<small><i>Christian Rainer</i></small>
Eine Million

Was ist dran an dieser Krise? Das Ende der Welt oder bloß ein kühles Lüfterl? Zehn vorläufige Erkenntnisse.

Am Donnerstag der vergangenen Woche widerfährt der Moderatorin einer illustren Diskussionsrunde eine kleine Fehlleistung. Der „Zigarrenklub“ im dritten Wiener Gemeindebezirk. Drei Schwergewichte der österreichischen Finanzszene. Moderatorin sucht Gegenmittel zur Bewältigung der Krise. „Welche Spaßmaßnahmen?“, fragt sie. Die Korrektur auf „Sparmaßnahmen“ geht im Beifall unter. Das Publikum vermutet wohl, eine einstudierte Pointe gehört zu haben. Das Ganze wiederholt sich am Tag darauf um neun Uhr morgens. Ö3-Nachrichten. Der Moderator einer Zuspielung will von „Sparmaßnahmen“ sprechen. Doch auch hier werden daraus Späße.

Und das soll der Prolog zur schlimmsten Katastrophe seit den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts sein? Wird also alles wesentlich weniger arg als vermutet? Ist die Krise vorbei, bevor sie sich ausgebreitet hat? Das kann niemand wissen. Aber genau so, wie die Öffentlichkeit eben noch wider jede Logik der Märkte nach Anweisungen verlangte, um das private Kapital besser als mit den auf diesen Märkten möglichen Renditen zu mehren, genau so verlangt es dieselbe Öffentlichkeit nun wiederum nach Antworten. Besonders amüsant: Man will diese Prophezeiungen von denselben Menschen, die eben noch die aktuelle Krise nicht vorhersehen konnten: von Politikern, von Wirtschaftsforschern, von Bankern, von Journalisten. Unter ihnen sind auch all jene, die sichere Arbeitsplätze (Politiker) vorhergesehen hatten, auf den Zehntelprozentpunkt genau das Wirtschaftswachstum errechneten (Wirtschaftsforscher) und die Börsenkurse (Banker) und alles zusammen wussten (Journalisten). Der Mensch denkt (manchmal), das Alphatier lenkt (immer).

Dennoch haben die vergangenen Wochen mehr Erkenntnisse gebracht als einige Jahrzehnte Wirtschafts- und Politikforschung davor. Freilich durch ein Experiment am lebenden Körper. Diese Erkenntnisse darf man nun auflisten.

Eins: Der Geldkreislauf mit seinen Finanzinstitutionen ist nicht sicherer als ein russisches Atomkraftwerk, selbst der Super-GAU kann eintreten.
Zwei: Das wichtigste Werkzeug gegen den Totalkollaps sind die Zentralbanken und damit die EZB und damit der Euro. Ohne Euro in dieser Situation: Gnade uns Gott!
Drei: Die nationale Politik reagiert nicht so schnell wie die Europäische Zentralbank. Die EZB gäbe es nicht ohne die EU. Ohne die EU wären wir also vielleicht wieder beim Tauschhandel angelangt.
Vier: Das hat auch die österreichische Bevölkerung bemerkt. Plötzlich ist die Europäische Union beliebt wie schon lange nicht.
Fünf: Die USA sind ziemlich kaputt und haben damit auch das Schlamassel ausgelöst. Bester Hinweis darauf: Die Schulden der amerikanischen Privathaushalte haben sich im vergangenen Jahrzehnt verdoppelt.
Sechs: Das liegt nicht nur an den privaten Schulden und an der famosen Spekulationsblase, sondern auch am verheerenden Zustand wichtiger Unternehmen, wie sich nun bei der US-Autoindustrie zeigt.
Sieben: Die amerikanischen Banken & Behörden handelten unverantwortlich bis kriminell, die Europäer sind Opfer, wenn auch oft aufgrund von Fahrlässigkeit.
Acht: Die Ratingagenturen sind für die Würste und ­gehören dringender reformiert als die gerateten Unter­nehmen.
Neun: Jeder Manager, der bei Trost ist, reagiert auf die Finanzkrise und saniert. Aber viele von ihnen nutzen die Krise als Vorwand, um mit den Betriebsräten zu pokern.
Zehn: Mit einiger Wahrscheinlichkeit wird sich die Arbeitslosenrate in Österreich durch Sanierungen und durch profitmaximierende Kündigungen verdoppeln. Selbst wenn die Quote einstellig bleibt, sind das 200.000 Arbeitslose mehr, was unter Einrechnung der Familien insgesamt mehr als eine Million Menschen in finanzieller und psychischer Ausnahmesituation bedeutet. Das ist kein Weltuntergang. Das sind aber auch ganz und gar keine Spaßmaßnahmen mehr.

christian.rainer@profil.at