Verfickt noch mal!

Das Leben als Nonstop-Orgasmus, die Tabulosigkeit als Pflichtübung – Charlotte Roche und ihre „Schoßgebete“ als Speerspitze einer Frauengeneration, die ihre Lust zur Kampfzone ausweitet.

War es die bloße Ironie? Die freche Parodie männlicher Fantasien? In jedem Fall schwang sich die Schriftstellerin und Psychoanalytikerin Lou Andreas-Salomé 1882 im Luzerner Fotoatelier von Jules Bonnet auf einen Leiterwagen und ließ sich als Domina inklusive einer fliedergeschmückten Peitsche inszenieren, während die Philosophen Friedrich Nietzsche und Paul Rée mit lasziver Gehorsamkeit in die Kamera blickten. Der Spaß, der auch als spielerische Vorwegnahme von Nietzsches späterem Kommando „Wenn du zum Weibe gehst, vergiss die Peitsche nicht“ gedeutet werden könnte, besaß jedoch auch eine tiefere Bedeutung. Die spätere Schülerin von Sigmund Freud signalisierte den beiden in sie verliebten Männern, dass sie „von einem total entriegelten Freiheitsdrang“ getrieben war und unter keinen Umständen gewillt, sich „in das Joch einer Ehe“ zu begeben.

Über 130 Jahre später gibt jene junge Frau, die es im „Muschiland“ („Stern“) mit expliziter und für alle ekeligen Details weit offener Prosa zur Pop-Ikone gebracht hat, am laufenden Band Interviews, in denen sie brav Sätze wie „Ich wollte supermutig sein“ oder „Bei mir muss es immer extrem sein“ runterspult. Charlotte Roches – stets mit Lolita-Piepsstimme – vorgetragene Motivbekenntnisse, nach dem Analverkehr-Monolog „Feuchtgebiete“ mit „Schoßgebete“ in die „Tabulosigkeit ehelichen Sexs“ vorzudringen, klingen wie von einer Spindoktoren-Truppe eingetrichtert. Im Gegensatz zu ihrer Befreiungsahnin Lou Andreas-Salomé hatte sie kein Korsett an Zwängen, Vorgaben und Traditionen zu zertrümmern. Und diese Absenz von gesellschaftlichen Verbotstafeln – das wird in „Schoßgebeten“ noch deutlicher als in ihrem vorangegangenen Buch – belässt die schreibende Schock-Streberin in einem Zustand von Ratlosigkeit und Leere. Die Langeweile, die die totale literarische Überreizung jeder sexuellen Facette notgedrungen mit sich bringt, stellt sich dann vor allem beim Leser ein.

Das Medienecho, das dieser großräumig und zu Recht als literarisch wertlos kritisierte Erguss nach sich zieht, ist aber nicht nur mit blankem Voyeurismus zu erklären. Denn die 33-jährige Roche ist gleichzeitig gesellschaftliches Phänomen und Produkt einer Frauengeneration, die sich gegen die in die Jahre gekommenen Ideologie-Soldatinnen der Emanzipationsbewegung vehement zur Wehr setzt, indem sie Sexualität so politisch inkorrekt wie Männer zu leben und künstlerisch zu thematisieren versucht.

„Alice Schwarzer sitzt immer beim Sex zwischen mir und meinem Mann und flüstert mir ins Ohr: ‚Das denkst du nur, dass du jetzt einen vaginalen Orgasmus hast, das bildest du dir nur ein, um dich deinem Mann und seinem Machtschwanz zu unterwerfen.‘“

Hier hat Frau Roche allerdings in der jüngeren Sexualkunde nicht aufgepasst. Denn die Debatte über den Unterschied zwischen dem vaginalen und dem klitoralen Orgasmus hat sich inzwischen längst als obsolet erwiesen. Denn auch nicht taufrische Erkenntnisse über das weibliche Lustzentrum bestätigen, was das Forscherduo Masters und Johnson bereits in den sechziger Jahren vermutete: Es gibt keinen Unterschied zwischen dem vaginalen und klitoralen Orgasmus – weil Vagina und Klitoris miteinander so verbunden und verwachsen sind, dass jede Differenzierung unzulässig ist. Ende der neun­ziger Jahre entdeckte die australische ­Gynäkologin Helen O’Connell, als sie mit einer 3-D-Kamera den Unterleib bei Frauenleichen untersuchte, dass „die Klitoris ungefähr doppelt so groß wie angenommen ist. Sie ist nahe an der Harnröhre und deckt einen beträchtlicheren Teil der vorderen Vaginalwand ab. Es ist mir rätselhaft, wie so viele Lehrbücher diese unterirdische Verzweigung übersehen konnten.“

Der „Muttermord“, den Roche an Schwarzer verübt, ist in jedem Fall so ungerecht wie nachvollziehbar. Schließlich kennt das ehemalige Viva-Girlie mit dem Geburtsjahr 1978 den Kampf um die Fristenlösung und gegen die „Schlüsselgewalt“ des Ehemannes, die in Österreich erst 1975 mit der Scheidungsrechtsreform aufgehoben wurde, maximal aus Talkshows und Genderforschungsseminaren. Sie musste nie am eigenen Leib erfahren, wie es sich anfühlte, im Hinterzimmer einer „Engelmacherin“ eine illegale Abtreibung verpasst zu kriegen.

„Du hast nicht die Lösung, du hast das Problem“
, konterte Alice Schwarzer vergangene Woche bemüht gelassen in einem offenen Brief an die „Liebe Charlotte“. Darin diagnostizierte die „Emma“-Herausgeberin ihrer ehemaligen Freundin gravierende Bewusstseinsdefizite: „Das einzig Neue an deinem Oma-Beziehungs-Modell scheint mir, dass du ihn nicht allein ins Bordell schickst, sondern mitgehst – wenn auch unter Bauchschmerzen und mit Durchfall. Dein Körper weiß eben mehr als dein Kopf.“

Natürlich klingt diese Replik inzwischen so anachronistisch wie altbacken. Denn schon nach den feministischen „Sex Wars“ der achtziger Jahre wurden ganze Unibibliotheken mit der Untersuchung der Frage gefüllt, ob Pornografie nur eine andere Form von Gewalt gegen Frauen sei (eine Ansicht, der Schwarzer herself mit ihrer PorNo-Kampagne Ende der achtziger Jahre Medienluft verschaffte) oder doch zu einem Ausdruck von weiblicher Freiheit und Selbstbestimmung avancieren könnte. Eine Klärung der Frage ist noch lange nicht in Sicht. „Pornografie ist die Theorie, Vergewaltigung die Praxis“, meint die New Yorker Frauenrechtlerin Robin Morgan.

„Pornografie ist eine Kunstform“ , sagt Sasha Grey, ehemalige Pornodarstellerin und heute eine der Protagonistinnen der FemPorn-Szene. Grey, die auch in ­Steven Soderbergs lesbischem Soft-Porno „The Girlsfriend Experience“ auftrat, steht neben der Schwedin Mia Engberg („Dirty ­Diaries“) und der französischen Queer-Aktivistin Emilie Jouvet („One Night Stand“) für eine relativ junge, relativ unerhörte Art von Pornografie, die von weiblichen Macht- und Sexfantasien dominiert und ideologisch feministisch aufmunitioniert ist.

Die traditionellen feministischen Pornoverbote seien, so sind die FemPorn-Regisseurinnen überzeugt, auch nicht besser als die alten patriarchalen Gesetze und vertreten außerdem ein antiquiertes Frauenbild, demzufolge Frauen Sex nur ertragen, nicht erleben. Ihre Form der Pornografie könne diese verkommenen Rollenbilder aufbrechen, denn sie zeige: Auch Frauen haben Lust, und Lust ist eben nicht immer politisch korrekt.

Die ehemalige Philosophiestudentin und Pornodarstellerin mit Genrehang zur Strenge Ovidie Hugo hat es in Frankreich inzwischen zu mehrfachen kulturellen Auszeichnungen gebracht. Ihr bislang nur in Frankreich erschienenes Literaturdebüt „Porno Manifesto“ ist ein leidenschaftliches Bekenntnis zu „feministisch-politischen Pornos“, in denen Männer kopfüber auch schon mal in einem Zierfischaquarium versenkt werden. Ovidie Hugo radikalisierte in ihren Filmarbeiten – inzwischen arbeitet die „sexpositive Feministin“ nur mehr als Produzentin und Regisseurin – ihr Credo: „Ein Mädchen, das kommt, wann und wo es will, kann niemals unterdrückt werden.“

Solchen Parolen haftet inzwischen auch schon eine gewisse Patina an. Unter dem PR-zündenden Schlagwort „Le chic porno“ war eine Literaturwelle expliziter Sexualität in Frankreich vor mehr als einem Jahrzehnt durch die Medien gerollt. Ihre ersten Protagonistinnen – wie die Ex-Stripperin Virginie Despentes („Fick mich“), Catherine Breillat („Romance“), Christine Angot („Inzest“) und Catherine Millet („Das sexuelle Leben der Catherine M“) – waren angetreten, um die Barrieren zwischen Hardcore-Pornografie und erotischer Kunst unter dem Banner sexueller Autonomie niederzureißen. Mit den deutschen Übersetzungen war der explizite Schick nach dem Millet-Boom auch in den deutschsprachigen Raum geschwappt.

Das Schlachtfeld des physischen Realismus aus weiblicher Sicht, wo „das Bumsen so eine Funktion wie das Atmen hat“, so die eigentliche Kunstjournalistin Millet, die in ihrer Unterleibsbiografie emotionslos den Sex mit ­einer Armada von gesichtslosen Männern in Swingerclubs und Parkplätzen schildert, erwies sich als hochgradig lukratives literarisches Terrain. Millet verkaufte ihr „manisches Erotikbild“, so ihre Definition, allein in Frankreich 550.000 Mal. Und zog einen Rattenschwanz an Epigoninnen nach sich. Die damals 20-jährige Pariser Philosophiestudentin Sarah, die zum Schutze ihrer Familie unter diesem Pseudonym agierte, bekannte sich in ihrem Orgasmus-Erstling „Ich bin gekommen“ sogar rührend-naiv zur Trend-Trittbrettfahrerin: „Nun da die Frauen kühner werden und ihre Geheimnisse enthüllen, will ich auf dieser Welle mitschwimmen. Ich weiß schon lang, dass ich die Lust liebe … bis zum Wahnsinn.“

Inzwischen hat sich auch Millet von ihrer promisken Coolness verabschiedet. Im vergangenen Jahr publizierte sie mit ihrer Erlebnisbeichte „Eifersucht“ ein Stück authentische Geständnisliteratur, in dem sie den kleinbürgerlichen Qualen einer betrogenen Ehefrau Ausdruck verleiht. Und auch Österreichs literarisches „Greisenluder“, so die „Frankfurter Allgemeine“ über ­Elfriede Vavrik (siehe Interview), schlägt nach ihrer expliziten Autobiografie „Nacktbadestrand“, in der die heute 82-Jährige beschrieb, wie sie sich einen Mann nach dem anderen reinzieht, im eilig nachgeschossenen Folgeband wieder romantischere Töne an.

Die Strategie der weiblichen Pornoschickeria in diversen Kunstgattungen, den Machismo und das Patriarchat mit dessen eigenen Waffen zu schlagen, hatte in der Funktion des gesellschaftlichen Sprengsatzes ihre absolute Berechtigung. Bloß: Inzwischen ist die Schockwirkung längst verpufft; auch die weiblichen Kampfparolen, in denen möglichst viele Orgasmen, sexuelle Selbstbestimmung und Recht auf Nonstop-Lust verlangt werden, wirken inzwischen nahezu so angestaubt wie der Befreiungs-Slogan der Sechziger: „Wer einmal mit demselben pennt, gehört schon zum Establishment.“ Hätte nicht die Strauss-Kahn-Debatte den globalen Diskurs der vergangenen Monate bestimmt, würde auch der „Slutwalk“ nahezu rührend wirken, der nach Aufmärschen in Frankreich, England, den USA und Aus­tralien vor zwei Wochen in Berlin stattfand. Aus Protest gegen die Bemerkung eines kanadischen Polizisten, dass „Frauen sich nicht wie Schlampen kleiden sollten, um physischer Gewalt vorzubeugen“, hatten sich junge Feministinnen in freizügigen Outfits zum „Schlampenmarsch“ versammelt, um gegen sexuelle Gewalt und ihre gesellschaftliche Verharmlosung zu protestieren.

„Mit Sex können Sie doch heute niemand mehr schockieren“, erklärt der 78-jährige Schriftsteller Philip Roth, dessen Helden stets Opfer ihrer Potenz-, Trieb- und Prostataprobleme waren, in einem Interview, „außer vielleicht ein paar heuchlerische Journalisten. Die wahren Tabubrecher waren Joyce, Nabokov und Henry Miller. Und das ist wirklich verdammt lange her.“

Und nicht zu vergessen Anaïs Nin, die als erste Frau in das Terrain drastischer Hardcore-Literatur stieß, als sie ihrem Liebhaber Henry Miller „aus ökonomischen Schwierigkeiten“ im Paris der frühen vierziger Jahre bei erotischen Auftragsarbeiten für einen anonymen „Sammler“ unter die Arme griff: Für einen Dollar pro Seite verfassten Miller und Nin erotische Geschichten für ihren unbekannten Gönner. „Der alte Herr ist sehr zufrieden“, ließ ihr dessen Mittelsmann ausrichten, „konzentrieren Sie sich aber auf den Sex und lassen Sie den poetischen Firlefanz weg!“ Nin gehorchte. Anfangs. Dann kanalisierte sie ihre Wut in einen Brief an den Unbekannten: „Wir hassen Sie. Das Geschlechtliche verliert alle Macht und Magie, wenn es überdeutlich, übertrieben und mechanisch dargestellt wird.“ Erst nach ihrem Tod 1976, so ihre testamentarische Verfügung, ließ Nin die damals entstandenen Geschichten in dem Sammelband „Das Delta der Venus“ zur Veröffentlichung freigeben.

Heerscharen von Sextherapeuten, Neurologen, Psychologen und Verhaltensforscher haben inzwischen dokumentiert und bewiesen, dass Frauen Sexualität anders empfinden als Männer. Sie kommen langsamer, unberechenbarer und sind oftmals Spätzünderinnen. Das wichtigste weibliche Sexualorgan liegt noch immer nicht zwischen den Beinen, sondern zwischen den Ohren. Die Demarkationslinie zwischen Emotion und Begierde ist weitaus fließender als bei den Männern. Das hat unumstößliche Konsequenzen.

„Auch vierzig Jahre nach Beginn der weiblichen Befreiungsbewegung steht fest: Männer wollen Sex und Frauen Intimität“, konstatiert die Wiener Journalistin und Herausgeberin der Literaturanthologie „Moderne Nerven“, Ela Angerer, die für ihren dritten Band „Porno“ (erscheint Mitte September bei Czernin) u. a. Julya Rabinowich, Barbie Markovic, Thomas Glavinic und Robert Palfrader um ihre „Risikobereitschaft“ und authentische Sexerfahrungen bat.

Im Popgeschäft ist die alte Weisheit der sexistischen Feministin Madonna, dass Brüste eine Botschaft haben können, die über das ewige „Schau mich an! Nimm mich!“ hinausgehen, offenbar wieder verloren gegangen. Denn selbst die sexuell aufgeladene Selbstinszenierung einer Lady Gaga, die zwar gern erklärt, die traditionellen Geschlechterrollen zu überwinden, erfüllt am Ende doch nur, Pokerface hin oder her, uralte Schauobjekt-Klischees.

Zwischen einem Backlash-Programm, wie es Beyoncé beispielsweise exekutiert, wenn sie in ihren Videos die Pin-up-Fantasien der Vierziger reanimiert, und der Berliner Rapperin Lady „Bitch“ Ray, die noch immer unverdrossen „Fick mich!“ skandiert und sich dabei an den Schritt fasst, scheint es noch wenig Alternativen zu geben.

Die Warnung vor der Eskalation allzu großer Freizügigkeit kommt just von der Ahnherrin aller Befreiungstheoretikerinnen. 1976 sagte Simone de Beauvoir in einem Interview zu Alice Schwarzer: „Einerseits ist es richtig, dass Frauen sich ihres Körpers nicht mehr schämen, aber man darf keinen Wert daraus machen. Nicht glauben, der weibliche Körper verleihe einem eine neue Vision der Welt. Das ist lächerlich und absurd und hieße, daraus einen Gegenpenis zu machen.“ Das Bändchen sollte man vielleicht Frau Roche zu lesen geben.

Lesen Sie im profil 34/2011 warum Angelika Hager "Schoßgebete" so unglaublich deprimierend findet.