Das Enthüllungsbuch des überführten Dopingdealers Stefan Matschiner

Stefan Matschiner, ehemals Händler von Dopingmitteln und Zellengenosse von Julius Meinl V., hat seine Lebensbeichte in Buchform abgelegt. profil bringt vorweg Auszüge aus dem Werk „Grenzwertig“.

Sieg, Ruhm, Ehre – das ist der Treibstoff, der Sportler motiviert, über ihre Grenzen und weiter zu gehen. Wie weit, weiß der ehemalige Sportmanager Stefan Matschiner wie kaum ein anderer in Österreich. Trotz intensiven Trainings und der Verwendung verbotener Stimulanzen konnte er selbst auf internationaler Ebene keine Erfolge als Mittelstreckenläufer verzeichnen. Wie grotesk sein Kampf war, sei ihm erst bewusst geworden, als es ihn zwecks medizinischer Leistungsunterstützung in eine Kinderkrebsstation verschlagen hatte: „Nebenan kämpften also Kinder ganz offensichtlich um ihr Leben. Und ich saß da und ließ eine in Natriumchlorid gelöste Eiseninfusion in mich reintröpfeln, um bei irgendeinem Wettkampf ein paar Zehntel-, vielleicht eine oder zwei Sekunden schneller zu sein. Eine Erfahrung, die ich schon damals als grenzwertig wahrnahm.“

„Grenzwertig“
lautet auch der Titel des 248 Seiten starken Buchs, in dem der ehemalige Mittelstreckenläufer Stefan Matschiner einen schonungslosen wie demaskierenden Blick hinter die Kulissen des Spitzensports wirft. Unterstützung bekam er dabei von dem Journalisten Manfred Behr, Chefredakteur der „SportWoche“, der seine Ghostwriter-Motivation so begründet: „Sich als Sportjournalist nicht mit dem Thema Doping zu befassen hieße die Augen verschließen. Bislang kannte man nur einzelne Teilwahrheiten von überführten Sportlern, aber erstmals kann nun ein umfassendes Bild gezeichnet werden.“ Namen von weiteren Dopingsündern werden nicht genannt, da „keine Existenzen und Karrieren vernichtet“ werden sollen. Außerdem wolle das ­Autoren-Duo verhindern, dass „sich alle wieder auf eine paar schwarze Schafe ausreden“. Es gehe um die Abbildung des Gesamtsystems. Wohl war dieser Schritt auch notwendig, um eventuellen Klagen aus dem Weg zu gehen.

Für Matschiner gehört „Doping zum Sport wie das Frühstück“. Dass viele Sportler, die seit Jahren darauf konditioniert sind, öffentlich zu lügen, ihre Realitätsverfälschungen zunehmend selbst glauben, hat der bekennende Dopingdealer häufig beobachtet.

Als Beispiel dafür führt er die Aussage der Triathletin Lisa Hütthaler an, die in einem Interview meinte: „Es gab nicht eine Lisa für die Öffentlichkeit, die nicht dopte, und eine andere fürs Privatleben. Es konnte nur eine geben, wenn man es glaubhaft rüberbringen will. Ich hab zum Teil meinen Freund angeschrien: ,Ich dope nicht!‘ Obwohl er es zum Teil war, von dem ich die Präparate bezogen hatte.“

Matschiner erklärt, dass es ihm nie um finanzielle Bereicherung durch den illegalen Handel mit Dopingmitteln gegangen sei, dafür wären die Erträge „zu kläglich“ ausgefallen. Erst wenn ein Sportler durch seine Hilfe Erfolge verzeichnen konnte, schnitt er am Preisgeld mit. Der Kick „am Spiel mit dem Feuer“ hätte zusätzlich mitgespielt. Gegen echtes Unrechtsbewusstsein oder Reue scheint Matschiner auch nach seiner Haft resistent: „Kaum ein Sportkonsument hat eine exakte Vorstellung, was sich hinter Doping verbirgt. Ich selbst habe Doping immer als Unterstützung gesehen. Als Unterstützung der Regenerationsfähigkeit, wodurch der nächste Belastungshöhepunkt im Training früher gesetzt werden kann.“

Auch die Mitarbeiter der später in Verruf geratenen Institution Humanplasma, die unter anderem Radrennfahrer Bernhard Khol zu Blutdoping verhalfen, hätten nicht aus finanziellen Gründen, sondern patriotischen Motiven den Sportlern eine „Sonderbehandlung“ gewährt: „Womit sich die Frage aufdrängt, welcher Teufel einen kunstsinnigen Geschäftsführer und einen Transfusionsmediziner von Weltruf ritt, ihre Sonntagvormittage am Wiener Alsergrund zu verbringen statt im Musikvereinssaal, am Neusiedler See oder im Kreise der Familie? (...) Der Humanplasma-Geschäftsführung aber ging es erst in zweiter Linie um Gewinn, ihr Motiv war, so kitschig und verlogen es klingen mag, Patriotismus. Das Argument, auf diesem legalen (sic!) Weg, der überall sonst in Europa gelebte Praxis ist, eine Art von Chancengleichheit herzustellen, zog.“ Matschiner äußert den Verdacht, dass Humanplasma durch diese „patriotische Unterstützung“ generell bessere Chancen bei der öffentlichen Auftragsvergabe habe: „Gut möglich auch, dass jemand darauf hinwies, dass Humanplasma sich immer wieder um Aufträge von öffentlichen Spitälern bemüht und dabei auf das Wohlwollen gewisser Würdenträger angewiesen sein könnte.“

An grotesken Szenen scheint es im Spitzensport nicht zu mangeln: Laut Matschiner sollen 2003 Athleten quer durch Sommer- und Winterdisziplinen an ein und derselben falsch etikettierten Steroid-Palette aus dem Untergrund genascht haben. Anstatt des üblichen Hormons, das nach kürzester Zeit nicht mehr nachgewiesen werden kann, konsumierten die Sportler ein mit Nandrolon verunreinigtes Testosteronpräparat. Ein fataler Fehler, denn dieses Steroid wird vom Muskel aufgenommen und ist bis zu einem halben Jahr lang nachweisbar, bis es langsam wieder abgegeben wird.

Der Hürdensprinter Elmar Lichtenegger, die Ruderer Martin Kobau und Helfried Jurtschitsch sowie einige andere wollten bei Dopingkontrollen einem verunreinigten Nahrungsergänzungsmittel die Schuld für ihre hohen Nandrolon-Werte geben. Eine Sperre brachte es ihnen trotzdem ein. Laut Matschiner konnten andere Sportler mit „Glück oder Geschick durch das nicht allzu engmaschige Kontrollnetz“ schlüpfen. Der Nandrolon-Unfall war „ein verhängnisvoller und nicht ökonomisch motivierter Fehler, weil Nandrolon der wesentlich teurere der beiden Wirkstoffe ist. Für jene von Jacks (Deckname für einen anderen Dopingdealer, Anm.) Kunden, die sich gerade einer Testos­teron-Kur unterzogen hatten oder mittendrin steckten, bedeutete die Nachricht aus dem Labor in Budapest nichts weniger, als Opfer des größten anzunehmenden Dopingunfalls geworden zu sein. Positiv auf Monate! Und das gründlich. Angesichts dieser Hiobsbotschaft bewahrten die betroffenen AthletInnen kühlen Kopf, nur eine schmiss die Nerven weg, witterte gar eine Verschwörung gegen sich. Die anderen ließen sich von Jack, der inzwischen fieberhaft nach einer Lösung gesucht hatte, die weitere Vorgehensweise erklären. Um die Nandrolon-Speicher sukzessive zu leeren, mussten sich die SportlerInnen einer regelmäßigen Blutwäsche unterziehen. In den zwei, drei Tagen danach, bevor sich die Speicher wieder zu füllen begannen, war sogar die Teilnahme an Wettkämpfen denkbar. Zur Sicherheit konnte man ja immer noch ein Dopinglabor schmieren. (...) Die Strategie ging auf, sämtliche AthletInnen (die Verschwörungstheoretikerin ausgenommen) überstanden die nervenaufreibende Periode unbeschadet. Auch, weil ein eingeweihter Funktionär alle Hebel in Bewegung setzte, dass ein Besuch der Kontrolleure unterblieb.“

Doch Elmar Lichtenegger beharrte auf der Version des verunreinigten Nahrungsergänzungsmittels: „Das wurde zweifelsfrei geklärt, ich habe die Sperre bekommen, obwohl es viele als ungerecht ansahen.“ Lichtenegger wurde 2007 allerdings wieder wegen Doping überführt und lebenslang gesperrt.

Dass sich Kontrolleure in Österreich mitunter bestechen lassen, zeigte der Fall einer Klagenfurter Kontrolleurin im Jahr 2008, die daraufhin aus dem Verkehr gezogen wurde. Doch Matschiners Anschuldigung, dass mehrere von der internationalen Anti-Doping-Agentur (WADA) akkreditierte Labore in Europa ein doppelgleisiges Spiel trieben, konnte nicht belegt werden. Damals fiel der Verdacht auf das Labor in Seibersdorf, obwohl Matschiner keine genauen Standorte genannt hatte. Trotz intensiver Ermittlungen konnten keine Beweise erbracht werden.

In seinem Buch erwähnt Matschiner vor allem ein Labor, das dopenden Sportlern große Hilfsdienste geleistet haben dürfte, allerdings nicht von der WADA akkreditiert ist: das mittlerweile geschlossene Dopinglabor in Budapest. Vor allem eine Wissenschafterin hat sich laut Matschiner hier besonders engagiert: „Ein Labor, das gleichzeitig für beide Seiten arbeitete? Beileibe nicht die Ausnahme von der Regel, wovon ich mich später selbst überzeugen konnte. (...) eine der Schlüsselfiguren für mein künftiges Gewerbe: Dr. Hildegard (Deckname, Anm.). Eine freundliche, liebenswerte Oma, die mir aber vor allem mit ihren beruflichen Qualifikationen nutzte. (...) Dr. Hildegard war Wissenschafterin durch und durch, interessierte sich vor allem auch für die technisch-medizinische Seite des Dopings. Als ich viel später gezwungen war, meine Gerätschaften zur Herstellung und Lagerung von Erythrozytenkonzentrat nach Budapest zu transferieren, ließ es sich Dr. Hildegard (...) nicht nehmen, die Zentrifuge höchstpersönlich in Augenschein zu nehmen. Und auch als es galt, eine Bleibe für den Kühlschrank inklusive gelagerter Blutbeutel zu finden, fackelte sie nicht lange, quetschte das unförmige Ding in ihre Garage und überwachte die Temperaturanzeige täglich. (...) Der Zufall wollte es, dass mein erstes Großereignis als Dopingbeauftragter ausgerechnet in Budapest über die Bühne ging: die Leichtathletik-Hallen-WM 2004. Sobald klar war, dass die Dopingproben ebendort analysiert wurden, atmeten Jack und ich erleichtert durch. Eine glückliche Fügung, schließlich war die Nandrolon-Problematik noch längst nicht vom Tisch. Dass eine meiner Athletinnen trotzdem höchst erfolgreich abschnitt, ohne positiv getestet zu werden, ging allerdings noch auf Jacks Kappe.“

Als weiteren wichtigen Wegbegleiter nennt Matschiner den nicht minder berühmt-berüchtigten Ex-Langlauftrainer Walter Mayer, der 2002 für den „Blutbeutelskandal“ bei den Olympischen Winterspielen in Salt Lake City verantwortlich war. Damals wurden im Quartier der österreichischen Langläufer mehrere Spritzen und Blutbeutel gefunden. Trotzdem hielt der Präsident des österreichischen Skiverbands, Peter Schröcksnadel („Austria is a too small country to do good doping“), an Mayer fest. 2006 hielt sich Mayer bei den Winterspielen in Turin trotz Sperre in den Mannschaftsquartieren auf, was eine scharfe Drogenrazzia zur Folge hatte. Mayer entkam den Ermittlern mit einer spektakulären Flucht im Auto, wurde aber später volltrunken in Kärnten aufgegriffen. Mayer kommt in Matschiners Buch in einem Interview zu Wort und holt dort einmal mehr zu einem Rundumschlag aus: „Mit Österreich und mir habe man ein Exempel statuieren wollen, dabei ist die ganze Szene korrupt. Es ist ja bekannt, dass es in Österreich Fälle gab, in denen Verbandspräsidenten oder Dopingfahnder selbst Athleten vorab von einer anstehenden Kontrolle informierten. Bestimmte, besonders relevante Sportarten wussten ein ganzes Jahr im Vorhinein, wann ihre drei Tests stattfinden würden.“

Beim Eklat in Turin war auch Matschiner vor Ort, der laut seinen Angaben in besonderem Auftrag angereist war: „Donnerstag am frühen Abend schließlich bestieg ich die AUA-Maschine nach Turin. Die Blutbeutel hatte ich mitsamt meinem Reisegepäck eingecheckt. Interessantes Detail am Rande: Mein Flugticket, das direkt am AUA-Schalter bereitlag, war vom österreichischen Skiverband bezahlt worden. Natürlich ohne Kenntnis, wem er da warum zu einer Flugreise verhalf. Walter Mayers Hinweis, mich vor Ort zu benötigen, reichte als Legitimation bei Weitem aus.“

Nach Walter Mayers Flucht reiste auch Matschiner nach Österreich zurück, um kurze Zeit später erneut zum Austragungsort der Spiele zurückzukehren: „Ich war in dieser Phase noch darauf bedacht, mein Geschäft zu erweitern, neue Absatzmärkte zu erschließen, neue Kunden zu akquirieren. Und was wäre wohl ein überzeugenderes Argument für den Beginn einer Geschäftsbeziehung, als einem Abnehmer seine ‚Ware‘ unter denkbar schwierigen, ja gefährlichen Bedingungen pünktlich zu liefern. Ich behaupte, nicht viele hätten sich damals darauf eingelassen, ein paar Tage nach den Razzien mit einem Blutbeutel, der ganz offensichtlich nicht für medizinische Zwecke bestimmt war, in der Region aufzukreuzen. Harakiri mit Anlauf nennt man das wohl. Dass mir dieser Kick zusätzlichen Spaß bereitete, will ich gar nicht abstreiten.“

Erst zwei Jahre später wurden Matschiners Dealer-Aktivitäten durch die Geständnisse seiner Kunden Bernhard Kohl und der Triathletin Lisa Hütthaler beendet. Seiner Verhaftung sei allerdings eine Reihe skurriler Aktivitäten der Kriminalpolizei vorausgegangen, die Kottan-Reminiszenzen heraufbeschwören: „Ein paar Tage später erhielt ich einen Anruf von meinem Autohändler: ‚Stefan, das Bundeskriminalamt war da. Du solltest besser einmal vorbeischauen.‘ Was ich postwendend tat. Im Autohaus angekommen, eröffnete mir mein Freund, die Beamten hätten sich erkundigt, wie ein Peilsender an einem Ford Kuga anzubringen sei. Als wir mein Gefährt per Hebebühne hochhievten, mussten wir nicht lange ­suchen.“

Im März 2009 wurde Matschiner schließlich verhaftet, die Festnahme mussten seine Frau Sonia und der damals gerade zweijährige Sohn Simon hautnah miterleben. In der Untersuchungshaft befand er sich unter prominenten Mithäftlingen wie Julius Meinl V.: „Es hatte nicht den Anschein, als sei mein Zellennachbar mit den Verrichtungen des täglichen Lebens übermäßig vertraut, deshalb fragte ich, ob ich ihm das Bett überziehen solle. ‚Wenn es Ihnen nichts ausmacht‘, kam als Antwort. Auch sonst kümmerte ich mich beflissen um meinen ‚Schutzbefohlenen‘, schnitt ihm seine Scheibe Brot ab – gar kein so einfaches Unterfangen, wenn man ein Messer ohne Schneide benutzen muss – und hörte mir geduldig sein kulinarisches Wehklagen an. ‚Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal so etwas essen würde.‘“

Dass sauberer Spitzensport ein Mythos ist, wusste man bereits vor der Lektüre des Buchs, aber mit welcher Ungeniertheit und Selbstverständlichkeit das „Unterstützungs“-Geschäft angeblich betrieben wird, ist neu. An die Kontrollinstanzen scheinen inzwischen nicht einmal mehr die Verantwortlichen zu glauben. Andreas Schwab, der Chef der österreichischen Dopingagentur (NADA), stellte in einem profil-Interview (Nr. 10/10) seinen eigenen Job infrage: „Ich glaube, dass Dopingfahnder und Analyselabors den Dopern weit hinterher­hinken. Und die Menschen sollten sich in Zeiten einer Wirtschaftskrise wirklich ­fragen, ob sie so viel Geld für die Verfolgung von Lügnern und Betrügern ausgeben wollen.“

Über den Vorwurf der „Schädigung der Gesundheit“, die vor allem die Richterin in seinem Prozess immer betonte, kann der Ex-Dopingdealer nur lachen. Denn Spitzensport an sich wäre der Gesundheit nicht zuträglich, „das bisschen effiziente Doping“ würde auf keinen Fall schaden, nur „über längere Zeit und in hohen Dosierungen“, doch davon hätte er sowieso immer abgeraten. Auch wenn diese Worte eher nach Selbstabsolution klingen, so stimmt Matschiners folgende Ursachenforschung dennoch nachdenklich: „Wir leben längst in einer Dopinggesellschaft, in einer verchemisierten Gesellschaft, die der Welt des Spitzensports in nichts nachsteht. Neuro Enhancer für die Prüfung an der Uni, Viagra fürs Bett, Kokain für den überlasteten Manager, Ritalin für die Hausfrau und die Mutter mit drei Jobs, Schlafmittel für die Nachtaktiven, Schmerzmittel für die Empfindlichen, Koffein für die Schläfrigen, ­Alkohol für die, die das alles nicht mehr ­ertragen.“