Bombast und Tragik - Tod des King of Pop:
Die einzigartige Karriere des Michael Jackson

Begnadung, Bombast und Tragik: Sven Gächter zum Tod des Jahrhundert-Entertainers Michael Jackson.

Einer der definitiven Momente in der Geschichte des Pop fand am 25. März 1983 im Pasadena Civic ­Auditorium statt. Die Labellegende Motown beging ihren 25. Geburtstag; Marvin Gaye, Smokey Robinson und die Jacksons erwiesen ihrem Entdecker und Förderer Barry Gordy die Ehre. Am Ende stand Michael Jackson allein auf der Bühne und trug den Song „Billie Jean“ aus dem wenige Monate zuvor veröffentlichten Album „Thriller“ vor. Er krönte die Darbietung mit einigen Tanzschritten, die ein Vorwärtslaufen bei tatsächlicher Rückwärtsbewegung simulierten: Der Moonwalk hatte das Licht der Weltöffentlichkeit erblickt. Jackson war nicht dessen Erfinder und zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht ganz auf der Höhe der kniffligen Schritttechnik, doch das Auditorium tobte, weil es unverhofft einen magic moment hatte miterleben dürfen: die Aufhebung der Schwerkraft, die unvergleichliche Leichtigkeit des Scheins. Am nächsten Morgen erhielt Jackson einen ­Anruf vom greisen Tanzgott Fred Astaire, der seiner Freude darüber Ausdruck gab, endlich einen würdigen Nachfolger gefunden zu haben.

1983 war Michael Jackson noch ein paar Takte von jenem beispiellosen Weltruhm entfernt, an dem er schließlich zerbrechen sollte. Aber sein Auftritt in Pasadena beglaubigte seinen Status als King of Pop, lange bevor Jackson sich diesen Ehrentitel in unheilbarem Größenwahn selbst verlieh. Die Moonwalk-Performance katapultierte die Verkaufszahlen von „Thriller“ in astronomische Höhen (im Guinness-Buch der ­Rekorde wurden sie 2006 auf 104 Millionen Exemplare beziffert) und setzte eine Promotion- und Marketingmaschine in Gang, die alle bislang im Musikgeschäft bekannten ­Dimensionen sprengte. Jackson stieg zum größten Star der Popgeschichte auf, größer als Elvis und die Beatles, weil er das in jeder Hinsicht perfekte Medium eines Systems darstellte, das sich damals mit dem Videoclip-Sender MTV und dem neuen Tonträger CD fulminant neu erfand. Madonna und Prince, die beiden anderen Gottheiten der Achtziger-Poptrias, waren in Wahrheit die ersten Profiteure der durch Jackson angeschobenen Entwicklungen.

Verkaufsrekorde, Massenhysterie, Star-Glamour und High-End-Inszenierungen hatten sei jeher die Geschäftsgrundlage der Popkultur gebildet, doch es schien, als habe das Business nur lange genug geübt, um für das Jahrhunderttalent Michael Jackson gerüstet zu sein und alle, wirklich alle Register ziehen zu können. Das Bigger-than-Life-Syndrom wurde mit generalstabsmäßig exekutierten Album-Veröffentlichungen, Konzerttourneen und Videokampagnen auf die Spitze getrieben. Jackson spielte dabei eine durchaus paradoxe Doppelrolle: einerseits Marionette, andererseits treibende Kraft einer hyperfunktionalen Betriebslogik. ­Seine Tragödie bestand darin, dass er zugleich deren größter und letzter Repräsentant, deren magischer Vollender und erbarmungswürdiges Opfer war.

Man kann die History of Pop als eine endlose Serie von Freakshows aufrollen, von Brian Wilson über Jim Morrison bis zu Amy Winehouse. Dem Chefneurotiker Jackson aber konnte niemand je das Wasser reichen. Seine Spleens und Macken hielten das Weltpublikum bald mehr in Atem als seine künstlerischen Verdienste. Er schlief unter dem Sauerstoffzelt, er erkor den Schimpansen Bubbles zu seinem besten Freund, er schuf sich mit der Ranch Neverland ein aberwitzig prunkvolles Märchenrefugium, er verprasste binnen Monatsfrist den Gegenwert eines mittelafrikanischen Bruttonationalprodukts – und er finanzierte im Alleingang die halbe Schönheitschirurgen- und Pharmabranche von Los Angeles. Jacksons Körper durchlief mehr Metamorphosen als eine ausgewachsene Raupenkolonie. Der King of Pop mutierte von einem zierlichen Afroamerikaner zu einem grotesken Androiden; die fortschreitende Weißstichigkeit seines Teints war ein symbolischer Treppenwitz, der umso verstörender wirkte, als Jackson mit „Thriller“ die Rassenschranken im Musikgeschäft endgültig aufgehoben hatte.

„Die lebensrettende Funktion der Verdrängung in der Kindheit verwandelt sich später beim Erwachsenen in eine lebenszerstörende Macht“, schrieb Alice Miller („Das Drama des begabten Kindes“). Wie man als kleines Kind behandelt worden sei, „so behandelt man sich später das ganze Leben lang. Und die qualvollsten Leiden sind oft diejenigen, die man sich selber zufügt.“ 1988 enthüllte Michael Jackson in seiner Autobiografie „Moon Walk“, welche Behandlung ihm als kleines Kind widerfahren war. Sein Vater Joseph hatte ihn und seine Brüder Jackie, Jermaine, Marlon und Tito buchstäblich zu einer Weltkarriere geprügelt. Mit eiserner Hand dirigierte er das Projekt The Jackson Five. Michael war der Jüngste und Begabteste und bekam schon mit fünf Jahren schmerzhaft zu spüren, was es bedeutet, Höchstleistungsträger im Musikgeschäft zu sein. Seine Kindheit verbrachte er im Probenraum, im Aufnahmestudio und auf der Bühne. Freunde hatte er keine, schon gar keine gleichalt­rigen. Wenn er nicht plangemäß parierte, half sein Vater mit Faust und Lederriemen nach.

Dass Michael Jackson nach diesen prägenden Misshandlungserfahrungen durch schiere Sublimation zum King of Pop reifen konnte, wäre eine spekulative Verkürzung, die zudem einen zentralen Aspekt ausblendete: Jacksons stellares Lebenswerk wird immer von der Frage überschattet bleiben, welche Leiden er nicht nur sich selbst, sondern möglicherweise auch Minderjährigen zufügte. 1993 wurde Jackson mit dem Vorwurf konfrontiert, einen 13-Jährigen sexuell missbraucht zu haben; gegen Zahlung von 20 Millionen Dollar konnte er einen Prozess abwenden. Zehn Jahre später wurde ein Haftbefehl wegen mehrfachen Kindesmissbrauchs an ihm vollstreckt. Es folgte ein weltweit weidlich ausgeschlachtetes Gerichtsverfahren, in dem Jackson 2005 zwar in allen Anklagepunkten freigesprochen wurde, allerdings nur, weil seine Schuld nicht zweifelsfrei nachzuweisen gewesen war.

Zu diesem Zeitpunkt lag die Karriere des Popkönigs längst in Trümmern. Er hatte jeden Bezug zu einer Realität jenseits von Kitsch, Neurosen und Gigantomanie verloren und regredierte zur traurigen Karikatur eines Megastars, der sich nur noch an der bedingungslosen Adoration einer von allen Vorwürfen notorisch unbeeindruckten Anhängerschaft aufrichten konnte. Die letzten musikalisch halbwegs nennenswerten Akzente hatte er 1995 mit dem Doppelalbum „HIStory“ gesetzt; die immer rareren Auftritte gerieten zu Exerzitien angewandter Absurdität. Nur Hardcore-Fans verübelten ihm nicht, dass er allen Gerüchten und Skandalgeschichten zum Trotz keinerlei Anstalten machte, seinem Kinderfetisch zu entsagen. Welche Strahlkraft sein Name aber immer noch entfaltete, bewies das überwältigende Interesse an der für Juli anberaumten Comeback-Konzertserie in London: Binnen kürzester Zeit wurden 1,1 Millionen Tickets verkauft – ein Weltrekord mehr für die Pop-Annalen.

Als am 25. Juni bekannt wurde, dass Michael Jackson am frühen Nachmittag mit einem Herzstillstand (vermutlich aufgrund von Medikamentenmissbrauch) in das UCLA Medical Center in Los Angeles eingeliefert worden war, wo nur noch der Tod des 50-Jährigen festgestellt werden konnte, kam es zu einem jener denkwürdigen Freeze-Momente, die in der kollektiven Wahrnehmung wirklich epochalen, weil Völker, Generationen und Biografien übergreifenden Ereignissen vorbehalten sind. Die globale Aufmerksamkeit richtete sich noch einmal auf jenen Menschen, der in den achtziger Jahren das John-Lennon-Diktum „berühmter als ­Jesus“ endgültig eingelöst und die Essenz des Pop so idealtypisch verkörpert hatte wie niemand vor und nach ihm – als Komponist, Sänger und Tänzer, kurz: als konkurrenzlos begnadeter Entertainer. Wenn man die Jackson-Saga all ihrer unüberschaubaren Degenerationen entkleidet, bleibt in Wahrheit nicht viel übrig außer der lupenreinen Vollendung einer der ­ältesten und anspruchsvollsten Kunstformen der Menschheit: Unterhaltung.

In den von monomanischem Pomp, pyrotechnischem Bombast und ohrenbetäubendem Sound dominierten Jacko-Konzerten gab es immer einen gespenstischen Augenblick der Konzentration und maximalen Verfeinerung. Auf nachtschwarzer Bühne stand eine schmächtige Figur mit schwarzem Hut und weißen Glitzerhandschuhen im grellen Scheinwerferkegel und begann, ihren Körper zu den hypnotischen Beats von „Billie Jean“ unter Strom zu setzen: die einfachste und zugleich fragilste Versuchsanordnung. Jackson zelebrierte die Einsamkeit des Kurzstreckentänzers als Hochamt der Schwerelosigkeit. Er musste den Moonwalk nur andeuten, um ganze Stadien zum Abheben zu bringen. In diesen Momenten fand nicht nur Michael Jackson, sondern das Prinzip Pop schlechthin zu sich selbst. Das Versöhnliche an Jacksons tragischer Karriere ist, dass ihm diese Momente niemand streitig machen und nichts die Erinnerung daran auslöschen kann.