Das gedopte Kind: Psychopharmaka statt Therapie

Das gedopte Kind: Psychopharmaka statt Therapie

Zehntausende Kinder schlucken Psychopharmaka – was medizinisch nicht gerechtfertigt ist. Die Gründe für die Fehlbehandlung echter und vermeintlicher psychischer Leiden: der voreilige Griff zum Rezeptblock und eine erschreckend löchrige psychiatrische Versorgung.

Alexander (Name geändert) liebt Bücher. Stundenlang kann sich der Zwölfjährige in eine Geschichte vertiefen. „Wenn er etwas liest, das ihn interessiert, ist er hoch konzentriert. Leider ist das in der Schule nicht so“, seufzt seine Mutter Brigitte W. Vom ersten Schultag an war der Bub auffällig, konnte nicht stillsitzen, krabbelte am Boden umher. Zu Hause musste er nachschreiben, was er im Unterricht versäumt hatte. Warum ihr Sohn, der zu Hause keine Probleme bereitete, in der Schule so aus der Reihe fiel, kann sich Brigitte W. nicht erklären.

Auch eine Schulpsychologin fand keine eindeutige Diagnose. Alexander wurde zu einer Ergotherapeutin geschickt, die von den Eltern privat bezahlt wurde, da die Wartezeit auf einen Kassenplatz zu lange gewesen wäre. Dennoch waren Alexanders Noten gegen Ende der zweiten Klasse so schlecht und die Lehrerin sowie die Eltern nervlich dermaßen am Ende, dass die Familie einen weiteren Kinderpsychiater aufsuchte. Nach einer Wartezeit von einem dreiviertel Jahr erhielt sie endlich einen Termin sowie eine Diagnose: Alexander leidet an einem Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS), salopp Zappelphilipp-Syndrom genannt. Fortan bekam er das Medikament Ritalin verschrieben, seine Konzentration verbesserte sich, seine Lehrerin war zufriedener.

Doch die Nebenwirkungen waren ebenso beachtlich. „Sein Appetit war weg, was ein Problem darstellte, da er immer schon dünn war. Außerdem schlief er schlecht, war deshalb in der Schule dann oft müde“, erinnert sich seine Mutter. Da das Ritalin nach einem halben Jahr nicht mehr wirkte und die Dosis erhöht hätte werden müssen – was auch eine Verstärkung der Nebenwirkungen mit sich gebracht hätte –, wurde Alexander auf Strattera umgestellt, ein anderes ADHS-Medikament. Allerdings setzten hier noch gravierendere Nebenwirkungen ein: „Er wurde depressiv, in der Schule hieß es plötzlich, dass gar nichts mehr geht.“

Die dritte Volksschulklasse konnte der Bub so nicht bestehen: Er blieb sitzen.

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