Das Massaker von Winnenden: Wie Zufälle zwischen Leben und Tod entscheiden

Von Gunter Müller (Winnenden)

Manchmal sind es bloß ein paar Zentimeter, die über Tod und Leben entscheiden. Oder jener Augenblick, den der eine früher losläuft als der andere. Oder die Sekunde, die er schneller ist.

Vasilis war schneller an diesem Mittwochvormittag in der Albertville-Realschule, in einem Rennen, das er nicht gewollt hatte. Gegen halb zehn Uhr sitzt der 16-jährige Vasilis aus der 10d neben seinem Freund Ibrahim im Chemiesaal, als die Türe aufgeht, ein maskierter Mann im schwarzen Tarnanzug hereinplatzt und vier, fünf Mal mit einer Pistole um sich schießt. Vasilis und Ibrahim werfen sich auf den Boden und verkriechen sich unter der Bank. Dann wird es ruhig im Klassenzimmer. Ein kurzer Blick zur Türe: Dort steht niemand mehr. Aus der Klasse nebenan kommen Schreie. Der Maskierte ist offenbar weitergezogen.

Die beiden Freunde warten kurz ab, dann laufen sie Richtung ­Fenster. Vasilis öffnet es; hört plötzlich wieder einen Schuss; hört, wie direkt hinter ihm jemand zu Boden fällt. Er dreht sich nicht mehr um, schwingt sich über die Fensterbank und klettert panisch die Feuerwehrleiter hinunter; springt aus über zwei Meter Höhe, rollt sich ab, humpelt, am linken Knöchel und an einem Handgelenk verletzt, in sichere Entfernung. Wo bleibt Ibrahim?

Hinter Vasilis ist niemand mehr. Es sind nicht die einzigen Freunde, die an diesem Mittwochvormittag auseinandergerissen werden. Dasselbe Schicksal trifft Vivienne und Jana, beide 14. Im Schulbus sind sie noch wie jeden Tag nebeneinander gesessen und haben gescherzt. Jana wohnt in Weiler am Stein, dem Heimatort von Tim K. Als der Amoklauf beginnt, befindet sie sich im zweiten Stock des Schulgebäudes, Vivienne im ersten. Tim will die Tür des Zimmers aufreißen, in dem sich Vivienne und ihre Mitschüler verschanzen. Er schafft es nicht und entfernt sich wieder. „Dann haben wir zwei Schüsse gehört“, erinnert sich Vivienne.

Draußen rückt die Polizei an. Unter den Einsatzkräften: ein Beamter, dessen Frau an der Albertville-Schule Physik unterrichtet. Der Mann versieht an einer der Absperrungen Dienst, während die Lehrerin drinnen im Gebäude um das Leben ihrer Schülerinnen und Schüler kämpft. Zur gleichen Zeit kauert in der 9c der 15-jährige Patrick am Boden neben seiner Schulkollegin Chantal (16). Es knallt, wieder und wieder. Mehrmals wird der Bursche getroffen – in den Rücken, in den Arm, in die Wange. Er bleibt reglos neben Chantal liegen.

Aber er überlebt. Als er sich zu Chantal umdreht, sieht er: „Sie saß an der Tür. Tot.“ Was für ihn rasch Gewissheit ist, wird für die anderen noch Stunden dauern. Nachdem die Schule evakuiert worden ist, macht sich Vivienne an der improvisierten Sammelstelle, einem öffentlichen Hallenbad, auf die Suche nach Jana. Sie erfährt, dass ihre Freundin im Kugelhagel umgekommen ist. Der Polizist erfährt aus dem Radio, dass auch seine Frau, die Physik-Lehrerin, erschossen wurde.

Und gegen Mittag weiß auch Vasilis, dass es sein Freund Ibrahim war, den er bei der Flucht durch das Fenster hinter sich zu Boden fallen hörte. Dem hoch begabten Mittelfeldspieler des SV Wendlingen war ein Kreuzbandriss zum Verhängnis geworden. Er war wegen dieser Verletzung die entscheidende Sekunde langsamer gewesen.

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