Das Popidol einer ganzen Generation: Doch
Obama wird keine Wunder bewirken können

Barack Obama wurde zum Popidol einer ganzen Generation stilisiert. Doch seine Anhänger wissen genau: Auch als Präsident wird er keine Wunder bewirken können.

Auf den Straßen Chicagos begann es bereits zu dämmern, als bei der letzten Party der Stadt in einer noblen ­Suite im 35. Stock des altehrwürdigen Chicago Tribune Tower noch immer Samba getanzt wurde. Eine knappe Hundertschaft der engsten Mitarbeiter des Obama-Wahlkampfhauptquartiers füllte Becher aus Magnumflaschen mit Whiskey und holte sich Bier aus der eisgefüllten Badewanne. Sektkorken knallten, Gläser klirrten, und immer wieder wurde der Refrain der Pophymne „We Are the Champions“ intoniert.

Es war jener über 21 Monate eingeschworene kleine Kreis, der in täglichen 18-Stunden-Schichten Barack Obama zu einem historischen Wahlsieg verholfen hatte und sich nun für die Knochenarbeit belohnte: für die teils frustrierenden Tage und Nächte, die verpassten Uni-Prüfungen, die verschleppten Verkühlungen und all die anderen Unannehmlichkeiten. An diesem Dienstag, dem 4. November, war das alles egal.

Bush out now. Nirgendwo auf der Welt war die Siegesparty ausgelassener als hier in Chicago, jener Stadt, in welcher der nächste US-Präsident, Barack Obama, studierte, seine Frau Michelle kennen lernte und die er zunächst als kleiner Community Organizer und später als Senator prägte. Noch Stunden nach Obamas Rede verwandelten zigtausende die breite Michigan Avenue entlang des Grant Park in einen riesigen Party-Boulevard, den die Polizei schließlich für den Verkehr sperren musste.

„Bush out now, nanana!“ , sangen sie in Chören und rissen dabei die Arme in die Luft. George W. Bush war Geschichte. Im Partyjubel in der Suite der Obama-Mitarbeiter betonte die Mutter eines leitenden Obama-Mitarbeiters die historische Bedeutung des Moments: „1960 hatte ich das Glück, in einem der beiden Bundesstaaten zu leben, in denen man als 18-Jährige schon wählen durfte. Und ich bin seit damals stolz, meine erste Stimme John F. Kennedy gegeben zu haben“, sagte die 66-jährige Virginia Roeder. „Und als ich vor wenigen Jahren Barack Obama zum ersten Mal persönlich hörte, wusste ich, er kann – wie damals Kennedy – einer neuen Generation nun neue Hoffnung auf ein verändertes Amerika geben. Erfüllen müssen wir uns diese Hoffnungen aber gemeinsam. Allein kann er das nicht.“ Wie Millionen andere trug sie an diesem Abend ein T-Shirt mit dem Abbild Obamas, ähnlich jenem von Che Guevara, dem kubanischen Revolutionär.

Ein US-Präsident als Popikone , als Heilsbringer einer ganzen Nation – das ist ein gefährliches Image für einen, der schon bald der mächtigste Mann der Welt sein wird und in diesem Amt Realpolitik betreiben muss. Obamas Wahlkampfteam rund um seinen genialen Chefstrategen David Axelrod hat längst verstanden, dass ihr Mann mit allzu hochfliegenden Botschaften von Hoffnung und Wandel zur Projektionsfläche vieler unrealistischer Erwartungen geworden ist. Gegen Ende seines Wahlkampfes wurde Obama zusehends realistischer und bodenständiger. Immer seltener schwang das anfängliche „Change“-Pathos mit. Immer öfter reduzierte er die Botschaft auf ein vageres „Hope“ und schwor seine Landsleute auf harte Zeiten ein.

Und so fiel seine Rede vor 200.000 Anhängern im Grant Park von Chicago bei allem Freudentaumel auch nachdenklich, fast schaumgebremst aus. „Die Straße vor uns wird lang sein. Der Hang wird steil sein. Wir werden nicht alles in einem Jahr oder in einer Amtszeit erreichen. Es wird sicherlich viele Rückschläge und Fehlstarts geben. Auch wenn wir diese Nacht feiern, so wissen wir doch, dass die Herausforderungen, denen wir ab morgen gegenüberstehen, die größten unseres Lebens sind“, sagte Obama mit ernster Miene und forderte von den Amerikanern einen neuen Geist des Dienstes am Land, der Opferbereitschaft und härteren Arbeit ein.

Am Morgen nach der Wahlparty kehrt in Chicago wie auch im Rest der USA der Alltag zurück. Es ist Mittwoch, ein ganz normaler Arbeitstag. Ein schwules Pärchen sitzt auf einer Parkbank und ärgert sich über das Homoehe-Verbot in Kalifornien, über das der westliche Bundesstaat am Tag der Präsidentenwahl abgestimmt hatte. Daneben stehen zwei ältere Damen, die über Hüftoperationen diskutieren, die man sich in den USA schlichtweg nicht leisten könne.

Tageszeitungen sind in Obamas Heimatstadt komplett vergriffen. Hunderte Menschen pilgern an seinem mittlerweile vom Secret Service streng bewachten ­Familienwohnsitz vorbei, einem roten Backsteinbau mit Basketballkorb vor der Garage – gegenüber einer Synagoge mitten in der Wohlstandsinsel Hyde Park an der ärmlichen schwarzen South Side Chicagos.

Schon in den frühen Morgenstunden melden sich in den Medien bereits zahlreiche Skeptiker zu Wort: „Dämpft euren Enthusiasmus, Demokraten!“, titelt etwa das „National Journal“. Obama stehe als 44. Präsident „vor einem unglaublichen Chaos“. – „Großer Sieg, noch größere Herausforderungen“, schreibt die „International Herald Tribune“ und zählt eine ganze Liste von ungelösten Problemen auf: die Kriege in Afghanistan und dem Irak, die Finanzkrise, die Arbeitslosigkeit, der Konsumrückgang. Und Leon Paletta, der ehemalige Stabschef des Weißen Hauses, verzichtet ganz auf Glückwünsche: „Die schwierigen Dinge packen Sie lieber gleich an. Wenn Sie glauben, dass Sie die großen Reformen verschieben können, stecken Sie in ernsthaften Schwierigkeiten.“

Realismus. Doch muss Obama tatsächlich auf den Boden der Realität geholt werden? Schon am ersten Tag des Interregnums präsentiert sich der schwarze Noch-Senator keineswegs mehr in Partylaune. Fünf Stunden zieht er sich mit seinen engsten Beratern zurück, um Strategien gegen die Finanzkrise zu erarbeiten. Danach trifft er sich mit den Chefs von CIA und FBI. „Barack war immer ein Realist“, versichert Toni Preckwinkle. „Ein Realist mit Träumen, aber ein Realist. Und er weiß, dass es für ihn nicht leicht wird.“ Die schwarze Stadträtin der South Side Chicagos war Obamas erste politische Mentorin und kennt ihn seit seinen Tagen als Community Organizer. In ihrem spartanischen Büro an der Cottage Grove Avenue debattierten sie oft über überwindbare und unüberwindbare Hürden. „Er arbeitete immer hart. Und er machte den Menschen aber auch immer klar, dass sich ohne ihr eigenes Engagement nichts verändern wird.“

Auch wenn er sich vor allem für die bis heute benachteiligten Schwarzen eingesetzt habe: Wer sich nicht selbst bemühe, „bei dem lässt Obama auch die Hautfarbe nicht als Ausrede für mangelnden Erfolg gelten“. Der Eindruck, die Obama-Wähler seien blind vor Euphorie, täuscht. Die meisten, die am Abend zuvor noch Tränen über Obamas Sieg vergossen, geben sich am Tag nach dem Sieg erstaunlich bodenständig. „Wir sind nicht unrealistisch“, sagt die College-Professorin Lisa Rosen, die in der Nachbarschaft Obamas wohnt und eine Kollegin des Uni-Professors Bill Ayers ist – jenes Obama-Bekannten und ehemaligen Linksradikalen und Vietnam-Gegners, den die Republikaner im Wahlkampf als „Terroristen-Freund“ des demokratischen Kandidaten verunglimpften. „Auch wenn man Barack zur Ikone gemacht hat, ist er auch nur ein Mensch. Sicher einer, der zu viel fähig ist, aber eben auch nur ein Mensch.“

Jobsuche. Die Afroamerikanerin Joanne Norwood bringt ihren Sohn gerade in eine Schule im Norden Chicagos. „Yes we can“ steht in großen Buchstaben auf dem T-Shirt des Jungen. „Natürlich ist unser Traum wahr geworden“, sagt die 36-Jährige. „Über Jahre hinweg habe ich meinen Kindern immer erklärt, dass man alles erreichen kann. Mit Obama wurde diese ­abstrakte Möglichkeit erstmals tatsächlich auch personifiziert. Aber jedem von uns ist klar: Alle Probleme wird er von heute auf morgen nicht lösen können.“

Als am Mittwochmorgen draußen die Sonne aufgeht, weiß auch Obamas Wahlkampfteam, dass die Zeit der Träume vorbei ist. Tag eins der Realität hat sie eingeholt. Jene in hohen Positionen werden in Obamas Diensten bleiben, die tausenden von Freiwilligen müssen sich nach der langen Zeit im Wahlkampfhauptquartier wohl nun neue Jobs suchen. Die miserable Wirtschaftslage macht das nicht einfacher. Und auch ein neuer Präsident Barack Obama kann ihnen auf ihrem Weg nicht helfen. „Für wie naiv hält uns die Welt eigentlich?“, sagt Jamie Hall, 25. Bis zum letzten Jahr hat Hall als Eventmanager in Las Vegas gearbeitet und dann seinen Job an den Nagel gehängt, um unentgeltlich Obama-Events zu koordinieren. „Auch unter einem Präsidenten Barack Obama ist immer noch jeder für sich selbst verantwortlich, ganz egal, wie sehr wir ihn ­lieben.“

Von Josef Barth, Chicago, und Gunther Müller