Das Mundl-Fiasko "Echte Wiener": Im
Hause Sackbauer wird nur noch lamentiert

Kino. Im Hause Sackbauer wird neuerdings nicht mehr getobt, nur noch verzweifelt lamentiert. Vom Abstieg eines Seriensuperstars zum Jammerlappen: Stefan Grissemann über das Mundl-Fiasko „Echte Wiener“.

Salz der Erde“ nannte der Arbeiterdichter Ernst Hinterberger sarkastisch die ersten beiden Folgen einer Serie, die 1975, nur sechseinhalb Jahre nach Einführung des Austro-Farbfernsehens (und vier Jahre vor Nina Hagens praktischer „Club 2“-Masturbationslektion), für einen Eklat sorgte, wie er im ORF nicht alle Tage zu verzeichnen war. Ehe sie zum Telefonhörer griffen, um entrüstet ihre Beschwerden zu deponieren, staunten Österreichs TV-Teilnehmer nicht schlecht über die neue Familienserie, die man ihnen da zumutete; sie ließ, unter dem arglosen Label „Ein echter Wiener geht nicht unter“, tief blicken in die Abgründe der proletarischen Existenz: Als Identifikationsangebot trat ein cholerischer Wiener Gemeindebaubewohner in Szene, ein mit Ressentiments bestens besetzter Brüllaffe im Feinripp-Unterhemd, ein Haustyrann, der seine (offenbar stets gut geschüttelten) Bierflaschen per Aufreißverschluss verlässlich in kleine Zimmerfontänen verwandelte: ein Minusmann als Sympathiefigur – dümmer als dumm und Schwechater als schwach. Dieser Mann sah rot, egal, wovon die Rede war, und Bierschaum klebte anschließend am Einbauküchenkasten: von Salz der Erde keine Spur.

Edmund „Mundl“ Sackbauer , markig gespielt von Karl Merkatz, hieß die Figur, die Österreichs Staatsfernsehen so erfolgreich kontaminierte: Genial klang schon der Name, den ihm Hinterberger, gleichsam lautmalerisch, verliehen hatte. Die triste Fernsehspielästhetik der Serie hielt mit ihrem unschönen Protagonisten lustvoll Schritt: Hinterbergers asozialer Realismus, kongenial inszeniert vom jungen Reinhard Schwabenitzky, griff grundsätzlich nur ins Volle – Menschliches war hier niemandem fremd. Die unflätigen Dialoge Hinterbergers ließen den kreativen Einsatz von Begriffen wie „Schneebrunzer“, „Nudeldrucker“ und „Pfeifenstierer“ bestaunen, und um die Androhung drastischer Ohrfeigen, deren spezielle Ausführung an die 14 Tage „Schädelwackeln“ garantierte, war Mundl Sackbauer, im lokalen Gewichtheberverein nicht ohne Grund aktiv, auch nie verlegen.

„Ein echter Wiener geht nicht unter“ geriet so zur Sternstunde der österreichischen Fernsehgeschichte – und langfristig zum Boten aus besseren Tagen, da der ORF noch in der Lage war, mit seinen Eigenproduktionen weniger Kopfschütteln als Aufsehen zu erregen: als Major Adolf Kottan zu ermitteln begann und eine wenig sentimentale Landchronik namens „Alpensaga“ Hassliebe im Hauptabend provozierte. Die Sackbauer-Story war in Sachen Serieninnovation allerdings die Pioniertat: Am 8. Juni 1975 wurde Episode eins ausgestrahlt, die 24. und letzte Episode ging Anfang Dezember 1979 über die Bühne. Die prototypische „liebe Familie“ – bezeichnenderweise ging das biedere ORF-Stegreiftheater ebenjenes Titels erst 1980 in Serie – präsentierte Hinterberger beherzt ex negativo, wie eine letzte große Chance auf televisionäre Subversion, als zeichnete sich das Grauen der TV-Konterrevolution, die in den Achtzigern folgen sollte, am Horizont bereits ab.

Gut 33 Jahre nach Edmund Sackbauers Inauguration erscheint nun, lange angekündigt, bang erwartet, der Kino­film zur Mundl-Marke – „Echte Wiener“, kofinanziert vom ORF mit immerhin 777.000 Euro unter Federführung von Programmdirektor Wolfgang Lorenz. Für die Regie stand Schwabenitzky, logische erste Wahl, offenbar nicht mehr zur Verfügung, sein Nachfolger Rudolf Jusits war tot, so blieb vom Originalteam nur Kurt Ockermüller, Schwabenitzkys einstiger Assistent, der 1978 und 1979 die letzten Episoden der Serie inszeniert hatte – und danach zur TV-Dutzendware (von „Schlosshotel Orth“ bis zum Hansi-Hinterseer-Feature) übergetreten war. Die Mundl-Darstellerbelegschaft aus den Siebzigern immerhin stand fast komplett, zweifellos guten Willens, noch einmal zur Verfügung – von Karl Merkatz und Ingrid Burkhard (als Toni Sackbauer) über Klaus Rott (Sohn Karli) und Liliana Nelska (als Irma) bis zu Alexander Waechter und Dolores Schmidinger.

Die Besetzung aber kann nicht retten, was Ockermüller ins Auge fasst. Mit einer kläglich inszenierten Vernichtungssequenz wie aus dem Werbefernsehen startet „Echte Wiener“: Gigantische Baufahrzeuge verwüsten vor den Augen der verzweifelten Anwohner den Sackbauer’schen Schrebergarten, planieren das Haus, die liebevoll angelegten Beete und die Lackfiguren im Gras. Der Kleingarten muss einer Autobahn weichen, Edmund heult, seine Toni beobachtet es mit wachsender Sorge. Dass sich der Film aus dem Jammertal dieser Szene nicht mehr befreien können wird, ist sein Dilemma. Alles Weitere ist leicht zu ahnen: Erst sind die Gartenzwerge dran, danach der kleine Mann.

Der Beginn der Erzählung ist Programm , denn die Verwüstung ist auch Ockermüllers Mission. Er plündert und entsorgt, auf Basis eines neuen Drehbuchs von Ernst Hinterberger zwar, planlos das Themenarsenal seiner Vorlage; dabei verfehlt er das Zentrum des Mundl-Mythos weit: Die Dynamik des tobenden Arbeiterhelden ist durch die Rückbesinnung auf die Tragödie von Alter und Tod, durch den Rückzug in Einsamkeit, Larmoyanz und Krankheit nicht zu ersetzen. Lustig ist das alles nicht mehr. Bedenkenswert leider auch nicht: Tochter Hanni (Erika Deutinger) muss, weil sie nach Hamburg ausgewandert ist, viel bundesrepublikanisches Hochdeutsch sprechen; dass der Papa, der passionierte Piefkehasser, mit ihr deshalb gebrochen hat, versteht sich von selbst. Die Enkelin (Hilde Dalik) ist Lesbe, das sieht man nicht gern, so in aller Öffentlichkeit, und das Urenkerl, Rockmusiker in spe, steuert auf eine Teenager-Drogenkarriere zu. So tut sich in „Echte Wiener“ eine ganze Beziehungskrisensammlung auf, klafft ein Kommunikationsloch nach dem anderen, bis vor gegenseitigem Unverständnis kein Gespräch (geschweige denn: eine Filmerzählung) mehr zustande zu bringen ist.

"Echte Wiener" scheitert aber nicht nur an depressiver Stimmung, visueller Lieblosigkeit und unrealistischen Drehbuchideen, sondern schon im Grundsatz: Der betont muffige Fernsehspielstil von einst ist in einen Mainstream-­Kinofilm des Jahres 2008 ohne kompromisslose Neudeutung nicht zu übersetzen. Kurt Ockermüllers Sackbauer-Variation ist als Melodram eine Fehlkonzeption, eine bis zur Verzweiflung pointenlose Angelegenheit, die nichts als Lebensüberdruss und Missgriffe zu zeigen hat: Kinounterhaltung für die ganze Familie zwischen Alkoholismus, Selbsthass, Schlaganfall und Herzattacke. Als High-Concept-Weihnachts-Blockbuster ist dieser Film ein erstaunlicher Tiefschlag.

Auch den Schauspielern, abgesehen von ein paar Augenblicken mit Götz Kauffmann, der mit seiner delirierenden Darstellung eines Schwerkranken den bescheidenen Rahmen des Films sprengt, gelingt herzlich wenig. Merkatz verliert sich in einer bloß weinerlichen Darbietung, weit entfernt von der alten Form, Burkhard steht ihm routiniert zur Seite, hat aber keine Rolle, die ihre Routine brauchen könnte. Nebenbei zitiert Ockermüller, der selbst zu meinen scheint, dass all das lange nicht reichen werde, ein bisschen aus der Fernsehgeschichte und der Austrokino-Gegenwart: Franz Buchrieser erinnert mit Kottan-Andeutungen hemdsärmelig an bessere Zeiten, während Falco-Mime Manuel Rubey den biederen Geschäftserfolgsmenschen und Familientotalversager René Sackbauer anlegt, als wäre er im Kopf des Hansi Hölzel hängen geblieben: ein Psychoklischeebündel.

So ist zuletzt nur eines wichtig: die künstliche Erhaltung einer Fernsehlegende aus dem Geist der ideologischen Fügsamkeit – Hände falten, Mundl halten. Ockermüllers Film ist ein Abgesang, eine Abschlusskundgebung ohne Wunsch, Druck und Ziel. Mit diesem Filmtrauerspiel treten die „Echten Wiener“ unwiderruflich ab. Jetzt wird untergegangen.

„Echte Wiener“ läuft ab 19.12. in Österreichs ­Kinos.