Christian Klien: „Ins Ziel kommen“

Am Sonntag startet die Formel-1-Saison mit dem Grand Prix von Melbourne. Der österreichische Newcomer Christian Klien über den Erfolgsdruck, der auf ihm lastet, und sein Verhältnis zu Michael Schumacher.

profil: Nächsten Sonntag bestreiten Sie in Melbourne Ihren ersten Formel-1- Grand-Prix. Was ist stärker – die Vorfreude oder das Lampenfieber?
Klien: Auf jeden Fall die Vorfreude. Im Moment bin ich noch gar nicht so nervös. Ich war jetzt sehr beschäftigt mit Testen und mit Presseterminen. Da lebt man von Tag zu Tag und hat gar keine Zeit zum Nachdenken. Aber ich glaube, das kommt noch.
profil: Wie haben Sie sich auf den Grand Prix vorbereitet? Sie waren ja noch nie in Melbourne. Haben Sie sich die Aufzeichnungen der letzten Rennen angeschaut?
Klien: Ich hab das Rennen auf der Play-Station gespielt.
profil: Ist das vergleichbar?
Klien: Man kriegt schon einen Eindruck von der Strecke. Aber natürlich ist es anders, wenn man dann selber fährt.
profil: Mit welcher Platzierung wären Sie zufrieden?
Klien: Es wird sehr schwierig werden, weil alles neu ist für mich. Neue Strecke, neuer Rennablauf. Ich denke, das Wichtigste im ersten Rennen ist, durchfahren und ins Ziel kommen. Mehr kann man, glaube ich, für das erste Rennen nicht erhoffen.
profil: Außerdem sollten Sie, wenn möglich, besser sein als Ihr Teamkollege Mark Webber.
Klien: Das wird sehr schwer, er hat ja doch schon einige Erfahrungen auf dieser Strecke.
profil: Was den Stellenwert bei Jaguar angeht, sind Sie beide ja Gegner. Gibt es da einen ständigen Konkurrenzkampf?
Klien: Das ist halt so im Motorsport, dass man zuerst einmal gegen den Teamkollegen fährt. Andererseits muss man bei den Tests oder am Rennwochenende auch wieder zusammenarbeiten. Für manche ist das schwierig, aber bei Mark und mir funktioniert das sehr gut.
profil: Ist es nicht so, dass man ständig versucht, dem anderen ein Bein zu stellen?
Klien: Nein, das wäre mit Sicherheit der falsche Weg.
profil: Sie haben in den letzten Monaten 6000 Kilometer Testfahrten absolviert, und die Ergebnisse waren sehr unterschiedlich. In Valencia sind Sie zuletzt einmal Dritter geworden und einmal Elfter. Welcher Rang entspricht Ihren Möglichkeiten denn eher?
Klien: Ich denke, Jaguar wird irgendwo im Mittelfeld sein und mit Toyota, Sauber und Jordan kämpfen. Von Ferrari, Renault und Williams sind wir zu weit weg, das ist ganz klar.
profil: Die österreichische Zeitschrift „autorevue“ hat vor kurzem geschrieben, der neue Jaguar R5 sei im Vergleich zur Konkurrenz eine Schlaftablette. Ist da etwas Wahres dran?
Klien: Nein, die Tests waren sehr gut, vor allem die letzten in Valencia. Wir waren im vorderen Mittelfeld, wo wir auch hingehören. Der Wagen war sehr konstant, es gab keinerlei technische Probleme. Ich glaube, das Auto ist dem vom Vorjahr einen Riesenschritt voraus.
profil: Das Rennbudget für Jaguar ist gekürzt worden. Spüren Sie als Fahrer diesen Sparkurs auch?
Klien: Für mich ist das schwer zu sagen, weil ich ja keinen Vergleich zu den vergangenen Jahren habe. Es stimmt, dass das Budget ein bisschen kleiner geworden ist. Aber wir schauen, dass wir das Geld sinnvoll investieren – also in das Auto und die Ingenieure. Da haben wir sicher eine gute Basis für dieses Jahr.
profil: Die Formel 1 war immer Ihr großer Traum. Jetzt sind Sie drei Monate dabei. Ist es so, wie Sie es sich vorgestellt haben? Oder verblasst der Glanz nun schon ein wenig?
Klien: Es ist schon ein harter Job, man ist dauernd unterwegs, ist kaum noch zu Hause, schläft nur mehr im Hotel. Auch die Testwochenenden waren sehr anstrengend. Aber es macht Spaß, und so lange es das tut, nimmt man das alles gerne in Kauf.
profil: Auf welchen Grand Prix freuen Sie sich am meisten?
Klien: Auf Imola, weil es das erste Europarennen ist und weil mir die Strecke sehr taugt. Und auf Monaco natürlich – so in der Stadt herumzufahren, das ist eines der Highlights in einem Formel-1-Jahr. Wobei Monaco eine sehr schwierige Strecke ist, da werde ich wahrscheinlich ein Lernjahr brauchen.
profil: Kann man eigentlich einem Laien erklären, was das Besondere an einem Formel-1-Wagen ist, was den Unterschied ausmacht zu irgendeinem anderen schnellen Auto?
Klien: Der Unterschied ist gewaltig, auch wenn man schon Formel 3 gefahren ist. Ein Formel-1-Auto wiegt 600 Kilo und hat knapp 900 PS, die Beschleunigung ist unglaublich. Und dann noch die Karbon-Bremsen: Wenn man da reinsteigt, fühlt es sich an, als hätte man einen Zementsack mit 80 Kilo um den Hals hängen.
profil: Für Sie war ja nicht nur das Auto neu, sondern auch das ganze Umfeld. Gab es zum Beispiel jemanden, der Ihnen erklärt hat, wie man mit den Medien umgeht?
Klien: Nein, das war Learning by Doing. Daran muss man sich einfach gewöhnen.
profil: Am Anfang dieser Lernphase haben Sie über den sechsfachen Weltmeister Michael Schumacher Folgendes gesagt: „Er ist steif, arrogant. Er passt mir nicht zu Gesicht.“ Danach gab es wahrscheinlich ein Donnerwetter, oder?
Klien: Nein, aber optimal war die Aussage sicher nicht. Das war ein bisschen voreilig von mir, weil ich ihn persönlich gar nicht kenne.
profil: Wobei die Analyse ja nicht ganz falsch klingt ...
Klien: Ich hab damals auch gesagt, dass ich höchsten Respekt vor seiner Leistung habe. Aber das ist nicht gebracht worden.
profil: Ihre Karriere ist bisher ziemlich glatt und vor allem sehr schnell gegangen. Nur mit Niederlagen haben Sie kaum Erfahrungen gemacht. Können Sie auch verlieren?
Klien: Ich denk schon, dass ich das auch gelernt habe. In der Formel BMW hatte ich zwei Jahre, in denen es nicht optimal lief. Es hat auch in der Formel 3 Rennwochenenden gegeben, wo gar nichts geklappt hat. In der Formel 1 ist es vielleicht noch schwieriger, weil man noch tiefer fallen kann.
profil: Überlegen Sie sich manchmal, was Sie tun, wenn es nicht klappt in der Formel 1 und Sie nächstes Jahr keinen Vertrag mehr bekommen?
Klien: Nein, die Frage stelle ich mir gar nicht. Ich denke nur ans Positive.
profil: Sie haben einen Traumjob, sind 2003 in Österreich zum Motorsportler des Jahres gewählt worden und fahren jetzt auch privat einen Jaguar – das alles in einem Alter, in dem viele andere noch auf das Taschengeld der Eltern angewiesen sind. Gibt es jemanden, der Sie hin und wieder ein bisschen zurechtstutzt, damit Sie nicht abheben?
Klien: Das brauch ich nicht. Speziell wenn ich zu Hause bin, bin ich genau wie früher mit meinen Freunden unterwegs, und das hält einen schon am Boden. Vielleicht wäre es anders, wenn ich jetzt gleich nach Monaco ziehen würde und nur mehr in der Formel-1-Welt leben würde, dann wäre die Gefahr größer.
profil: Und eine solche Übersiedlung ist nicht geplant?
Klien: Im Moment nicht. Ich hab vor, in Österreich zu bleiben.
profil: Es hat eine ganze Reihe von euphorischen Schlagzeilen über Sie gegeben: „Österreichs große Hoffnung“, „Der Raubkatzendompteur“, „Shooting Star Christian Klien“ und so weiter. Freut Sie diese enorme Erwartungshaltung, oder fühlen Sie sich dadurch unter Druck gesetzt?
Klien: Das motiviert mich noch mehr. Es ist doch schön, dass so viel in den Medien steht und mir die Österreicher die Daumen drücken. Aber natürlich weiß ich, dass ich meine Leistung bringen muss.
profil: Anlässlich Ihrer Vertragsunterzeichnung bei Jaguar hat es auch weniger freundliche Kommentare gegeben. Jacques Villeneuve zum Beispiel, immerhin ein ehemaliger Formel-1-Weltmeister, hat gemeint, Jaguar habe sein zweites Cockpit verkauft, und das sei grundfalsch. Wie gehen Sie damit um, dass Sie in der Fachwelt als jemand gelten, der mit dem Geld von Red Bull in die Formel 1 sozusagen hineingekauft wurde?
Klien: Damit befasse ich mich nicht wirklich. Ich habe letztes Jahr eine sehr gute Formel-3-Saison gehabt. Wenn das nicht gewesen wäre, dann wäre auch die Formel 1 kein Thema. Danach hab ich auch noch einen sehr guten Formel-1-Test gemacht. Also, ich hab schon die Leistung gebracht, und dann haben wir es mit der Unterstützung von Red Bull gemeinsam geschafft. Und das mit den Millionen, das stimmt sowieso nicht.
profil: Es ist nie bekannt gegeben worden, wie viel Geld geflossen ist. Das verleitet die Journalisten natürlich zu Spekulationen.
Klien: Es wird aber falsch spekuliert.
profil: Erst wurden zehn bis 15 Millionen Dollar kolportiert, jetzt ist von fünf Millionen die Rede. Stimmt diese Größenordnung eher?
Klien: Über Zahlen redet man nicht.
profil: Angenommen, Sie könnten jetzt die Zeit um ein Jahr nach vorne drehen: Auf welche Leistungen würden Sie dann gerne zurückschauen können?
Klien: Ich hätte gerne eine gute, fehlerfreie Saison hinter mir und vielleicht ein paar Punkte erreicht. Auf jeden Fall will ich in der Formel 1 bestehen und noch einmal ein Jahr mit Jaguar bestreiten können. Welcher Platz in der WM möglich ist, kann man noch nicht sagen.
profil: Und wie sieht der langfristige Plan aus?
Klien: In der Formel 1 bleiben und irgendwann Weltmeister werden.