<small><i>Christian Rainer</i></small>
… für die Lehrer. Teil 2

Einige hundert Schriftstücke, die allen Vorurteilen widersprechen, und eine Ministerin auf verlorenem Posten.

Mehrere hundert Leserbriefe, davon bloß ein Dutzend mit anderer Meinung, etwas Vergleichbares habe ich in meinem Leben als Journalist noch nicht erlebt: Die Reaktionen auf den Leitartikel der vergangenen Woche, in dem die Lehrer gegen ihre Ministerin verteidigt wurden, sind ohne Beispiel. Ich habe die meisten Mails und Briefe kurz beantwortet. Aber es erscheint sinnvoll, hier anhand der Zuschriften nochmals auf das Thema einzugehen, zumal Claudia Schmied und die Gewerkschaft ja mit unveränderten Positionen um die zwei zusätzlichen Unterrichtsstunden streiten.

1. Eine so massive und außerdem zustimmende Reaktion zeigt, wie groß die Frustration der Lehrer über ihre Arbeitssituation und daraus folgend über die Vorgangsweise der Ministerin ist. Leserbrief-Beschuss richtet sich bei profil tendenziell gegen veröffentlichte Texte, diesmal nicht.

2. Die Frustration gründet offensichtlich vor allem in zwei Dingen: im Vorwurf, Lehrer seien faul, und in der -Büroinfrastruktur der Schulen. Sehr viele -Lehrer rechnen penibel vor, wie viele Stunden sie – unter Einrechnung der Ferien – für ihren Beruf aufwenden, nämlich kaum weniger als jeder andere durchschnittliche Arbeitnehmer. Die Rechnungen erscheinen unabhängig vom Lehrgegenstand plausibel. Daneben werden vor allem der fehlende eigene Schreibtisch und das Fehlen eines Computers beklagt.

3. Hingegen beschwert sich kaum jemand über die komplexe Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, niemand schimpft über Schüler mit Migrationshintergrund. Sind die Lehrer eine Berufsgruppe ohne jede Ausländerfeindlichkeit? Tatsächlich gibt es kaum Fälle, in denen entsprechende Äußerungen von Lehrern bekannt wurden.

4. Die Mails kommen aus allen Teilen der Lehrerschaft: Volks-, Haupt- und Sonderschulen, AHS, Sport- und Musikschulen, Landes- und Bundesbedienstete, Deutsch- wie auch Turnlehrer, ganz Junge und fast Pensionierte. Eine unterschiedliche Sicht der Dinge oder gar eine wechselseitige Schuldzuweisung ist dabei nicht zu erkennen.

5. Auch interessant: Kaum ein profil-Leser, der nicht Lehrer ist, beschwert sich über die Parteinahme für die Lehrer. Da ist eher eine Solidarisierung anderer Bürger gegen die Politik zu spüren. Also deutet nichts darauf hin, dass die Eltern flächendeckend unzufrieden mit den Schulen wären und sich bei einem Streik schnell auf die Seite der Ministerin schlagen würden, was ja ein Kalkül der SPÖ, aber auch der „Kronen Zeitung“ sein dürfte.

6. Eine Ausnahme: Einige ÖBBler widersprechen meiner Aussage, dass es „keinen vergleichbaren Fall in der jüngeren österreichischen Geschichte gibt, in dem ein ganzer Berufszweig einer derartigen Arbeitszeitverlängerung zugestimmt hätte“. Tatsächlich mussten Mitarbeiter der Bundesbahnen unter Kanzler Wolfgang Schüssel eine deutliche Erhöhung ihres Pensionsalters hinnehmen.

7. Kein einziger profil-Leser widerspricht meiner Charakterisierung der Standesvertretung: „eine Hand voll selbstgerechter, herablassender und folgerichtig durchaus unsympathischer Lehrergewerkschafter“. Vielmehr entschuldigen sich dutzende Lehrer ausdrücklich für diese Gewerkschafter. Skurril: Einige der solcherart wenig vorteilhaft Beschriebenen versichern per Leserbrief, dass sie dem Text voll und ganz zustimmen. (Was ist bei diesen Herrschaften schief-gelaufen?)

8. Von jenem Standesdünkel („Herr Professor“), der den Lehrern zugeschrieben wird, ist wenig zu bemerken. Da schwingt eher ein gerüttelt Maß an Verzweiflung mit.

9. Und was wäre schon gegen Standesbewusstsein zu sagen? Immerhin sind das die Menschen, die unsere Kinder ausbilden und ihnen ein Vorbild sein müssen.

10. Und schließlich: In mehreren hundert Mails habe ich jene Häufung an Rechtschreibfehlern nicht gefunden, von denen die „Kronen Zeitung“ bei den dort eingelangten Leserbriefen berichtet. Auch nicht beim Turnlehrer, auch nicht beim arbeitslosen Junglehrer.

Schlussfolgerungen aus der Kommunikation mit Lehrern und der Beobachtung des Geschehens: Der weit überwiegende Teil der Lehrer ist zeitlich engagiert und pädagogisch bemüht. Sie sind freilich alleingelassen in einem System, das von der Politik über ein halbes Jahrhundert nicht weiterentwickelt wurde. Daher müssen sie sich als Einzelkämpfer gegen verkrustete Strukturen in den Schulen selbst und in der bleischwer darüber liegenden Verwaltung stemmen. Sie haben keinen Einfluss auf eine Erneuerung dieses Systems. Die Gewerkschafter, die den Prozess in Gang bringen könnten, sind der von ihnen Vertretenen nicht würdig. Und Ministerin Schmied agiert ohne Gesamtplan, ausschließlich um Geld einzusparen, auch wenn sie anderes behauptet.

christian.rainer@profil.at