Chodorkowski: „Der Kreml wollte, dass er die volle Härte abbekommt”

Chodorkowski: „Der Kreml wollte, dass er die volle Härte abbekommt”

Pavel Chodorkowski, Sohn des inhaftierten Ex-Oligarchen Michail Chodorkowski, über die Haftbedingungen seines Vaters.

Interview: Tessa Szyszkowitz

profil: Ihr Vater sitzt seit zehn Jahren in Haft. Erwarten Sie, dass er im kommenden Jahr wie geplant entlassen wird? Es gibt Gerüchte, wonach ein dritter Prozess gegen ihn vorbereitet wird.
Pavel Chodorkowski: Ich halte es für wahrscheinlich, dass er im August 2014 entlassen wird. Es stimmt, es wird viel über ein neues Verfahren spekuliert. Es gibt nur einen Menschen, der darüber entscheidet, und das ist Präsident Wladimir Putin. Also müssen wir warten, was er tut. Putin hat mit Hilfe seines Mitarbeiters Igor Setschin sichergestellt, dass der Besitz meines Vaters nach seiner Verhaftung 2003 wiederverstaatlicht wurde. Sollten Putin und Setschin fürchten, dass mein Vater sein Vermögen zurückhaben will, dann könnten sie ihn noch länger einsperren. Es ist aber vollkommen unrealistisch, ja unmöglich, dass mein Vater um seinen ehemaligen Besitz streiten würde. Sein Yukos-Konzern wurde vom staatseigenen Ölkonzern Rosneft geschluckt, der inzwischen an die Börse gegangen ist, Exxon Mobile hat sich eingekauft, Aktienpakete wurden ausgetauscht. Was Yukos war, gibt es nicht mehr. Mein Vater hat deshalb nicht vor, sein Vermögen zurückzuverlangen.

profil: Putin könnte aber auch politische Gründe gegen seine Freilassung haben.
Chodorkowski: Putin führt sicherlich eine persönliche Vendetta gegen meinen Vater. Doch er hat derzeit noch ganz andere Probleme. Der Präsident orchestriert ein ganzes System an Repressionen und Gerichtsverfahren gegen neue Oppositionelle – zum Beispiel gegen Alexej Nawalny, den jetzigen Führer der Protestbewegung. Da wäre es kontraproduktiv, meinem Vater noch einen absurden Schauprozess anzuhängen, für den Putin viel Kritik einstecken würde. Vielleicht lassen sie meinen Vater auch schon knapp vor den Olympischen Winterspielen in Sotschi frei. Das wäre ein guter Schachzug. Er würde Putins Kritiker zum Schweigen bringen.

profil: Apropos Nawalny: Die neuen Oppositionsführer sind 20 Jahre jünger als Ihr Vater, sie gehören einer neuen Generation an und sind nicht reich, sie repräsentieren die neue russische Mittelschicht. Wird Ihr Vater dieser Opposition angehören wollen, wenn er freigelassen wird? Oder könnte er als moralische Instanz im Hintergrund fungieren?
Chodorkowski: Ich möchte, dass er Russland den Rücken kehrt, wenn er frei ist. Ich sehe es als meine Aufgabe an, ihn davon zu überzeugen. Selbst wenn sie ihn freilassen, können sie ihn doch jederzeit wieder verhaften und vor den nächsten korrupten Richter stellen.

profil: Sie haben ihn in all diesen Jahren nicht ein einziges Mal besucht?
Chodorkowski: Stimmt, ich bin nie wieder in Russland gewesen, seit mein Vater dort verhaftet wurde. Wie könnte ich nach Moskau fahren und dann nicht an Protesten teilnehmen? Was, wenn ich verhaftet würde? Ich möchte das meinem Vater nicht antun.

profil:
Zu Beginn hörten wir viel von den Haftbedingungen Ihres Vaters. Einmal wurde er in Einzelhaft gesteckt, weil er zur falschen Zeit Tee getrunken haben soll. Wird er noch immer so willkürlich bestraft?
Chodorkowski: Mein Vater spricht nicht oft über seine Haftbedingungen. Er hat die große Ehre, Plastikfolien zusammenschweißen zu dürfen. Er sah sie kürzlich sogar in einem neuem Katalog für Büroutensilien angepriesen. Russland setzt einen seiner besten Köpfe wirklich innovativ ein. Privilegien wurden ihm nie zuteil.

profil: Wurde er so schlecht behandelt, weil er keine „Sonderzahlungen“ leisten wollte?
Chodorkowski: Es gibt 750 Strafkolonien in Russland. In vielen Gefängnissen werden die Häftlinge misshandelt. Die Gefangenen arbeiten viele Stunden pro Tag und bekommen wenig oder gar keinen Lohn. Die Bedingungen sind aber insgesamt sehr unterschiedlich. Die sogenannten „schwarzen“ Kolonien werden von Kriminellen geführt – manchmal sind dies Wärter, zuweilen sogar Häftlinge, oft auch korrupte lokale Beamte. Absurderweise bieten diese Lager oft bessere Bedingungen, weil die Beamten korrupt sind. Häftlinge können gegen Bezahlung manchmal sogar Farbfernseher bekommen. Die anderen sind die „roten“ Strafkolonien. Sie unterliegen den offiziellen Gesetzen. In besonderen Fällen kontrolliert der Kreml direkt die Einhaltung der Regeln. Mein Vater war immer in einer „roten“ Strafkolonie. Der Kreml wollte, dass er die volle Härte abbekommt. Das wird sich wohl nicht ändern – bis zu den letzten Stunden seiner Haft.