<small><i>Christian Rainer</i></small>
Eine Lanze für die Lehrer

Lehrer sind weder faul noch privilegiert. Warum also sollten sie zehn Prozent mehr arbeiten?

Dies ist der erste Kommentar in einer unabhängigen österreichischen Zeitung, der den Lehrern in ihrem Kampf gegen die Vorhaben der Unterrichtsministerin uneingeschränkt Recht gibt. Bis auf den ORF, der um Äqui­distanz bemüht ist, zeigen sich alle Medien kritisch mit dem schulischen Personal, und sie umgarnen Frau Schmied, als sei diese die Erlöserin vom Joch eines Berufsstandes, der Österreich seit Jahrzehnten in Abhängigkeit gehalten hat.

Allen voran garnt die „Kronen Zeitung“, wo die persönliche Vorsprache der Ministerin im Büro des Herausgebers einen ähnlichen Effekt zeitigte wie weiland der EU-Brief der roten Regierungsspitze: Solidarisierung in allen Sektoren; Onkel Hans hat neben dem Neffen Werner nun eine Nichte Claudia. Da wird die pikante Story von zehn „Airbrush“-Schminksessions der Ministerin im Gegenwert eines durchschnittlichen österreichischen Monatseinkommens schnell zur gewerkschaftlichen Intrige. Selbst in den Tiefen des Internets findet sich keine Unterstützungsadresse an die Lehrer. „Zwei Argumente für den Lehrerberuf? – Juli und August!“ Das ist die freundlichste Eintragung eines Posters, die sich dort findet.

Aber darf die Solidarität der Medien in ihrer Solidarität mit der Ministerin über die Argumente für die Lehrer hinwegtäuschen? Und soll man sich den Blick von einer Hand voll selbstgerechter, herablassender und folgerichtig durchaus unsympathischer Lehrergewerkschafter verstellen lassen?

Zunächst: Es muss überraschen, dass ausnahmslos über Mehrarbeit im Ausmaß von zwei Stunden gesprochen wird, die Claudia Schmied ihren Mitarbeitern abverlangen wolle. Nicht einmal jene zur gnadenlosen Übertreibung neigende Berufsvertretung hat dem Land erklärt, warum diese Zahl falsch ist. Ist nämlich wahr, dass pro Unterrichtseinheit zwei Stunden zusätzlich zur Vorbereitung und Nachbearbeitung anfallen, dann geht es um sechs Stunden Mehrarbeit, und falls die Relation bloß eins zu eins beträgt, sprechen wir noch immer von einer Ausweitung der Arbeitszeit um rund zehn Prozent ohne zusätzliche Entlohnung. Das ist viel. Zumal es keinen vergleichbaren Fall in der jüngeren österreichischen Geschichte gibt, in dem ein ganzer Berufszweig einer derartigen Arbeitszeitverlängerung zugestimmt hätte: nicht dauerhaft und auch nicht auf zwei Jahre befristet. Ebenso wenig gab es das entsprechende reziproke Szenario: Wann hätte jemals eine komplette Branche auf ein Zehntel ihres Einkommens verzichtet? Warum also sollten die Lehrer das jetzt tun?

Vielleicht deshalb, so ist in diesen Tagen zu hören: weil sie eine durch Arbeitsplatzgarantie privilegierte Gruppe seien, die selbst in der schlimmsten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten ihren Job nicht verlieren können. Auch dieses Argument ist falsch. Erstens stehen ein Großteil der Bundeslehrer und sehr viele Landeslehrer nicht unter Kündigungsschutz. Wo also ist deren Privileg? Zweitens haben aber auch die abfällig als „Pragmatisierte“ Bezeichneten ein Gesamtpackage gekauft, als sie sich für den Beruf entschieden: eine bestimmte Einkommensentwicklung, eine Lehrerpension, die spezifische Absicherung gegen Kündigung und Versetzung. Dieses Package mit seinen Vor- und Nachteilen war am Arbeitsmarkt für alle zu haben. Kein Privileg.

Die angeblich geringe Arbeitsbelastung inklusive mehrmonatigen Ferien ist also für jeden zu haben, der sich für die einschlägige Ausbildung entscheidet (und für die Hoffnung, dann einen Arbeitsplatz zu bekommen). Angeblich gering: Es mag schon sein, dass auf jede Unterrichtseinheit nicht zwei zusätzliche Stunden kommen, wie von der Gewerkschaft behauptet. Aber warum soll eine Stunde im Schnitt aller Fächer und über ein Lehrerleben gerechnet nicht plausibel sein? Es ist plausibel. Und damit geht auch die Behauptung einer relativ geringeren Arbeitszeit in die Binsen.

So bleiben schlussendlich bloß zwei Argumente gegen die Lehrer übrig, die im Gegensatz zu den bisherigen nicht anhand von Milchmädchenrechnungen widerlegbar sind, sondern allenfalls auf der Basis persönlicher Meinung. Eins: Lehrer haben kein Interesse am Unterrichten. Zwei: Dieses Unterrichten ist ein Kinderspiel. Ich teile diese Ansicht aus banaler persönlicher Anschauung nicht. Wenn freilich Claudia Schmied meint, dass Lehrer in Wahrheit keine Pädagogen sein wollen, dann möge sie das offen sagen und die zusätzlichen Stunden als eine Strafaktion für mangelndes Engagement deklarieren. Wenn sie hingegen bloß glaubt, die täglich mehrstündige Konfrontation mit Horden von Kindern und Pubertierenden sei ein Vergnügen, dann soll sie es doch einmal versuchen. Am besten zunächst als Gedankenexperiment, das spart die Kosten des Airbrush-Schminkers.

christian.rainer@profil.at