Das war Thomas Klestil: Was ihm gelang und was er falsch machte.

Herbert Lackner über Thomas Klestil, der einiges falsch machte, dem vieles gelang und der eines nicht verwinden konnte: den Liebesentzug des „bürgerlichen Lagers“.

An einem späten Jännerabend des Jahres 1983 standen der profil-Redakteur Joachim Riedl und ich – damals Mitarbeiter der „Arbeiter Zeitung“ – an der Bar des Hotels „The Madison“ in Washington, als plötzlich ein schlanker Herr im Trenchcoat in die Lobby stürzte und auf uns zusteuerte. Der späte Besucher war uns bekannt – wir hatten heute bei ihm zu Mittag gegessen.

Er könne nicht erwarten, dass wir seinem Wunsch Folge leisten, hob Thomas Klestil, Botschafter Österreichs in den USA, an, ohne den Mantel abzulegen. Dennoch bitte er uns, nicht über seine Rede beim Lunch zu schreiben. Dann eilte er davon.

Dem Botschafter war irrtümlich avisiert worden, ÖVP-Obmann Alois Mock und sein außenpolitischer Berater Andreas Khol würden zu ihrer Visite bei Präsident Ronald Reagan nur handverlesene Journalisten mit sich führen. Also hatte Klestil bei Tisch bitter kritisiert, dass sich „unsere Partei“, also die ÖVP, den unhaltbaren Angriffen der US-Administration auf die Regierung Kreisky anschließe, diese verhökere westliche Technologie an den kommunistischen Osten. Mehr noch: Klestil äußerte überaus bestimmt die Vermutung, die Volkspartei habe sich diese Vorwürfe zu Wahlkampf-Zwecken bestellt.

Wir schrieben nicht über Klestils Donnerworte. Die Kampagne war durch unsere Anwesenheit ohnehin beendet. Joachim Riedl sollte später ein sehr freundliches Buch über Klestil verfassen.

In dieser kleinen Vignette am Rande der großen Politik zeichnen sich fast alle Charakterzüge aus Thomas Klestils späterem, seinem politischen Leben ab: Spontaneität, Fehleranfälligkeit, Chuzpe und Anstand. Die Republik kam bei ihm jedenfalls vor der Partei. „Ich glaube nicht, dass man Thomas Klestil als einen Parteigänger bezeichnen kann“, sagte Andreas Khol 2002 in einem „Falter“-Interview und hatte Recht. Klestil war zwar seit 1953 Mitglied des CV („Bajuvaria“) und seit 1964 der ÖVP. Parteigänger im Khol’schen Sinn war er nie.

Er hatte zwar im Büro von Bundeskanzler Josef Klaus 1964 begonnen – dennoch war er von der roten Alleinregierung zuerst als UNO-Botschafter nach New York und 1978 nach Washington geschickt worden. Bruno Kreisky vertraute dem aufgeschlossenen Schwarzen. Als Generalkonsul in Los Angeles hatte sich der mit dem kalifornischen Gouverneur Ronald Reagan angefreundet. In Washington spielte er dann mit Vizepräsident George Bush Tennis – nicht schlecht für den Botschafter eines Zwergstaates.

Ihm schien alles zu gelingen. Erhard Busek hatte den Riecher dafür, als er Klestil 1992 als Präsidentschaftskandidaten der ÖVP durchsetzte. Im Wahlkampf holte Klestil gegenüber dem schlecht gemanagten Rudolf Streicher 20 Prozentpunkte auf. „Dear Tom“, begann George Bush 1992 sein Glückwunschtelegramm an den österreichischen Amtskollegen.

In einem viel zitierten profil-Interview mit Hubertus Czernin und Josef Votzi nannte sich Klestil im Wahlkampf ’92 „wirtschaftsliberal mit christlich-sozialem Kern“. Er hätte für Zwentendorf gestimmt, sei ein gläubiger, „aber leider nachlässiger“ Katholik, könne mit Krenn und Groer „wenig anfangen“ und würde an der Fristenlösung nichts ändern.

Thomas Klestil ein Fortschrittsgeist? Mitnichten. Von sechs Sektionsleitern waren in seiner Zeit als Generalsekretär in Alois Mocks Außenministerium fünf ÖVP-Gefolgsleute. In keinem EG- oder EFTA-Land, auch nicht in den USA, gab es Anfang der neunziger Jahre trotz rot-schwarzer Koalition einen sozialdemokratischen Botschafter.

1992, im ersten Jahr seiner Präsidentschaft, mied Klestil auf der EXPO in Sevilla demonstrativ die Hermann-Nitsch-Ausstellung. „Mir gefällt die Kunst Nitschs nicht. Den Standpunkt darf ich wohl haben“, begründete er den Bogen, den er um die Aktionismus-Schau schlug. „Die Kunst muss die Freiheit haben, Herrn Klestil zu missfallen“, ätzte Sigrid Löffler in einem profil-Leitartikel unter dem Titel „Banausie am Ballhausplatz“.

Der Bürger Klestil – oft eher ein Bourgeois als ein Citoyen. Noch 1999 forderte er bei der Salzburger Festspiel-Eröffnung „Harmonie statt Konfrontation, Gleichklang statt Provokation“ in der Kunst.

Als sich der Bundespräsident im Jänner 1994 von seiner Frau trennt und das nicht in einem seriösen Kommunique, sondern in einem „News“-Interview bekannt gibt („Es stimmt, ich habe private Sorgen“), verstört das nicht nur das Bürgertum.

Die Affäre war vielen Innenpolitik-Journalisten lange bekannt gewesen. Sie wussten, dass RZB-Generaldirektor Klaus Liebscher als Vorsitzender des Klestil-Personen-Komitees den Kandidaten schon zwei Monate vor der Wahl diskret befragt hatte, was es mit den Gerüchten bezüglich der 38-jährigen Kampagne-Mitarbeiterin Margot Löffler auf sich habe. Sie wussten, dass Parteiobmann Erhard Busek – ein wahrhaft Liberaler – vorgefühlt hatte. Familienministerin Marilies Flemming war sogar auf die Idee gekommen, Edith Klestil eine zentrale Rolle im Wahlkampf zuzuteilen und ihr Margot Löffler neutralisierend als Assistentin beizustellen.

Die Journalisten widerstanden der Versuchung, über die delikate Causa zu berichten. Mag sein, dass gerade deshalb die Stimmung so massiv umschlug, nachdem sich der Präsident so verschwitzt geoutet hatte. Noch verschwitzter waren freilich Bigotterie und Scheinmoral, die ihm nun aus den eigenen Reihen entgegenschlugen. „Sie fesselt ihn offenbar erotisch, sodass er nur noch ein willenloses Bündel ist. Oder er ist ihr sogar hörig“, ließ damals eine Dame der Wiener Gesellschaft im profil-Gespräch ihren Fantasien freien Lauf. Der Präsident sei „liebeskrank“, spöttelte man in der ÖVP.

Wichtige ÖVP-Familien – die Mocks, die Graffs – stellten sich hinter die Verlassene. Der CV zeigte sich empört. Am Philharmonikerball, Wiens nobelstem Fest, wurde Edith Klestil vom Publikum wie eine Diva gefeiert.

Der Präsident war von den Reaktionen schockiert. Von einem Tag auf den anderen mied er, der nichts mehr liebte als das Bad im Publikum, die Öffentlichkeit – stets in panischer Angst, Journalisten könnten ihn zu seinem Privatleben befragen. Umso üppiger schossen nun die Gerüchte ins Kraut: Liebesnester in Dachwohnungen, Hinterzimmer im Palais Pallavicini, Stockbetten in der Präsidentschaftskanzlei – überall vermutete der Wiener Salon geil die verbotene Liebe.

Ein CV-Bruder des Präsidenten, Ernst Hofbauer, fasste den Müll zwischen Buchdeckel – angereichert mit Ondits über geheime Kinder und klandestine Abtreibungen. Hofbauer verlor alle Prozesse.

Die Dreckschleudern liefen bis zuletzt. Noch in den Wochen vor dem Tod des Präsidenten spuckten sie Geflüster über Liebhaber der Präsidentengattin aus und vermuteten Anfang vergangener Woche, diese sei beim Herzanfall ihres Gatten gar nicht zu Hause gewesen – das in jeder Beziehung allerletzte Gerücht. Selbst der sonst so ernsthafte „Standard“ fiel vor einigen Wochen auf den Liebhaber-Schmarren herein und wurde postwendend geklagt.

Unterstützung fand Klestil beim Wiener SPÖ-Bürgermeister Michael Häupl – er wurde ein echter Freund – und bei der Kirche. Nachdem das Paar im Dezember 1998 in Häupls Rathaus getraut worden war, reiste es über die Weihnachtsfeiertage in die Präsidentenvilla Mürzsteg und von dort ins nahe Mariazell. Eine Stunde lang beteten Thomas und Margot Klestil mit Pater Superior Karl Schauer. Dann nahm Schauer die Madonna aus dem 14. Jahrhundert vom Altar und hielt sie über das Paar – eine Quasisegnung, weil ein echter Segen nicht sein durfte. Kardinal Franz König war Gast bei der kleinen Zeremonie.

Aber auch die Kirchenspitze konnte nicht das Kirchenrecht ändern, das wiederverheiratete Geschiedene von den Sakramenten ausschließt. Beide litten darunter. Im Herbst 2003 war die Ächtung einmal besonders schmerzvoll, wie der Bundespräsident nachher klagte. Die Klestils hatten mit dem Großherzogpaar von Luxemburg im Salzburger Dom die Messe besucht. Während alle anderen zur Kommunion gingen, mussten der Präsident und seine Frau in der Bank bleiben.

Sicherheit suchte Klestil zunehmend im Zeremoniell und in seiner Königsdisziplin, der Außenpolitik. Die Medien mied er. Manche stellten ihm mit umso fragwürdigeren Methoden nach.

Seinem Freund Helmut Zilk mag er es vielleicht nicht übel genommen haben, als ihn dieser 1997 während seiner schweren Lungenkrankheit im Spital besuchte und plötzlich einen Fotoapparat zückte, um ein Exklusivbild für „News“ zu schießen. Ärger waren da schon die Totschlagzeilen des zu Recht eingegangenen Blättchens „täglich Alles“: „Koma. Sie haben ihm ein Stück Lunge rausgeschnitten!“, brüllte es und: „Aids! Kommt er nie mehr zurück?“, „Klestil, wann gibst du die Löffler ab?“, hatte das Trottoir-Blatt schon zuvor getitelt. Eine Redakteurin verkleidete sich als Krankenschwester und versuchte, in die Intensivstation vorzudringen.

Bei seinen seltenen Interviews griff Klestil nun auf eine eigene Erfindung zurück. 1964 war der junge Diplomat Kanzler Josef Klaus während eines USA-Besuchs aufgefallen, weil er ihm vor einer Pressekonferenz alle möglichen Fragen samt Antworten auf ein Blatt Papier geschrieben hatte. Das machte er nun wieder. Diesmal bekamen freilich die Journalisten das Papier zugesteckt: Das hier sei das Interview.

Klestils Unsicherheit steigerte sich nach seiner Niederlage bei der Regierungsbildung 2000 dramatisch. Wolfgang Schüssel hatte nicht zu jenen gehört, die sich wegen seines Privatlebens entrüstet hatten. Andererseits war er auch nicht bereit, dem Präsidenten große Ehrenbezeugungen zu leisten. Klestil missfiel das. Er nahm Anstoß an der Kleidung Schlüssels – „das Mascherl“ nannte er ihn in der Kanzlei –, ihn nervte seine Unpünktlichkeit. Nach dem bitteren Konflikt um die Bildung der Wenderegierung demütigte die ÖVP den Präsidenten bei jeder Gelegenheit: Die Außenministerin fuhr ihm im Ausland voran, statt ihn zu begleiten, der Kanzler weigerte sich zu Staatsbanketten des Bundespräsidenten zu kommen, zunehmend wurde Klestil auch vom Informationsfluss abgeschnitten.

Jetzt waren es bürgerliche Blätter, die dem Präsidenten zusetzten: Er habe „alles falsch gemacht“, meinte die „Presse“, er sei „eitel und nur noch von Hofschranzen umgeben“, im Ausland werde er „kaum noch wahrgenommen“ – ein besonderer Unsinn, wie sich gerade dieser Tage zeigte.

Mit Jörg Haider schien der Präsident in seinen letzten Jahren besser auszukommen, als mit dem Kanzler, ohne mit ihm politisch zu sympathisieren. Auf merkwürdige Weise hätten sich Haider und Klestil geähnelt, meint Klestils ehemaliger Pressesprecher Heinz Nußbaumer in einer intelligenten Analyse: „Sowohl Haider als auch Klestil wollten System und Opposition zugleich sein. Und bei beiden hat es nicht funktioniert.“

Je schwächer Klestil wurde, desto mehr übernahm Margot Klestil-Löffler das Kommando. Weil sie machthungrig sei, wie ihre Gegner behaupten; weil sie ihren verletzlichen, weichen, emotionellen Mann einfach beschützen wollte, wie neutrale Beobachter meinen.

Die Wahl Heinz Fischers zu seinem Nachfolger hatte er herbeigesehnt. Der bloße Gedanke, das Amt an die von ihm so gering geschätzte Außenministerin übergeben zu müssen, quälte ihn. Der Umstand, dass seine Ex-Gattin mit Getöse dem Ferrero-Personenkomitee beitrat, ärgerte ihn. Umso erleichterter war Klestil am Wahlsonntag. Optimistisch hatte er mit Fischer ein Telefonat gleich nach der ersten Hochrechnung vereinbart: Er wollte der Erste sein, der gratulierte. Den Nachfolger nahm er seit Anfang Mai zu allen nur möglichen Terminen mit. Bei Treffen der zentraleuropäischen Staatschefs – Klestil war hoch geachteter Vorsitzender der Runde – präsentierte er Fischer vor drei Wochen voll Stolz.

Er traf letzte Vorbereitungen für das Ausscheiden aus dem Amt. Bei einem Mittagessen mit Frank Stronach erörterte er die Möglichkeit, die von den Saudis geschenkten Araberhengste in Ebreichsdorf unterzustellen. Und noch einmal eine Erniedrigung: Die Wirtschaftskammer hatte zugesagt, dem pensionierten Präsidenten einen Wagen zur Verfügung zu stellen, Bürokosten wollte die Stadt Wien übernehmen. Nach internen Protesten beeilte sich die Kammer zu versichern, der ÖVP-Wirtschaftsbund zahle das Auto. Auch dort kam es zu einem kleinen Aufstand. Schließlich gab der Anwalt Gerhard Wildmoser, ein Freund Klestils, bekannt, er werde das Geld auftreiben.

Er hätte noch etwas mehr Zeit gebraucht, dann wäre es schon noch gelungen, an seinem Bild in der Öffentlichkeit einiges zu korrigieren, klagte Klestil in den letzten Tagen vor Mitarbeitern. Zu Abschlussinterviews – es gab zehn Anfragen – konnte er sich nicht durchringen. Zwei Wochen vor seinem Tod wies er seinen Sprecher und Vertrauten Hans Magenschab an, eine Pressekonferenz am Montag vor der Angelobung anzusetzen. Er wolle aber nur persönlich geladene Journalisten dabeihaben. Und: keine Fragen zum Privatleben.

Noch einmal das alte Spiel, noch einmal alle möglichen Fragen samt Antwort niedergeschrieben. Vor allem die Passage zu seiner Pensionshöhe musste genau ausgearbeitet werden: Der Ruhebezug wäre wegen des Wegfalls des hohen Pensionsbeitrags über dem Aktivgehalt des Präsidenten gelegen.

Magenschab schlug vor, die übliche, konfrontative Pressekonferenz-Dramaturgie zu durchbrechen und in der Hofburg Kaffeehaustische aufzustellen. In einer Passage des vorbereiteten Textes wollte Klestil auf sein Verhältnis zu den Medien eingehen: Dieses sei wohl verbesserungswürdig gewesen, aber die Journalisten müssten verstehen, dass auch Politiker kein Freiwild sind.

Er hatte den Text in der Tasche, als er am Weg zu seiner Haustür zusammenbrach.

„Braucht es erst immer Krankheit und Tod, damit wir einander mehr Wohlwollen und Dankbarkeit zeigen und auch mehr Barmherzigkeit?“, fragte Kardinal Christoph Schönborn in der Trauersitzung der Bundesversammlung. Er sprach nach Andreas Khol und Wolfgang Schüssel.