Das Mädchen und die Meute

20 Monate nach ihrer Flucht ist Natascha Kampusch wieder einmal in den Schlagzeilen. Das Opfer ist „entsetzt“ – und posiert trotzdem vor den Kameras. Rosemarie Schwaiger über die vielen Wahrheiten einer endlosen Geschichte.

Die Story ist das, was unter Journalisten als „Aufriss“ bezeichnet wird. Seit die Wiener U-Bahn-Zeitung „Heute“ am Freitag vorvergangener Woche aus vertraulichen Ermittlungsakten der Causa Kampusch zitierte, ist das Blättchen auch außerhalb der Bundeshauptstadt ein Thema. Chefreporter Ossi Hicker, zuständig für die Geschichte, durfte ein paar TV-Interviews geben und wirkte dabei leicht verdattert. Wer hätte gedacht, dass es so schnell geht mit dem Berühmt­werden?

„Akte Kampusch. Die ganze Wahrheit“ hatte die Gratiszeitung am 18. April getitelt. Auf vier Seiten war zu lesen, was Natascha Kampusch in den ers­ten Einvernahmen kurz nach ihrer Flucht gesagt hatte. Sie erzählte von den Jahren der Gefangenschaft im Haus des Entführers. Manche Details waren tatsächlich neu; über den Inhalt dieser Gespräche hatte die Öffentlichkeit bisher wenig erfahren. Zu den brisantes­ten Teilen des Berichts gehört Kampuschs Antwort auf die Frage, ob Wolfgang Priklopil Komplizen hatte. Ihre Aussage laut Protokoll der Polizeibeamtin: „Ich weiß keine Namen.“ Mit der Einzeltätertheorie der Polizei verträgt sich das nur schlecht. Weil die Story gar so gut ist, kann „Heute“ nun nicht mehr aufhören und berichtet fast täglich über neue oder wenigstens neu verpackte Einzelheiten der Kampusch-Saga. Das Lob der Branche für den Enthüllungseifer der Kollegen hält sich allerdings in Grenzen. Die „Initiative für Qualität im Journalismus“ bezeichnete die Berichte als eindeutige Grenzüberschreitung. Fast alle Leitartikler schimpften wort­reich über die Skrupellosigkeit der Gratis-Konkurrenz.

Vielleicht entspringt diese Empörung wirklich einem moralischen Antrieb – aber praktisch ist sie obendrein. Wer die gruseligen Enthüllungen geißelt, kann sie dabei taxfrei nacherzählen. Über den Schmutz der anderen schreibt es sich auch in einem Qualitätsmedium herrlich tabulos. Sogar die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ erlag schließlich der Versuchung und berichtete ausführlich über die neuesten Entwicklungen. Mehr als eineinhalb Jahre ist es nun her, seit Natascha Kampusch die Flucht gelungen ist. Dieser Abstand reicht normalerweise, um einem Thema die Brisanz zu nehmen. Doch der Fall Kampusch will einfach keine Patina ansetzen. Immer noch reicht die kleins­te Neuigkeit für dicke Schlagzeilen. Nach wie vor blühen Spekulationen, Verschwörungstheorien und Gerüchte. Obwohl die Täterfrage längst geklärt ist, wird aus dem Drama in der Heinestraße 60 in Strasshof wohl noch länger kein Cold Case.

Man kann es sich leicht machen und den Voyeurismus der Massen oder die Sensationslust der Medien dafür zur Verantwortung ziehen. Doch ein Blick in die aktuelle Ausgabe der Illustrierten „News“ offenbart, dass die Wahrheit komplizierter ist: Darin posiert Natascha Kampusch für eine lange Fotostrecke. Ein Bild zeigt sie mit verträumtem Gesichtsausdruck, die rechte Hand schützend auf den Bauch gelegt. „Natascha findet nur langsam zurück ins normale Leben“, heißt es mitfühlend im Bildtext. Der Artikel listet dann aber ausführlich sämtliche Punkte aus dem „Heute“-Bericht auf – für alle, die noch nicht Bescheid wissen. Dass die Zeitschrift hier Schindluder mit dem armen Opfer treibt, ist auszu­schließen. Kampusch wird vom Wiener Rechtsanwalt Gerald Ganzger vertreten, der auch für „News“ arbeitet. Man kennt und schätzt einander.

Natascha Kampusch hat Schreckliches durchgemacht und wird wohl ihr Leben lang unter den Erinnerungen an die achtjährige Gefangenschaft leiden. Auch ohne Traumatisierung wäre sie zu jung, um die Auswirkungen mancher Aktion zu durchschauen. Woher soll eine 20-Jährige wissen, wie der Medienmarkt funktioniert? Aber Kampusch hatte und hat professionelle Berater, die mit den Mechanismen der Öffentlichkeitsarbeit vertraut sind. Ihnen musste bewusst sein, dass ihr Schützling in ein Spiel getrieben wurde, das langfristig nicht zu gewinnen ist. Wer im Fernseh-Hauptabend auftritt, um über sein privates Schicksal zu erzählen, trifft eine Entscheidung, die mit dem Sprung vom Zehnmeterbrett zu vergleichen ist: einmal in der Luft, kann man nicht mehr Halt machen. Doch genau das versucht Natascha Kampusch seit nunmehr 20 Monaten. Sie gibt immer wieder mal ein Interview, aber viel verraten will sie nicht. Sie lässt sich vom ORF nach Barcelona einladen und beim Stadtbummel filmen, aber ihr Privatleben ist tabu. Sie bekommt demnächst eine Fernsehsendung auf Puls4, aber wenn sie auf der Straße erkannt wird, ist ihr das peinlich. Die Neugier der Menschen macht ihr das Leben schwer, aber sie tut einiges, um sie immer wieder anzufachen.
Solange es diese Neugier gibt, werden sich Medien finden, die versuchen, sie zu befriedigen. Das ist ihr Job.

Es gilt zu Recht als unelegant, wenn Journalisten vor den Lesern über das eigene Arbeitsleid klagen. Wie mühsam der Beruf gelegentlich sein kann, hat den Zeitungskonsumenten nicht zu kümmern. Der Bäcker ums Eck beläs­tigt seine Kundschaft ja auch nicht mit ermüdenden Einzelheiten übers nächtliche Teigkneten. Doch der Fall Kampusch rechtfertigt eine Ausnahme, weil er auch in dieser Hinsicht einzigartig ist: Für Journalisten war es in dieser Causa von Anfang an kompliziert, moralisch halbwegs einwandfrei ihrer Arbeit nachzugehen. Zur Wahl standen verschiedene Abstufungen von Heuchelei, wobei die höchste Stufe zuverlässig den größten Erfolg brachte. Für die ers­ten, allesamt gegen viel Geld gewährten Interviews mit dem Opfer gab es Medienpreise und dickes Lob. Die inakzeptablen Rahmenbedingungen störten niemanden: Jede Frage musste vorher vom Betreuerteam abgesegnet werden, heikle Themen waren verboten. Bei der Aufzeichnung des ORF-Gesprächs mit Kampusch saß ihr damaliger PR-Berater Dietmar Ecker mit im Studio und gab ihr Zeichen, wenn sie nicht weiter wusste. „Ich habe damals verstanden, wie die Amerikaner ihre Kriege medial vorbereiten“, sagte Ecker, erstaunlich ehrlich, vor ein paar Monaten zu profil.

Normale Recherche war schwierig, weil ein Tross von Experten umgehend die Deutungshoheit beanspruchte und jede abweichende Erkenntnis als Ketzerei brandmarkte. Besonders eifrig war der Psychiater Max Friedrich, an dem kein Weg vorbei führte und der gelegentlich Falschmeldungen lancierte – angeblich, um seine Patientin zu schützen. Als das deutsche Magazin „Stern“ enthüllte, dass Kampusch mit ihrem Entführer einen Skiausflug gemacht hatte, herrsch­te Aufregung im Betreuerzirkus. Geht das jemanden etwas an? Wer hat das verraten? Der Bericht entsprach der Wahrheit, aber um Wahrhaftigkeit ging es nicht in erster Linie. Wichtig war die Imagepflege.
Der Psychiater Ernst Berger, ebenfalls ein Kampusch-Umsorger der ers­ten Stunde, fühlt sich jetzt sogar berufen, der Justiz gute Tipps zu geben. Im „Standard“ verkündete er letzte Woche: „Ich frage mich, ob das Wiederaufkochen der Zweittäterthese nicht den Ansprüchen des Opferschutzes widerspricht.“ Vielleicht sollte der Herr Doktor noch einmal überdenken, was er da sagt. Falls Wolfgang Priklopil – wider alle Wahrscheinlichkeit – einen Komplizen hatte, dürfte die Polizei nicht nach ihm suchen. Dem Mädel zuliebe.

Natascha Kampusch konnte nie nur das sein, was sie in Wirklichkeit war – ein Opfer. Sie musste, so lautete die Strategie ihrer Berater, auch noch makellos sein. Nichts Falsches sagen, nichts Falsches tun, niemals ohne perfektes Coaching vor eine Kamera treten. Anfangs funktionierte das so gut, dass sich in den aufgeregten Debatten ein paar besonders helle Geister zu Wort meldeten, die Kampusch zum Vorbild erhoben: An ihrer Sprache und ihrem Benehmen könne man erkennen, wie förderlich täglicher Ö1-Konsum und regelmäßige Lektüre der juvenilen Entwicklung seien. Motto: Raus aus der Disko, ab in den Bunker. Aus dem Kriminalfall sollte mithilfe von PR-Profis eine Legende werden, aus dem gepeinigten Mädchen eine Heilige. Eine Zeit lang lief das blendend. Aber irgendwann fiel den Journalisten doch wieder ein, dass sie eigentlich zum Recherchieren da sind, nicht zur Heldenverehrung. Es stimmt leider, dass in der Berichterstattung einige Grenzen überschritten wurden. Nicht alles, was geheim ist, taugt als Material für eine Exklusivstory. Aber mit dem gewerbsmäßigen Bruch von Regeln begonnen haben in diesem Fall nicht die Reporter, sondern Kampuschs selbst ernannte Beschützer.
Rechtsanwalt Ganzger hat nun rechtliche Schritte eingeleitet. Er brachte medienrechtliche Anträge wegen der „Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs“ seiner Man­dantin ein und klagt die Gratiszeitung „Heute“ außerdem nach dem Urheberrechtsgesetz wegen der unerlaubten Veröffentlichung eines Fotos. Damit ist auch sichergestellt, dass im Fall Kampusch noch lange keine Ruhe einkehren wird.