenfirma mehr, also brauchen wir Konzerte, die einen Teil der Löhne jener Leute bezahlen, die für uns arbeiten. Zudem war das ein richtiger Pop-Gig für junge urbane Teenager. Das fand ich interessant. Wir waren die einzige Rock’n’Roll-Band an diesem Abend, vielleicht die einzige, die diese Kids je sehen werden. Rock‘n‘Roll berührt ihre Welt nicht.

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Ich spreche das nur an, weil Sie in ihrem neuen Song "2013“ so lautstark gegen den Ausverkauf des "gegenkulturellen Undergrounds“ und den Verlust des "revolutionären Geists“ wettern.
Gillespie: Ja, Ich sehe keinen Unterschied darin, ob ich Geld von Sony, Phonogram oder einer Telefongesellschaft nehme. EMI zum Beispiel stellte früher Waffen her, die Plattenfirma war nur ein kleiner Teil dieses Unternehmens.

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Sie haben sich oft darüber beschwert, dass Bands heutzutage so unpolitisch sind.
Gillespie: Nicht nur Bands, die Menschen überhaupt. In den 1980er-Jahren schrieben The Smiths als Reaktion auf das politische Klima der Zeit Songs wie "The Queen Is Dead“ - mit großem Hass gegen die königliche Familie. Niemand zeigt heute mehr diesen Zorn. Wenn die Zeiten turbulent sind, sollte die Kunst es auch sein: voll von bösen Vorahnungen, Aggressionen, Angst und Paranoia. Im Moment höre ich in der Musik nichts dergleichen.

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Ist alle Kultur, die nicht Widerstand ist, schon Kollaboration?
Gillespie: Kunst muss nicht didaktisch sein, militant oder radikal, aber man soll den Schmerz spüren können. Es genügen schon Songs über echte Menschen in echten Situationen, richtiger Blues mit Gefühl und Seele. Aber Pop ist heute wie ein Disney-Film, man erfährt darin nichts über das reale Leben. Ich bin nicht der Einzige, der so denkt. Wir hatten neulich ein BBC-Interview, danach waren die Leute ganz dankbar: "Gut zu sehen, dass einer einmal was mitzuteilen hat“, sagten sie. Die jungen Bands, die sonst dort vorbeikommen, haben zu gar nichts eine Meinung.

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Ihre Stimme klingt auf dem neuen Album "More Light“ auffällig wärmer und offener als bisher.
Gillespie: Ja, meine Abkehr von Alkohol und Drogen hat einen besseren Sänger aus mir gemacht. Ich lebe ein gesunderes, chaosfreies Leben. Wenn man süchtig ist, verschließt man sich allem anderen. Man will keinen Schmerz fühlen, aber das muss man, um ein guter Künstler zu sein.

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Neben all dem politischen Zorn haben Sie nun Ihre zarte Seite entdeckt?
Gillespie: Genau. Mitgefühl für verwundete Menschen. Das ist es, was das Establishment nicht hat, das gehört uns: Wir haben die Empathie.

Bobby Gillespie, 50,
ist Sänger der schottischen Band Primal Scream. Im 31. Jahr ihres Bestehens ist sie zugleich ein lebendes Fossil der britischen Indie-Szene und eine ihrer aufregendsten Erscheinungen. Chefideologe Bobby Gillespie hat Zeit seiner bisherigen Laufbahn einen ästhetischen Zick-Zack-Kurs zwischen Rock’n’Roll-Fundamentalismus, Avantgarde und Dance Culture verfolgt. "More Light“, das vom DJ David Holmes produzierte zehnte Album der Band, kann all das und noch mehr: ein spätes Meisterstück.