Das Exklusiv-Interview mit Ruth Elsner:
"Freispruch ist wohl nicht mehr möglich"

Interview. Helmut Elsners Ehefrau Ruth zum Ende des Bawag-Prozesses: wieso sie U-Haft für Folter hält. Und warum sie jeden Glauben an den Rechtsstaat verloren hat.

profil: Frau Elsner, was ist das für ein Gefühl, mit Österreichs prominentestem Häftling verheiratet zu sein?
Elsner: Dass er Häftling ist, und das schon so lange, ist eine schreckliche Situation. Eine Last und Belastung, seelisch wie körperlich.

profil: Helmut Elsner sitzt seit 16 Monaten in U-Haft, seit bald einem Jahr steht er vor Gericht. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Elsner: Ich hätte mir nie im Leben gedacht, dass ich jemals in eine derartige Situation kommen könnte. Jetzt versuche ich, das Beste daraus zu machen. Die Tatsache, dass ich ihm so verbunden bin, hilft natürlich sehr. Viel schrecklicher wäre es vermutlich, wenn man draufkommt, dass der Lebenspartner etwas getan hat, das man ihm niemals zugetraut hätte. Ich denke da an den grausamen Fall von Amstetten. Das ist die furchtbarste Situation, in die man als Lebenspartner geraten kann, weil dann natürlich Zweifel aufkommen. Das ist bei mir überhaupt nicht der Fall. Ich weiß zu hundert Prozent, dass mein Mann nichts Unrechtes getan hat. Er wollte das Beste für das Unternehmen und die Mitarbeiter und hat aus tiefster innerer Überzeugung gehandelt. Das erleichtert meine Situation sehr. Es gibt nichts, was meine Einstellung meinem Mann gegen­über verändert hätte.

profil: Die Justiz sieht das anders. Vor ­wenigen Tagen wurde Helmut Elsner an einer Nebenfront wegen Untreue in Zusammenhang mit dem ominösen Plas­­tik­sackerlkredit an Hermann Gerharter nicht rechtskräftig zu zwei Jahren und sechs Monaten unbedingter Haft ver­urteilt.
Elsner: Das war ganz offensichtlich eine taktische Maßnahme des Gerichts. Durch die lange U-Haft stand die Justiz ja unter Druck. Man wollte der Öffentlichkeit zeigen: Seht her, er hat doch etwas angestellt, daher saß er bisher auch zu Recht. Die Begründung des Urteils war fadenscheinig und inhaltsleer. Die Richterin hat gemeint, dass er voller krimineller Energie sei. Was soll das bitte heißen? Dass er jemandem Geld aufgedrängt hat, der es eigentlich gar nicht wollte, um sich und den anderen ins Gefängnis zu bringen? In so einem Fall gehörte mein Mann psychiatriert.

profil: Was geht in einer Frau nach 20 Ehejahren vor, wenn ihr quasi von Amts wegen beschieden wird, dass ihr Mann ausgeprägte kriminelle Energie habe?
Elsner: Das hat mich sehr getroffen. Andererseits gehe ich eben davon aus, dass das Justizministerium Druck ausgeübt hat. Ich habe wirklich Zweifel, dass das Gericht in diesem Fall unabhängig gehandelt hat. Im Hinblick auf das Hauptverfahren muss ich jetzt davon ausgehen, dass die Schöffen nicht mehr unbeeinflusst urteilen können. Das gilt in gewisser Weise auch für die Richterin selbst.

profil: Das klingt jetzt ein wenig nach Verschwörung.
Elsner: Wissen Sie, ich habe nach all dem, was sich rund um meinen Mann abgespielt hat, jeden Glauben an den Rechtsstaat Österreich verloren.

profil: Der Verteidiger Ihres Mannes, Wolfgang Schubert, hat zu Prozessbeginn vergeblich versucht, Zweifel an der Fair­ness des Verfahrens geltend zu machen. Ihren Worten entnehme ich, dass Sie diese Einschätzung teilen.
Elsner: Unbedingt. Es liegt in der Natur der Sache. Es wurden zwei Schöffen ausgesucht. Das sind, wenn Sie so wollen, Leute aus dem Volk. Als sie ausgewählt wurden, hatten sie sicher schon viel über die Sache gelesen, das sitzt im Hinterkopf, das kann man nicht einfach löschen. Und dann sehen diese Schöffen einen Mann im Gerichtssaal, der nicht gleich in Weinkrämpfe ausbricht, sondern entschlossen kämpft, weil er davon überzeugt ist, dass er richtig gehandelt hat. Und jetzt denken die Schöffen, vielleicht stimmt es ja, was da geschrieben wurde. Ich spreche auch der Frau Rat ab, dass sie unbeeinflusst ist. Dem Staatsanwalt sowieso. Die Richterin hat mir einmal im persönlichen Gespräch versichert, sie lege größten Wert auf die genaue Auswahl der Schöffen, um ja neutrale Personen zu finden. Aber das ist unmöglich. Wie man sieht, musste die erste Schöffin bereits nach 14 Tagen ersetzt werden, weil sie offensichtlich voreingenommen war.

profil: Wenn ich Sie richtig verstehe, rechnen Sie nicht länger mit einem glimpflichen Ausgang des Hauptverfahrens?
Elsner: Ich hoffe natürlich auf ein glimpfliches Ende. Aber ein Freispruch wird wohl nicht mehr möglich sein. Letztlich hat das Verfahren diesen Verlauf genommen, weil Politik, Justiz und Medien zusammengespielt haben. Die Fokussierung auf meinen Mann kam doch nicht von ungefähr. Rudolf Hundstorfer hat in der letzten Sitzung unter Präsident Verzetnitsch gesagt, man müsse einen Sündenbock nennen. Das hat Fritz Verzetnitsch später im Verfahren so ausgesagt. Auf Nachfrage der Richterin hat er aber keinen Namen genannt. Und Professor Nowotny, der Nach­nachfolger meines Mannes, hatte einen SPÖ-nahen Medienberater, einen Herrn Dietmar Ecker. Auch der hat ihm geraten, einen Täter zu nennen, wenn er mit der Sache an die Öffentlichkeit gehen will. Da hat sich mein Mann wunderbar angeboten, der war schon in Pension.

profil: Ihr Mann war aber, mit Verlaub, zum Zeitpunkt der so genannten Karibik-Spekulationen Generaldirektor der Bank …
Elsner: Mein Mann hat gewusst, was er tut. Alle Beteiligten haben sich damals bemüht, eine Lösung zu finden, die den Fortbestand des Instituts sichert. Er ist bis heute davon überzeugt, das Richtige getan zu haben. Die Tatsache, dass der Prozess bereits mehr als 100 Tage andauert, zeigt mir, dass auch die Staatsanwaltschaft Schwierigkeiten in der Beweisführung hat. Wenn das alles so einfach und klar wäre, hätte man schon nach zwei Wochen ein Urteil sprechen können.

profil: Sie fallen im Gericht immer wieder durch spöttische Zwischenrufe an Richterin und Staatsanwalt auf. Sie wissen, dass Sie das nicht tun sollten, weil es die Lage Ihres Mannes nicht unbedingt verbessert. Warum verkneifen Sie sich das nicht?
Elsner: Ich weiß, dass das nicht gut ist. Aber ich kann nicht einfach stillsitzen und zusehen. Es geht hier schließlich um meinen Mann.

profil: Ich nehme an, Sie besuchen ihn auch an verhandlungsfreien Tagen?
Elsner: Selbstverständlich.

profil: Worüber wird da gesprochen?
Elsner: Wir sprechen viel über familiäre Dinge. Er möchte natürlich wissen, wie es seiner 90-jährigen Schwester geht, meiner Familie, den Enkelkindern. Und dann natürlich auch prozessrelevante Fragen. Ich halte auch Kontakt zu seinem Verteidiger, weil die Besuchszeiten ja limitiert sind. Es macht einen gewaltigen Unterschied, ob jemand während eines Prozesses in Haft oder in Freiheit ist. Das ist eine große Benachteiligung.

profil: Was macht er, wenn er nicht vor Gericht steht?
Elsner: Er liest, er hört viel Musik. In so einer Situation versucht man sich irgendwie abzulenken.

profil: Wie sind die Haftbedingungen?
Elsner: Er wird von der Justizwache sehr korrekt behandelt. Dennoch ist Untersuchungshaft eine Art Folter. Es wird viel über Resozialisierung geredet. Häftlinge sind nur mehr Nummern. Ich kann langsam verstehen, was es heißt, durch die Haft gebrochen zu werden.

profil: Hat Ihr Mann Suizidgedanken?
Elsner: Absolut nicht. Ich habe größte Hochachtung davor, wie er diese Situation meistert. Für einen 20-jährigen Mafioso wäre Haft wahrscheinlich Teil des Erwerbslebens. Aber weder ist mein Mann ein Mafioso, noch ist er 20. Er ist 73 Jahre alt, hat fast 50 Jahre im Bankgeschäft gearbeitet, davon 25 Jahre in leitender Funktion. Sie wollen sich gar nicht vorstellen, wie groß die Belastung ist. Ihm fehlen die frische Luft und die Bewegung. Wissen Sie, er war immer stark und vital, ich habe die 20 Jahre Altersunterschied, die zwischen uns liegen, nie gespürt. Aber der Zusammenbruch, die Operationen, die U-Haft und der mediale Wirbel haben körperliche und seelische Wunden hinterlassen. Ich weiß nicht, ob diese jemals wieder heilen. Woody Allen hat jüngst sinngemäß gesagt, das Leben sei eine Tragödie und würde nur durch ein paar lustige Momente durchbrochen. Ich kann das nachvollziehen.

profil: Sie sitzen nahezu täglich zwischen Prozessbeobachtern. Verfolgen Sie noch die laufende Berichterstattung?
Elsner: Durchaus, aber sehr selektiv.

profil: Sie wissen, dass die öffentliche Meinung nicht von Fakten allein bestimmt wird. Da geht es auch um Sympathien. Ihr Mann wird immer wieder als rücksichtsloser, selbstgerechter Zeitgenosse skizziert, der in der Bank fortwährend einsame Entscheidungen getroffen hat. Welche Rückschlüsse lässt das auf Ihre Ehe zu?
Elsner: Keine, weil all das nicht stimmt. Ich kann mich nicht erinnern, dass in Österreich jemals in dieser Intensität und mit derart vielen Untergriffen über einen Menschen geschrieben wurde. Mein Mann hat niemandem persönliches Leid angetan, das ist das, was mich so erschreckt. Wenn ich jetzt wieder den Fall Amstetten hernehme: Das ist ein Mensch, der über eine Gruppe von Personen über Jahrzehnte unglaubliches Leid gebracht hat. Jetzt war diese schreckliche Geschichte zum Glück für die Opfer nur 14 Tage in den Medien. Mein Mann hingegen ist monatelang in allen Medien mit unglaublichen Storys vertreten gewesen.

profil: Wie zum Beispiel?
Elsner: Da wurde etwa erfunden, er habe sich sein Wasserbett quer durch Österreich nachführen lassen. Oder dass unser Hund Monti ein Halsband im gleichen Muster wie die Krawatte seines Herrls trage, worüber sich die feine Wiener Gesellschaft mokiere. Wer ist diese feine Gesellschaft? Offensichtlich hat dieses Land keine anderen Sorgen. Ich habe mir nicht nur einmal vor Entsetzen an den Kopf gegriffen. Können Sie sich vorstellen, wie das ist, wenn Journalisten meinen Mann wie ein Mons­ter darstellen, obwohl sie ihm nie begegnet sind? Mein Mann ist kein Monster.

profil: Gestatten Sie den Einwand, dass Ihr Mann bis zu seiner Pensionierung ein eher distanziertes Verhältnis zu Journalisten pflegte?
Elsner: Das kann ich nicht beurteilen. Aber dürfte Rache wirklich ein Motiv sein? Gewisse Journalisten sollten bei Gelegenheit einmal darüber nachdenken, was sie mit ihrer Berichterstattung auslösen. Man kann eine Meute damit aufhetzen, das kann ans Leben gehen.

profil: Helmut Elsner hat in einem profil-Interview im Mai 2006 gemeint, er sei Opfer einer unglaublichen Medienkampagne, die Züge einer Menschenhatz annehme. Ich darf zitieren: „Mein neunjähriger Enkel wird in der Schule gefragt, ob der Opa ein Verbrecher sei, und meine Schwiegereltern, die auf die 90 zugehen, werden in Floridsdorf sogar auf offener Straße beläs­tigt.“ Wie haben Sie das empfunden?
Elsner: Ein normales Alltagsleben war hier nicht mehr möglich, daher haben wir uns damals auch nach Frankreich zurückgezogen. Wir sind in Restaurants angepöbelt worden, mein Mann wurde auf offener Straße angeflegelt, wir haben Drohbriefe erhalten. Im November 2005 sind wir in der Staatsoper von einem Unbekannten allen Ernstes gefragt worden, warum wir uns da noch hertrauen. Da war von all dem, was später passieren würde, noch gar keine Rede. Ich hatte wirklich Angst um meinen Mann. Wie kann es sein, dass man einen Menschen mit derartigem Hass verfolgt? Wie kann es sein, dass Leserbriefe in Zeitungen veröffentlicht werden, in denen die öffentliche Vierteilung meines Mannes gefordert wird? Was geht nur in diesen Menschen vor? Offenbar ist es relativ leicht, die Massen zu motivieren. 95 Prozent der Leute, die sich so geäußert haben, wussten zuvor doch gar nicht, wer Helmut Elsner überhaupt ist.

profil: Das Exil in Südfrankreich war letztlich mit ein Grund für die Verhaftung am 14. September 2006. Die Staatsanwaltschaft Wien argumentiert, Elsner habe zuvor einen Vernehmungstermin platzen ­lassen.
Elsner: Ich lese das immer wieder. Das ist nur nicht richtig. Mein Mann hat acht oder neun Termine in Wien gehabt, er ist jedes Mal hingeflogen und wurde stundenlang einvernommen. Im August war der letzte Termin vorgemerkt, der hat zehn Stunden gedauert, und man ist nicht fertig geworden. Mein Mann hat dann gefragt, ob es möglich wäre, am nächsten Tag weiterzumachen, der Herr Staatsanwalt wollte aber nicht und hat einen Termin in der Woche darauf fixiert. Mein Mann ist dann zurück nach Frankreich geflogen und ein paar Tage später zusammengebrochen. Ich habe den Anwalt in Wien sofort mitgeteilt, dass mein Mann nicht kommen könne, weil er im Spital liege. Das wurde dem Staatsanwalt binnen Minuten mitgeteilt und auch vom Krankenhaus belegt. Es kam danach auch kein neuer Termin mehr. Am 14. September kam stattdessen der internationale Haftbefehl.

profil: Wissen Sie noch, was Sie an diesem Tag gemacht haben?
Elsner: Ich habe meinen Mann am Vormittag ins Spital gefahren, weil er eine Untersuchung mit Narkose hatte. Als ich nach Hause kam, waren zwei Polizisten da. Die haben dann gewartet, bis ich ihn aus dem Spital holte, und eine Hausdurchsuchung begonnen. Die hat zweieinhalb Stunden gedauert. Und am Ende haben sie einen internationalen Haftbefehl präsentiert. In dem Moment fühlte ich mich, als wäre der Mond auf die Erde gestürzt. Ich war so aufgeregt, dass ich im ersten Moment nicht wusste, was ich ihm in die Reisetasche packen sollte.

profil: Was war in der Tasche?
Elsner: Ein Rasierapparat, Kosmetika und ein Pyjama. Mehr weiß ich nicht mehr. Aber ich sehe ihn noch vor mir, als er ins Polizeiauto eingestiegen ist. Er hat mir zugewinkt und gesagt: Du musst sehr stark sein. Ich habe zwei Tage gar nichts von ihm gehört, bis mich einer der Polizisten angerufen hat, um mir zu sagen, Helmut säße in Marseille im Gefängnis. Ich bin losgefahren, das waren über 200 Kilometer in eine Richtung. Und als ich dort angekommen bin, hat man mir erklärt, ich könne erst in zwei Tagen etwas für meinen Mann abgeben, und mich wieder nach Hause geschickt. Diese Stunden der Ungewissheit waren furchtbar. Am Abend lief ein Bericht im österreichischen Fernsehen, wonach die Haftanstalt das schrecklichste Gefängnis Frankreichs sei, voller Schwerstverbrecher. Ich war in einem emotionalen Ausnahmezustand, aber ich wusste, dass ich meinem Mann nur helfen konnte, wenn ich die Nerven bewahre.

profil: Wem galt Ihr erster Anruf?
Elsner: Ich habe zunächst unseren französischen Anwalt angerufen und dann Dr. Schubert in Wien. Und natürlich auch die Familie. Die Schwester meines Mannes ist betagt und lebt allein in Graz. Ich wollte nicht, dass sie die schrecklichen Neuigkeiten aus dem Fernsehen erfährt.

profil: Sie haben in dieser Phase Bekanntschaft mit Paparazzi gemacht. Wie haben Sie beide das empfunden?
Elsner: Sie lauerten uns hinter Büschen auf, sprangen hinter Häuserecken hervor, sie haben sich unter dreisten Vorwänden beim Portier Zutritt zu unserer Wohnanlage verschafft und standen plötzlich vor der Haustüre. Irgendeine Zeitung hatte auch einen Helikopter angemietet, der kreiste eine Dreiviertelstunde über dem Haus, um Fotos zu machen. Als ich meinen Mann zum Arzt gefahren habe, wurden wir verfolgt, man hat uns überholt und von der Fahrbahn gedrängt. Nur um ein Foto zu machen.

profil: Sie müssen zugeben, dass Fotos des Ehepaars Elsner damals hoch im Kurs standen.
Elsner: Das gibt niemandem das Recht, derart massiv in die Privatsphäre Einzelner einzudringen. Ich verstehe jetzt Schauspieler, die aggressiv gegen Paparazzi werden. Wen geht es zum Beispiel etwas an, wie Sharon Stone ungeschminkt in Jogginghosen aussieht? Mein Mann wurde in seinem Zimmer in der Kardiologie um zehn Uhr nachts schlafend von einer Journalis­tin mit dem Handy fotografiert, die sich bei der überforderten Nachtschwester als Angehörige aus Österreich ausgegeben hatte. In Wien war es nicht besser. Im Wilhelminenspital, wohin er am Tag nach der Auslieferung überstellt wurde, hat man Patienten 1000 Euro für ein Foto meines Mannes geboten.

profil: Helmut Elsner wurde nach langem juristischem Tauziehen und nach einer Intervention von Justizministerin Maria Berger bei ihrem französischen Amtskollegen am 14. Februar 2007 nach Wien überstellt. Welche Erinnerung haben Sie daran?
Elsner: Mein Mann hatte bereits einen Termin für eine Bypassoperation in Frankreich. Bei der Gelegenheit möchte ich gleich sagen, dass mein Mann sich dort operieren lassen wollte, er hätte sich das über seine Zusatzversicherung auch selbst bezahlt, und kein österreichischer Steuerzahler hätte dazu beitragen müssen. Dennoch wurde er zwei Tage vor der Operation ausgeliefert. Ein dreifacher Bypass ist keine Blinddarmoperation. Sie hängen vier oder fünf Stunden an einer Herz-Lungen-Maschine, sind ohne Bewusstsein, das kann auch schlecht ausgehen. Das ist an sich schon ein Hammer, aber das hat offensichtlich niemanden bekümmert. Der französische Arzt, der meinen Mann operieren sollte, hat später gemeint, der österreichische Kollege, der den Transport medizinisch überwachte, habe sich aufgeführt wie der ärgste Polizist. Das ist kein Ruhmesblatt für die österreichische Justiz.

profil: Wo waren Sie an diesem Tag?
Elsner: Bei ihm. Ich hatte etwas vorbeigebracht. Es war reiner Zufall, dass ich dabei war. Eine halbe Stunde später wäre das Bett leer gewesen, und ich hätte nicht gewusst, wo er ist.

profil: War er bei Bewusstsein?
Elsner: Ja. Er war an Geräte angeschlossen, und die Schwestern mussten zu viert alles schnell abbauen, weil die Polizisten so einen Tango gemacht haben. Aber ich muss der Vollständigkeit halber sagen, dass die französischen Beamten nicht aus eigenem Antrieb, sondern im Auftrag der österreichischen Justiz so gehandelt haben.

profil: Ihr Mann war zum Zeitpunkt der Auslieferung auf freiem Fuß, weil Martin Schlaff eine Kaution in der Höhe von einer Million Euro in bar hinterlegt hatte. Wie ist das zustande gekommen?
Elsner: Als ich die Summe von unserem Anwalt gehört habe, hat mich der Schlag getroffen. Ich hatte zunächst keine Ahnung, wie wir den Betrag aufbringen sollten. Wir haben zwar Freunde in Frankreich, die beruflich erfolgreich sind. Aber eine Million Euro einfach so auf den Tisch zu legen, das ist schon viel verlangt. Ich habe dann natürlich an Martin gedacht, weil wir seit ewigen Zeiten befreundet sind. Er hat sich auch ohne Zögern bereit erklärt, zu helfen. Das war eine große Erleichterung.

profil: Martin Schlaff ist die Hilfe nicht wirklich gut bekommen. Er wurde öffentlich zum Komplizen Ihres Mannes gestempelt.
Elsner: Das habe ich nie verstanden. Denken Sie an die beiden armen Leute aus dem Salzkammergut, die vor Monaten in Afrika verschleppt wurden. Man weiß nicht einmal, ob sie noch am Leben sind. Glauben Sie nicht, dass sie froh wären, wenn sie jemanden hätten, der mit Geld aushilft, sofern es gefordert wird? Wie kann man auf jemanden, der hilft, böse sein?

profil: Es gibt, von Schlaff einmal abgesehen, nicht viele Leute im Lande, die sich nach der Verhaftung öffentlich zu Ihrem Mann bekannt hätten.
Elsner: Wir hatten immer einen kleinen Freundeskreis. Freunde sind Menschen, die bedingungslos zu einem stehen. Martin Schlaff zähle ich dazu, Ioan Holender und Josef Taus.

profil: Wie verhält es sich mit dem designierten Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank, Ewald Nowotny? Der hatte die Leitung der Bawag nach dem Refco-Debakel Ende 2005 übernommen und in weiterer Folge oft mit Ihrem Mann konferiert.
Elsner: Professor Nowotny ist eine Enttäuschung. Ich kann mich gut erinnern, wie er noch im März 2006 bei uns im Wohnzimmer gesessen ist und meinem Mann geraten hat, nach Frankreich zu gehen, um die Pension zu genießen. Später hat er sich in die Öffentlichkeit gestellt und lustvoll die so genannten Karibik-Verluste zelebriert. Dann öffnete er den Kassensaal, damit die Haiders dieser Welt Sparbücher in der roten Bawag eröffnen können. Schließlich hat er beteuert, von all dem bei der Amtsübernahme nichts gewusst zu haben. Da kann ich nur sagen: Das entspricht nicht der Wahrheit. Er wurde nach dem Refco-Debakel, also um den Jahreswechsel 2005/2006, auch von meinem Mann ganz genau informiert. Und was hat er später gemacht? Unter Nowotny wurde die Bank an einen Hedgefonds verkauft, jetzt wird sie zerfleddert. Aber Nowotny hat sich rechtzeitig zurückgezogen.

profil: Wie verhält es sich mit Wolfgang Flöttl?
Elsner: Über diesen Mann will ich nicht reden. Durch die negativen Erfahrungen der letzten Monate mit ihm habe ich viel über Courage und Anstand gelernt.

profil: Wie meinen Sie das?
Elsner: Wissen Sie, viele Leute, die meinem Mann früher gerne die Hand geschüttelt haben, wollten plötzlich nichts mehr mit ihm zu tun haben. Ich hätte ja nicht erwartet, dass sie zur Sache selbst etwas sagen. Aber zu dem, was hier mit einem Menschen passiert. Da ging es um moralische Fragen. Als ich wieder in Wien war, habe ich versucht, einen Termin bei Bürgermeister Häupl und beim Bundes-präsidenten zu bekommen. Zu Häupl bin ich gar nicht erst vorgedrungen. Aus dem Büro des Bundespräsidenten hat mich nach 14 Tagen zumindest ein Herr zurückgerufen, der dort zuständig für Justizfragen ist. Er wollte wissen, worüber ich denn sprechen möchte. Ich habe geantwortet, dass er mir um die mediale Vorverurteilung gehe und um die Art, wie meinem Mann die Würde geraubt werde. Ich war der Annahme, dass ein Bundespräsident eine moralische Instanz sei und sein Volk erziehen könne. Die Antwort dieses Herrn war, es sei nicht die Aufgabe des Bundespräsidenten, über Journalisten zu urteilen. Offensichtlich ist es naiv zu glauben, Journalisten seien in erster Linie auch Bürger dieses Landes.

profil: Ihre Vermögenswerte sind nach wie vor eingefroren. Sie haben jüngst öffentlich angedeutet, Ihnen stünden derzeit kaum mehr als 1200 Euro im Monat zur Verfügung. Trifft das zu?
Elsner: Ich will mich nicht darüber beschweren. Alles, was ich in diesem Zusammenhang gesagt habe, wurde so ausgelegt, als würde ich bloß Mitleid erheischen wollen. Die Leute sagen dann wieder nur, die Elsner soll nicht jammern, die lebt doch sowieso wie die Made im Speck. Meine finanzielle Situation ist schwierig, aber ich bin zufrieden, weil ich gesund bin, für meinen Mann kämpfe und die Familie zusammenhalte.

profil: Es kursieren Schätzungen, wonach allein die Anwalts- und Verfahrenskosten eine halbe Million Euro übersteigen werden, allfällige Schadenersatzforderungen der Bawag sind da noch gar nicht eingerechnet. Wie lebt es sich mit diesem Gedanken?
Elsner: Im Augenblick richte ich meine gesamte Kraft auf meinen Mann, er ist mein Lebensinhalt. Aber wir haben zum Glück Freunde, die nach wie vor zu uns stehen, sonst könnten wir nicht weiter.

profil: Sie machen demnach Schulden?
Elsner: Ja.

profil: Sie leben nach wie vor in dem sagenumwobenen Penthouse, das Ihnen auf dem Papier auch gehört. Die Bawag hat allerdings wegen mutmaßlicher Unregelmäßigkeiten beim Verkauf eine Räumungsklage angestrengt, die noch nicht entschieden ist. Wohnen Sie nach all dem Wirbel gerne dort?
Elsner: Man macht sich natürlich manchmal Gedanken. Aber das ist nun einmal mein Zuhause.

profil: Und wie sieht es mit Wien aus? Fühlen Sie sich hier noch wohl?
Elsner: Meine Heimat ist dort, wo mein Mann ist. Hier bin ich in seiner Nähe, deshalb bin ich gerne hier.

profil: Angenommen, Ihr Mann würde entlassen. Würden Sie dann in Wien bleiben?
Elsner: Glauben Sie mir, dass wäre dann meine geringste Sorge. Ich würde wohl vor Freude drei Salti rückwärts machen.

profil: Ich stelle die Frage andersrum: Was, wenn er längere Zeit nicht nach Hause kommt?
Elsner: Damit will ich mich gar nicht auseinandersetzen. Ich habe in den letzten zwei Jahren gelernt, keine langfristigen Pläne mehr zu machen und einen Fuß vor den anderen zu setzen. Früher haben wir uns überlegt, wo wir in zwei Jahren auf Urlaub hinfahren könnten, so wie viele andere Paare auch. Das ist jetzt nicht der Fall.

profil: Sprechen Sie mit Ihrem Mann über die Zukunft?
Elsner: Wir reden manchmal darüber. Er hat Tage, da geht es ihm einigermaßen gut, da darf man schon einmal träumen. Aber an vielen anderen Tagen würde es ihn nur verletzen, wenn ich ihm davon erzählte, wie schön es wäre, gemeinsam auszuspannen und einfach nur in den Himmel zu schauen.

profil: Haben Sie ein schlechtes Gewissen, wenn Sie ohne ihn ausgehen?
Elsner: Mein Eheleben war nie von überschwänglichen Partys geprägt, und ich gehe auch heute kaum aus. Ich war in all den Monaten einmal in der Oper, weil Direktor Holender so nett war und mich eingeladen hat. Ab und zu gehe ich mit Freunden essen. Mein Mann ermutigt mich immer wieder, unter die Leute zu gehen. Aber der Gedanke macht mich traurig, weil ich weiß, ich sitze unter freiem Himmel und er hat nicht einmal die Möglichkeit, spazieren zu gehen. Letzthin habe ich ihm gesagt, wohin ich auch gehe, ich trage dich überall hin mit, du bist in mir. Wenn Gedanken Mauern niederreißen könnten, wäre mein Mann längst frei.

profil: Was bedeutet diese Situation für Ihre Ehe?
Elsner: Ich habe immer eine sehr intensive Ehe gehabt. Auch wenn mein Mann viel gearbeitet hat und dadurch nicht viel zu Hause war, waren wir sehr verbunden, weil wir viele Gleichklänge haben. Ich habe in dieser Situation auch keine Sekunde an meinem Mann gezweifelt.

profil: Haben Sie jemals an sich gezweifelt?
Elsner: Ich war ehrlich gestanden überrascht, wie viel Kraft ich habe. Mein Mann war mir hier immer ein Vorbild. Ich habe gesehen, wie er sich für andere Menschen einsetzt. Jetzt ist für mich der Zeitpunkt gekommen, stark zu sein. Das ist einfach so. Ich habe mir das nicht so gewünscht, aber das Schicksal hat mir diese Rolle offensichtlich zugedacht. Ich wanke keinen Millimeter.

profil: Wenn Sie an Ihren Mann denken, was fehlt Ihnen da am meisten?
Elsner: Ich möchte ihn in den Arm nehmen, das Körperliche fehlt mir sehr. Und er fehlt mir als Gesprächspartner. Heute klammere ich mich an die unbeschwerten Stunden, die wir in den drei Jahren nach seiner Pensionierung teilen durften. Es war für mich eine wunderbare Zeit.

profil: Gesetzt den Fall, Sie bekämen eine zweite Chance. Was würden Sie anders machen?
Elsner: Ich muss manchmal an die ersten Monate 1995 denken, kurz bevor mein Mann Generaldirektor wurde. Er war damals 60. Wir haben damals auch darüber gesprochen, nach Frankreich oder Italien zu gehen, um uns selbstständig zu machen. Er war gar nicht abgeneigt. Aber ich wollte nicht aus Wien weg, weil meine Familie hier lebt und mein Bruder in dem Jahr einen schweren Unfall hatte. Hätte ich damals gesagt, lass uns etwas Neues machen, das Land wechseln, dann wäre wohl alles anders gekommen. Aber das ändert leider jetzt auch nichts mehr.

profil: Glauben Sie an Gott?
Elsner: Ich glaube, dass es etwas gibt, das unsere Wege lenkt. Nichts im Leben ist Zufall. Das Schicksal kann einen in lichte Höhen heben oder eben in dunkle Tiefen stürzen. Das ist unsere Tragödie.

Interview: Michael Nikbakhsh