Wunder geschehen: „Braunschlag” und das Waldviertel

Die ORF-Erfolgsserie „Braunschlag” spielt nicht ganz zufällig im Waldviertel. Der Norden Österreichs hat tatsächlich eine Menge Erfahrung mit Übersinnlichem.

Die Arbeit eines Bürgermeisters auf dem Land ist bestimmt anstrengend, sonderlich viel Publicity wirft der Dienst für die Gemeinde aber nicht ab. Karl Mader zum Beispiel, Ortschef von Eisgarn im nördlichen Waldviertel, brachte es in den zweieinhalb Jahren seiner Amtszeit nur zu einigen Randnotizen in den "Niederösterreichischen Nachrichten“. Zuvor hatte er diverse Ehrennadeln verliehen (an treue Eisgarn-Stammgäste und Funktionäre des örtlichen Sportklubs), eine Volksschuldirektorin in den Ruhestand verabschiedet und einen Erste-Hilfe-Kurs im Feuerwehrhaus veranstaltet. Was sich in einem Marktflecken mit nicht einmal 700 Einwohnern an besonderen Anlässen halt so ergibt.

Seit etwa einer Woche wird Karl Maders bescheidene Amtsstube von Journalisten regelrecht belagert. Mitunter kommt es zu Terminkollisionen und beleidigten Mienen, wenn Mader im Stress Doppelbuchungen unterlaufen sind. "Entschuldigung. Auf Sie hab ich jetzt ganz vergessen“, erklärt der nette Bürgermeister, aufrichtig desperat, am Mittwochvormittag vergangener Woche zwei Reportern aus der Bundeshauptstadt. "Wie mach ma das jetzt?“

Eisgarn verdankt seine plötzliche Berühmtheit der ORF-Produktion "Braunschlag“. Die ersten zwei Folgen der absurd-hintergründigen Provinzsatire um ein erfundenes Marienwunder erreichten am Dienstag der Vorwoche fast eine Million Seher. Noch bevor die achtteilige Kurzserie so richtig in Fahrt kommen konnte, gilt die Produktion bereits als kultverdächtig. Der Name Eisgarn kommt im Drehbuch zwar nicht vor, aber wesentliche Szenen wurden hier gedreht. Maders Büro etwa fungiert auch im Fernsehen als Arbeitsplatz des Bürgermeisters. Ein Foto des Braunschlager Ortschefs Gerry Tschach (gespielt von Robert Palfrader) hängt dort sogar noch an der Wand. Das reicht, um wenigstens für kurze Zeit ein bisschen berühmt zu werden. Langfristig werde die Serie wohl nicht viel ändern, meint der Bürgermeister. "Aber schaden wird sie uns auch nicht.“

Andreas Schwarzinger, Geschäftsführer der Destination Waldviertel GmbH, hofft durchaus auf bleibende Effekte. "Die Schönheit der Landschaft kommt in ‚Braunschlag‘ sehr gut zur Geltung. Das sind ja teilweise richtige Werbeaufnahmen“, schwärmt er. Weniger Freude hat der Tourismusexperte mit den Charakteren der Serie, die mehrheitlich saufen, kettenrauchen und ihre nächste tollpatschige Hochstapelei aushecken. Aber das dürfe man halt nicht so ernst nehmen, empfiehlt Schwarzinger. "Die Menschen werden überspitzt dargestellt. Für mich läuft das unter künstlerischer Freiheit.“ Finanzielle Unterstützung des Landes Niederösterreich gab es für "Braunschlag“ aber nicht. Das ist wiederum die künstlerische Freiheit des Landeshauptmanns.

Das Waldviertel gehört zu den stillsten Ecken Österreichs.
Schnurgerade laufen die Straßen durch Kürbisfelder, bis zum Horizont reichende Wiesen und dunkle Wälder. Die Dörfer sind tagsüber so leer, dass sich nicht einmal wer findet, um durchreisende Fremde zu bestaunen. Fabriken oder größere Gewerbebetriebe gibt es kaum. Wer Arbeit hat, hat sie in der Regel woanders und kommt höchstens zum Übernachten oder für das Wochenende nach Hause. Junge Leute halten das in großer Zahl für keine tolle Perspektive und wandern ab. In Eisgarn mussten sich heuer nur zwei junge Männer im wehrfähigen Alter zur Musterung melden. Die Bundesheer-Volksbefragung wird im Ort also keine erbitterten Diskussionen auslösen.

Lange galt der Eiserne Vorhang als Hauptgrund für die schlechte Wirtschaftslage. Doch die Ostöffnung ist mehr als zwanzig Jahre her - und war nach Auskunft örtlicher Dienstleister ökonomisch keine gute Idee. Seither fließe sogar noch mehr Kaufkraft ab, weil die Waldviertler gerne im billigen Tschechien shoppen.

Eine zusätzliche Herausforderung ist das Klima:
Mit minus 36,6 Grad hält Zwettl den seit 1929 geltenden Kälterekord unter den bewohnten Gebieten in Österreich. Auch die Kälteperiode des vorigen Winters ließ sich im Waldviertel besonders ausgiebig genießen. Mehrmals war der Norden der Region unter den Tiefsttemperatur-Spitzenreitern.

"Braunschlag“ spielt im Sommer, und es scheint meistens die Sonne. Davon abgesehen mussten die Produzenten an der Realität nicht groß herumbasteln. Skurrile, von der Zeit vergessene Drehorte gibt es in der Gegend massenweise. Die Diskothek aus der Serie etwa, Einsatzort des von Nicholas Ofczarek gespielten Alkoholikers Richard Pfeisinger, steht mitten im Zentrum von Eisgarn. Sie wurde vor 20 Jahren geschlossen - weil sie einfach zu erfolgreich war. "Fallweise sind da über 1000 Leute gekommen“, erzählt der Bürgermeister. Leider habe der Granitfelsen unter dem Ort das Bassgewummer direkt ins Nachbarhaus übertragen und dort die Wände erzittern lassen. Außerdem tendierte das Publikum nächtens auf dem Hauptplatz zur Randale. Es gab Proteste, was wiederum den Disko-Besitzer so erboste, dass er den Laden irgendwann aufgab und in seiner ganzen Achtziger-Jahre-Pracht einfach stehen ließ. Diese Art von Trotz kann man sich nur im Waldviertel leisten, wo Grund und Boden kaum etwas wert sind.

Auch für den oft gezeigten Hauptplatz von Braunschlag waren keine Adaptierungen nötig. Es genügte, das Zentrum von Eisgarn zu filmen. Das schweinchenrosa-grau gestreifte Gemeindeamt direkt neben der pfirsichfarbenen Pfarrkirche beweist, dass hier durchaus versucht wurde, einen stimmigen Gesamteindruck zu produzieren. Dergleichen klappt ja auch in der Großstadt nicht immer.

Ein paar Kilometer weiter nordwestlich, in Litschau, sitzt Helmut Böhm bei einem Kaffee im Gasthof Kaufmann und versucht "Braunschlag“ in sein persönliches Koordinatensystem einzufügen. Als Kulturstadtrat muss er tadeln, dass die Einheimischen eher schlecht wegkommen. Als Tourismusverbandsobmann des Oberen Waldviertels findet er es allerdings großartig, dass die gesamte Crew monatelang in Litschau wohnte und die Nächtigungsstatistik des Vorjahrs sanierte. Als Inhaber eines Frisiersalons in Litschau gefällt ihm grundsätzlich alles, was Leute in den Ort bringt. In Summe kann Böhm unaufgeregt positiv bilanzieren: "Der Kottan war ja auch nicht schlecht für Wien.“

Litschau steuerte an Originalschauplätzen das Schwimmbad, die Volksbank und den Supermarkt bei. Eine Vermarktung der Drehorte nach dem Vorbild von Rust ("Winzerkönig“) hält Böhm allerdings für sehr unwahrscheinlich. "So sind wir nicht. Das würden die Leute nicht wollen.“ Man halte hier nicht viel vom Showbusiness. Auch die Dreharbeiten seien großteils ohne Publikumsandrang vonstattengegangen. Böhms Erläuterungen lassen sich gleich an Ort und Stelle verifizieren: Das Mittagspublikum schaut vom Schweinsbraten nur sehr kurz auf, als der profil-Fotograf beginnt, sein Blitzlicht aufzubauen.

Die Stille und Weltabgeschiedenheit des Waldviertels mögen für die örtliche Jugend ein Problem darstellen. Gäste aus der Großstadt schätzen genau diese Eigenheiten an der Region zwischen Donau und tschechischer Grenze. Der Tourismus gehört zu den wenigen Wachstumsbranchen. Auch die Zweitwohnsitze werden zahlreicher. In manchen Dörfern kommen auf drei Einheimische bereits zwei Wochenend-Zugereiste. "Leider sind die nur im Sommer da“, bedauert Böhm. "Im Winter kann es ganz schön leer werden.“ Dafür kaufen die Städter gerne alte, nach Möglichkeit windschiefe Häuschen, für die sich die örtliche Bevölkerung sowieso nicht interessiert. Gäbe es nicht die Bobos aus der Stadt, würde niemand die Bruchbuden wieder instand setzen.

Seit ein paar Jahren wirbt das Waldviertel vor allem mit der guten, sauberen Luft und dem umfassenden Erholungsangebot - also letztlich damit, dass nichts los ist. Bis dahin wurde die Region lange als eine Art spirituelles Zentrum vermarktet. Esoteriker aus nah und fern ließen sich von den angeblichen Geheimnissen moosbewachsener Wackelsteine, von energetischen Kraftfeldern und sagenhaften Druidentreffpunkten anlocken. So gesehen ist es kein Wunder, dass "Braunschlag“ gerade hier spielt. Für Übersinnliches aller Art hat sich in der Gegend tatsächlich einiges an Expertise angesammelt.

Ganz aufgeben wollen viele Gemeinden den Flirt mit dem Transzendentalen bis heute nicht. Die einschlägige Klientel ist treu, und auf diesem Gebiet gibt es innerhalb Österreichs kaum Konkurrenz. In Kautzen etwa, ein paar Kilometer östlich von Eisgarn, wird der "Platz des Skorpions“ sehr prominent auf der Gemeindehomepage beworben. Dies sei ein "hochfrequenter Kraftplatz und eine spirituelle Begegnungsstätte“, heißt es. Wie der Lokalaugenschein zeigt, braucht man aber doch etwas Fantasie, um die mächtigen, verwitterten Granitbrocken mitten im Wald mit Energien aufzuladen. Es ist angenehm still auf dem Skorpionplatz, von den Fichtenzweigen tropft sanft das Regenwasser, der weiche Waldboden schmiegt sich an die Schuhsohlen. Das ist schön und beruhigend. Aber übersinnlich? Angeblich hilft das Wasser in einer Mulde des "Herrgottssteins“ gegen Augenleiden, das "Warzenbründl“ in der Nähe verschafft Linderung bei Hautwucherungen, und der "Apostelstein“ könnte, so mutmaßt die Bedienungsanleitung im Internet, einst den Aposteln als Ruheplatz gedient haben.

Auf ähnlichen Pfaden lustwandelt die Gemeinde Großschönau weiter südlich. Im Angebot sind der erste niederösterreichische Wünschelrutenweg und ein Sternzeichen-Park - beides gefördert von Bund, Land und EU und mit spektakulären Holzskulpturen garniert. Wünschelrutengehen und Astrologie hätten zwar weder miteinander noch mit dem Ort etwas zu tun, gesteht ein freundlicher Mitarbeiter des bioenergetischen Trainingszentrums. "Aber bei uns gibt es halt beides.“ Im Wald kann man sich auch noch Lebenshilfe holen: "Formuliere ein großes Problem von dir mit Mickey-Mouse-Stimme, es geht auch Donald Duck oder Woody Woodpecker“, steht auf einem Schild. "Du spürst gleich, alles klingt nicht mehr so schwer.“

Tourismus ist ein hartes Geschäft. Da muss jeder schauen, wo er bleibt.

Die wahren Sehenswürdigkeiten des Waldviertels liegen aber woanders. Bei einer Fahrt durch die Dörfer wird klar, was vor allem Großstädter in den besten Jahren an der Gegend so sehr fasziniert, dass sie hier Wurzeln schlagen. Schaufenster, Wirtshausstuben, Hinterhöfe und Ortszentren schauen genauso aus wie früher, im Sommerurlaub bei der Oma auf dem Land. Ganz egal, wie viele Jahrzehnte das schon her ist: In der Zeitmaschine des Waldviertels kann jeder wieder zum Kind werden und sich richtig jung fühlen.

Daraus ließe sich ebenfalls eine Werbelinie basteln. Ist aber nur ein Vorschlag.