Briefaffäre: Der Mann mit dem Halbmond

Der Urheber des trefflichsten Wahlkampf-Scherzes outet sich: Wie ein Wiener Politikberater Peter Westenthaler zum Kasperl machte.

Der Kollege aus Hamburg wurde stutzig. „Als Alfred Gusenbauer das SPÖ-Zelt verlässt, nähert sich ein Mann von rechts und flüstert ins künftige Kanzler-Ohr“, berichtete „Spiegel“-Online, die Net-Ausgabe des Nachrichtenmagazins, vergangenen Montag über eine Beobachtung am turbulenten Wahlabend: „Gusenbauer stockt, reißt die Augen auf – und verfällt dann in brüllendes Lachen. In diesem Moment ist eines der größten Geheimnisse dieses Wahlkampfs gelüftet worden.“ Nicht ganz: Die Identität des Mannes, der sich da in Gusenbauers größter Stunde als Schreiber des berühmten „Halbmond“-Briefes outete, konnte auch der „Spiegel“ nicht lüften.

Dabei handelt es sich um keinen völlig Unbekannten: Der Politikberater Gerd Millmann, 44, war immerhin einige Jahre lang Sprecher des Wiener Wohnbaustadtrats Werner Faymann (SPÖ). Den köstlichen Jokus, der BZÖ-Obmann Peter Westenthaler mitten im Wahlkampf wie einen simplen Tropf dastehen ließ, hat er sich mit einer Runde von Sportsfreunden ausgedacht – Millmann ist Triathlet und Marathonläufer (Bestzeit 3:03). Schon im Frühjahr hatten Millmann und seine Freunde nach dem abendlichen Joggen im Prater beschlossen, einem handverlesenen Personenkreis den Spiegel vors Gesicht zu halten: „Wir dachten an Leute, denen du auf vernünftigem Weg nicht beikommst, die du also nur lächerlich machen kannst.“

Wenig später erhielten BZÖ-Chef Peter Westenthaler, FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache und der Herausgeber der „Kronen Zeitung“, Hans Dichand, die Kopie eines angeblichen Briefes des Generalsekretärs des Österreichischen Alpenvereins (ÖAV), Andreas Ermacora, an den Wiener SPÖ-Landtagsabgeordneten irakischer Herkunft, Omar Al-Rawi, zugespielt. Als Absender des scheinbar aus der Korrespondenz-Ablage des ÖAV-Büros entwendeten Schreibens gab sich „ein echter Österreicher“ aus: „Jetzt treiben’s die Moslems zu weit. Ich muss leider anonym bleiben“, hieß es auf einem angehefteten Zettel.

Satire. Aus der Kopie des vorgeblichen Ermacora-Briefs an Al-Rawi ging hervor, dass Al-Rawi vom Alpenverein Unglaubliches gefordert haben musste: die Beseitigung der Gipfelkreuze auf Österreichs Bergen, weil diese „Herrschaftsabzeichen des Christentums“ seien und daher die religiösen Gefühle der hier lebenden Moslems verletzten. Spätestens jetzt musste jeder, der Al-Rawi kennt, stutzig werden: Der sozialdemokratische Abgeordnete zum Wiener Landtag ist alles andere als ein religiöser Fundamentalist. Leicht als Satire zu durchschauen war auch der „Vorschlag zur Güte“ des Alpenverein-Generalsekretärs Ermacora: „Die Etablierung einer islamischen Sparte des Österreichischen Alpenvereins sowie die Anbringung eines Halbmondes an einem Gipfel der gemeinsamen Wahl.“ Damit, so Ermacora, wäre die Sache aus der Welt und würde nicht just vor den Wahlen aufgeschaukelt werden. Er hoffe auf ein Entgegenkommen und verbleibe mit freundlichen Grüßen.

Millmann hatte den Fake-Brief im vergangenen April mit denkbar einfachen Mitteln zusammengebastelt: Das Logo im Briefkopf stammte von der ÖAV-Website, Millmann hatte es einfach ausgedruckt und auf ein Blatt Papier geklebt.

Zwei der drei Adressaten fielen auf die simple Fälschung auch nicht herein. Bei der „Kronen Zeitung“ wanderte der Brief offenbar sofort in den Papierkorb, Heinz-Christian Strache gab ihn an FPÖ-Generalsekretär Harald Vilimsky weiter, der die merkwürdige Depesche sogleich als „offensichtliches Machwerk eines drittklassigen Fälschers“ erkannt haben will. Tatsächlich kramte die Strache-Truppe den Brief vor Wahlkampfbeginn noch einmal hervor und fragte bei ÖAV-Generalsekretär Ermacora an, was es damit auf sich habe. Ermacora: „Ich habe damals geantwortet, dass ich einen solchen Brief nie geschrieben habe. Danach habe ich davon nichts Weiteres gehört.“

Spätzünder. Auch Millmann und seine Freunde glaubten, die Sache sei einigermaßen wirkungslos verpufft. Doch dann, am 7. September gegen Ende der TV-Debatte zwischen SPÖ-Obmann Alfred Gusenbauer und Peter Westenthaler, fischte der BZÖ-Spitzenkandidat triumphierend den Fake-Brief aus der Tasche und hielt ihn Gusenbauer unter die Nase. „Blödsinn“, brummte der SP-Chef.

Am nächsten Morgen brach der Sturm los: Sowohl Omar Al-Rawi („Gipfelkreuze sind wirklich mein letztes Problem“) als auch ÖAV-Generalsekretär Ermacora dementierten wütend die Autorenschaft. „Im Wettbewerb, wer der Dümmste und Tiefste ist, gibt es seit gestern einen eindeutigen Sieger“, ätzte SPÖ-Chef Gusenbauer.

Am meisten dürfte Westenthaler der Umstand geschmerzt haben, dass just HC Strache neben ihm nun wie ein umsichtiger Ehrenmann aussah. Strache selbst wurde bis zum Ende des Wahlkampfes nicht müde, sein BZÖ-Gegenüber in Diskussionen an die Blamage zu erinnern: „Das ist doch wieder nur so eine Halbmond-Geschichte.“ Die Millmann-Mannschaft sieht ihren listigen Plan denn auch nur halb aufgegangen: „Wir hätten uns gewünscht, dass sich Strache und Westenthaler den Brief in ihrer TV-Debatte gegenseitig hinhalten.“

Der Halbmond-Scherz ist nicht die erste Aktion der Millmänner, aber die erste mit größerem politischem Echo. Zuvor hatte es eher harmlose Streiche gegeben. Einmal war Millmann in die Gestalt des Sportarztes Paul Haber geschlüpft und hatte dem „Standard“ auf eine Anfrage in der Kolumne „City Fax“ geantwortet, ob man auch im Winter joggen solle. Der merkwürdige, freilich abgedruckte Bescheid: Ja schon, aber danach müsse man bei einem Punschstand gegen die Dehydrierung ankämpfen. Ein anderes Mal rief man per Internet dazu auf, alle Wiener Hauswände zu nennen, auf die FUCK NIGGER gekritzelt war. Nachts rückten die Millmann-Leute aus und formulierten mit zwei kleinen Strichen zu EUCK WIGGER um: „Eine eher dadaistische Aktion. Aber wir sind kaum zum Schlafen gekommen.“

Derzeit sei einiges in Vorbereitung, sagt Millmann, aber vorher setzt es noch eine Ehrung: Für die hetzerischsten Auftritte wird die „Kellerassel des Wahlkampfs“ verliehen. Es gibt Favoriten.

Von Herbert Lackner