Wüstenkrieger

Ein RH-Bericht beleuchtet unfreiwillig ein Staatsgeheimnis: Österreichische Soldaten töteten im Tschad Rebellen.

Es war einer der gefährlicheren Auslandseinsätze in der Geschichte des österreichischen Bundesheeres. Knapp zwei Jahre lang, von 2008 bis 2009, dienten rund 150 Soldaten im zentralafrikanischen Tschad im Auftrag der Europäischen Union.

Das Ziel der Eufor (European Union Force)-Mission: Schutz von hunderttausenden Flüchtlingen vor Rebellen und marodierenden Banden. Kernstück der rot-weiß-roten Truppe waren 40 Soldaten des Jagdkommandos. Nach der Rückverlegung war Verteidigungsminister Norbert Darabos (SPÖ) bei einer Visite im Stützpunkt der Elite-Einheit im August 2009 voll des Lobs: Der Einsatz im Tschad sei ein Erfolg gewesen.
Aus militärischer und außenpolitischer Sicht durchaus. Aus finanzieller Sicht setzte es vergangene Woche allerdings eine Rüge. In einem Bericht kritisierte der Rechnungshof die Gesamtkosten des Bundesheereinsatzes im Tschad. Diese hätten 54 Millionen Euro betragen und damit um acht Millionen mehr als budgetiert.

Eine kleine Detailkritik des insgesamt 12-seitigen Berichts könnte nun innenpolitische Gefechte auslösen. Denn in zwei Zeilen berührt der Rechnungshof unwissentlich eines der bestgehüteten militärischen Geheimnisse der vergangenen Jahre: „Der Munitionsverbrauch im Einsatzraum war nur teilweise dokumentiert und daher nicht nachvollziehbar; der Wert der Fehlbestände betrug rund 250.000 Euro.“
Die Wahrheit hinter dem Munitionsschwund: Der Einsatz der österreichischen Spezialkräfte im Tschad war wesentlich robuster als bisher bekannt und ging weit über reine Patrouillefahrten hinaus. Und was selbst den Mitglieder des Landesverteidigungsausschusses im Parlament verschwiegen wurde: Erstmals in der Geschichte der Zweiten Republik töteten österreichische Soldaten im Gefecht mehrere Gegner.

In zahlreichen Hintergrund-Gesprächen in der vergangenen Woche konnte profil die dramatischen Vorkommnisse exklusiv im Detail rekonstruieren.
In der Nacht des 18. August 2008 rückt eine Einheit des Jagdkommandos bei Guéréda etwa 140 Kilometer nordöstlich der Provinzhauptstadt Abéché aus. Der Patrouillen-Trupp besteht aus acht Mann auf drei „Sandvipern“ – Puch-G-Geländefahrzeuge, die speziell auf die Erfordernisse der Spezialkräfte abgestimmt sind.

In der Gegend um Guéréda herrscht das Faustrecht. Zehntausende Flüchtlinge, die sich vor den Massakern in der benachbarten sudanesischen Provinz Darfur in Sicherheit gebracht haben, sind Überfällen durch Rebellen und Räuberbanden ausgesetzt. Den bewaffneten Gruppen sitzt die Hand am Abzug locker.

Gegen Mitternacht treffen die Österreicher auf eine Gruppe von Einheimischen, darunter auch Verwundete. Sie seien angegriffen worden, berichten die Tschadis – und ein paar Kilometer entfernt lägen weitere, weitaus schwerer verletzte Opfer. Der Sanitäter des Jagdkommando-Trupps leistet erste Hilfe, dann machen sich die Soldaten auf die Suche nach dem Schauplatz der Auseinandersetzung.

Wenig später kracht es. Den Jagdkommando-Leuten fliegen plötzlich RPG-7-Geschoße um die Ohren: raketengetriebene Panzerabwehr-Granaten. Sie verfehlen ihr Ziel nur knapp. Jetzt ordnet der Teamleader des Bundesheer-Trupps an, gegen die Angreifer vorzugehen.

Was folgt, beschreibt ein Insider gegenüber profil als „massives Feuergefecht“. Die mit Nachtsichtgeräten ausgerüsteten Jagdkämpfer stoßen zu Fuß vor, geben – im Drill automatisiert – einander mit Feuerstößen aus ihren Sturmgewehren Deckung und kommen bis zu 15 Meter an ihre Gegner heran. Als deren Feuer endet, setzen sich die Bundesheer-Soldaten ab.

Tags darauf wird der Eufor ein uniformierter Toter präsentiert, der angeblich von den Österreichern erschossen wurde. Zwar stellt sich bald heraus, dass dieser Todesfall „in keinem kausalen Zusammenhang mit dem gegenständlichen Schussvorfall stand, da er keine Schussverletzungen aufwies“, wie ein Bericht des Leiters der Einsatzsektion im Verteidigungsministerium, Generalleutnant Christian Segur-Cabanac, festhält.

Nach Informationen von profil besteht aber dennoch Gewissheit, dass die Schießerei tatsächlich Menschenleben gefordert hat: „Ja, es hat Tote gegeben“, bestätigt eine mit den Vorfällen vertraute Quelle gegenüber profil.

An zumindest einer Leiche seien Wunden festgestellt worden, die von Projektilen aus Bundesheer-Munition stammen. Nach dem Vorfall entsandte das Eufor-Kommando eine Untersuchungskommission, die den Vorfall aufklären sollte. Ergebnis: Die österreichischen Soldaten hätten kein Fehlverhalten begangen und korrekt nach dem EU-Mandat gehandelt. Dieses erlaubt den Eufor-Soldaten, „alle notwendigen Mittel“ anzuwenden, um Zivilisten, UN-Personal und sich selbst zu schützen.

Ein politisches Nachspiel des Vorfalls ist vorprogrammiert. Bisher galt eine Begegnung mit drei bewaffneten Kamelreitern, die vom Jagdkommando ohne Waffeneinsatz vertrieben wurden, offiziell als dramatischster Zwischenfall. Zwar gab es bereits vor zwei Jahren Gerüchte um ein blutiges Gefecht des Bundesheeres. Diese wurden vom Verteidigungsministerium allerdings heruntergespielt. Es gebe keine Hinweise, dass österreichische Soldaten Rebellen oder Banditen getötet hätten.

So genau wollte man es im Kabinett des Verteidigungsministers wohl auch nicht wissen. Schriftliche Berichte über einzelne Aktionen des Jagdkommandos existieren nicht oder wurden zumindest nicht dem Landesverteidigungsausschuss im Parlament vorgelegt.

Die Gefechte liefern freilich zumindest eine teilweise Erklärung für den vom Rechnungshof festgestellten Munitionsschwund im Wert von 250.000 Euro. Ein weiterer Teil wurde nach Recherchen von profil bei Schießübungen in der Wüste verwendet. „Wo hat man schon einmal die Möglichkeit, ungestört auf so weite Distanzen zu üben wie in einer menschenleeren Wüste?“, so ein Insider.

Auf die Kritik des Rechnungshofs reagierte das Verteidigungsministerium mit Unverständnis. „Eine spätere Beurteilung eines militärischen Einsatzes ausschließlich nach Buchhalterkriterien übersieht den Aspekt der Sicherheit unserer Soldaten“, so Segur-Cabanac. Der Tschad-Einsatz habe dem Bundesheer „hohe internationale Reputation“ und „wichtige Erfahrung gebracht“. Auch im Gefecht. Nach der tödlichen Schießerei bei Guéréda hätten die Banden in der Gegend einigen Respekt vor den Österreichern gehabt, erzählt man sich in der Truppe: Bewaffnete Männer hätten salutiert, wenn sie einer Jagdkommando-Patrouille begegneten – und sich dann rasch getrollt.