<i><small>Cyberama von Thomas Vašek</small></i>
Amazons Auslese

Warum der Online-Händler die Buchkäufer am besten kennt.

Ich mag meinen Buchhändler. Gern unterhalte ich mich mit ihm über die wichtigsten Neuerscheinungen, über interessante Autoren, über sein zunehmend schwieriges Geschäft. Die meisten meiner Bücher kaufe ich jedoch bei Amazon. Das ist nicht schön, ich weiß. Doch ich habe meine Gründe. Der erste ist schlicht, dass Amazon jeden noch so abseitigen Titel innerhalb von zwei Tagen liefern kann. Der zweite Grund lautet: Amazon kennt meine Interessen besser, als sie mein Buchhändler je kennen wird. Das führt mitten ins Herz der sogenannten Internet-Debatte. Da ist viel von „Big Data“ die Rede, von mächtigen Algorithmen, die angeblich unsere Gedanken und Vorlieben kennen, die gar vorhersagen können, welches Produkt jemand als nächstes kaufen wird. Ein Standardbeispiel der Big-Data-Alarmisten ist das Empfehlungssystem von Amazon. Als Kunde des Online-Händlers bekommt man bekanntlich ständig Bücher angeboten, die den eigenen Interessen verblüffend genau entsprechen. Ein Algorithmus wertet zu diesem Zweck Informationen zu früheren Einkäufen aus und korreliert diese mit dem Einkaufsverhalten von Millionen anderen Kunden.

Was Amazon angeblich ein Drittel seiner Umsätze beschert, finden Kritiker beängstigend – durch „Big Data“ drohe eine Art digitaler Totalitarismus, der Menschen auf berechenbare Datenströme reduziert. Ich sehe das etwas entspannter. Amazons Empfehlungssystem schreibt mir weder etwas vor, noch liest es meine Gedanken. Es nimmt lediglich meine Präferenzen ernst, es hält mich für ein rationales Individuum. Zu Recht geht der Algorithmus davon aus, dass meine bisherigen Buchkäufe im Großen und Ganzen meine Vorlieben widerspiegeln. Mein analoger Buchhändler macht es übrigens nicht viel anders. Auch er wird mir kein Buch empfehlen, von dem er aufgrund meines bisherigen Kaufverhaltens annehmen muss, dass ich es gar nicht haben will („Lesen Sie doch mal ‚Shades of Grey‘!“). Nur leider ist mein Buchhändler nicht ganz so effizient wie Amazon. Wie denken Sie über die Macht der Algorithmen?

thomas.vasek@profil.at