David Schalko: „Fernsehen scheitert ständig”

David Schalko: „Fernsehen scheitert ständig”

Der Wiener Filmemacher und Autor David Schalko über Kunst als Form des Kleidereinkaufs, das Unwort Kult und seinen neuen Roman „Knoi”.

Interview: Wolfgang Paterno

profil: Ihr künstlerischer Werdegang findet sich auf Wikipedia detailliert dargestellt. Wissen Sie, wer den Lexikonartikel ins Netz gestellt hat?
Schalko: Nein. Ich wollte einmal einen kleinen Fehler ausbessern - da kam sofort die Meldung, dass ich dazu nicht autorisiert sei. Der Eintrag ist jedenfalls erstaunlich akribisch verfasst. Ich kann leider nicht behaupten, dass via Online-Enzyklopädie ständig Falschmeldungen verbreitet würden.

profil:
Laut dem Internetportal sind Sie Dramatiker, TV-Entwickler, Filmregisseur, Drehbuchautor, Schriftsteller: Welchen Ihrer Berufe üben Sie am liebsten aus?
Schalko: Den des Schreibers. Ich habe als Lyriker begonnen - wobei ich bald feststellen musste, dass man davon nicht leben kann. Durch einen Zufall bin ich in die TV-Welt gestolpert. Durch das Fernsehen hat sich dann die Chance eröffnet, zum Film zu kommen.

profil: Als Lyriker haben Sie sich nicht mehr versucht?
Schalko: Die Lyrik machte mir zwar das Wirtschaftsstudium erträglich, aber es war bald klar, dass es mit dem Dichten allein nicht klappen würde. Wenn selbst Virtuosen wie H. C. Artmann nicht wirklich gut davon leben konnten, wie hätte das bei mir gelingen sollen? Wohl auch deshalb hat sich schnell eine Form des Pragmatismus eingestellt: Es ist besser, Fernsehen zu machen, als im Supermarkt Regale zu schlichten - und nach Feierabend Bücher zu schreiben.

profil: Im deutschsprachigen Raum wird multidisziplinär arbeitenden Künstlern häufig Skepsis entgegengebracht.
Schalko: Man wird nicht ernst genommen, wenn man auf zwei Hochzeiten tanzt, Filme macht und Romane schreibt. Was lachhaft ist: Thomas Bernhard hat auch Werke für die Bühne geschrieben, neben vielen Prosaarbeiten. Kein Mensch käme auf die Idee, ihn nicht als Schriftsteller zu bezeichnen. Ich habe aufgehört, mir darüber Gedanken zu machen. Ich schreibe und filme Texte ab.

profil: Woher kommt diese Sehnsucht nach Eindeutigkeit?
Schalko: Man konsumiert in Wahrheit nicht mehr die Inhalte der Kunst, sondern betreibt Fraktionsrezeption, indem man sein Leben ordnet: Ich bin so und so, ich gehöre in dieses oder jenes Eck. Ich mag Arthouse-Film! Seht her, das ist die Ästhetik, die auch ich repräsentiere! Im Alltag erfolgt die völlige Ausdefinierung, fast wie auf einer gigantischen Facebook-Liste: Like/Not like. Daumen rauf, Daumen runter. Sich da auf schwerer zuordenbare Kunst einzulassen, stößt auf geringe Bereitschaft. Kunst ist zum Lifestyle-Verhalten verkommen. Es geht nur darum, welches Attribut ich mir anhefte, fast so wie beim Kleidereinkauf.

profil: Gerade ist Ihr neuer Roman "Knoi“, eine experimentell erzählte Liebesgeschichte, erschienen. Weshalb sind Sie dem Fernsehen nach wie vor treu?
Schalko: Weil das Medium an sich reizvoll ist, da es in so gut wie jedem Haushalt steht. Fernsehen erweist sich längst als trashiges Vehikel, als träger Fremdkörper im Digitalzeitalter.

profil: Bereits vor der Ausstrahlung Ihres TV-Mehrteilers "Braunschlag“ (2012) wurden hymnische Kritiken publiziert, das Wort vom "Kult“ machte die Runde. Wie fühlte es sich an, als Retter der heimischen Fernsehwelt gefeiert zu werden?
Schalko: Irritierend. Kult ist sowieso ein Unwort: Es ist billig, pseudomodisch und bringt nichts auf den Punkt. Natürlich freut es einen, findet die eigene Arbeit positive Aufnahme. Die Begeisterung rund um die Serie nahm jedoch absurde Ausmaße an. Mit einer guten schlechten Kritik kann ich ohnehin viel mehr anfangen als mit einer halbherzigen guten.

profil: Wo sehen Sie die tieferen Gründe für die "Braunschlag“-Begeisterung?
Schalko: Es gibt offenbar eine Sehnsucht nach einer Form der TV-Fiktion, die nicht kalkulierbar und am Reißbrett entworfen ist, die nicht nach dem Schema funktioniert: Wir TV-Macher wissen, was die Zuschauer wollen - und deshalb machen wir das. "Braunschlag“ hat da vielleicht eine Schublade aufgezogen. Fernsehen sollte sich keinesfalls in jene Richtung entwickeln, die nur noch abgetakelte Konserve ist.

profil: Was raten Sie da dem ORF, der wichtigsten Fernsehanstalt des Landes?
Schalko: Den ORF gibt es nicht, das ist keine Person, sondern ein System von 4000 Menschen, die unterschiedlich agieren. Fernsehen scheitert bekanntlich ständig - zugleich hat es gewaltige Angst vor dem Scheitern. Fernsehen versagt regelmäßig, da bräuchte es eigentlich keine Angst mehr davor zu haben. Ein paradoxer Zustand: Angst, die immer zu mehr Angst führt.

profil: Viele österreichische Künstler pflegten und pflegen legendäre Feindschaften. Sie dagegen scheinen mit bestechenden Beliebtheitswerten zu glänzen.
Schalko: Keine Sorge: Ich habe genügend Feinde. Es gibt viele, die meine Arbeit nicht schätzen und nachgerade verachten, weil sie Fernsehen generell verachten. Jedermanns Darling will ich aber auch nicht sein. Ich würde nie etwas mit dem Kalkül machen, von allen gemocht zu werden - wie ich auch nie von allen gehasst werden möchte, wie ein Thomas Bernhard 2.0.

profil: Stört Sie Ihr tadelloser Ruf?
Schalko: In Österreich muss es sehr weit kommen, bis dich jemand öffentlich als Arschloch bezeichnet. Da muss man quasi der Hitler der Medien sein, dass so was passiert. Das geht vielleicht zwischen Fritz Muliar und Claus Peymann, aber selbst da war zuvor sehr viel vorgefallen.

profil: Sie könnten jederzeit einen Ihrer prominenten Freunde bitten, eine euphorische "Knoi“-Kritik zu veröffentlichen. Wie wichtig ist Ihnen Ihr persönliches Netzwerk?
Schalko: Wenn man viel macht, lernt man viele Leute kennen, das liegt in der Natur der Sache. Einige davon werden zu Freunden, andere zu beruflichen Partnern. Netzwerk klingt nach Absicht, als würde man Freundschaften suchen, um bestimmte Zwecke zu verfolgen. Das macht Sinn für Berufe wie ORF-Programmdirektor oder Burgtheater-Chef, aber nicht für meine Sparte.

profil: Eine spezielle österreichische Disziplin ist jene der Verhaberung, der gegenseitigen Begünstigung. Wie halten Sie Dis-tanz?
Schalko: Ich bin nicht mit Menschen befreundet, um Rollen auf Filmsets zu verteilen. Ich stand auch kaum je vor dem Problem, einem Freund sagen zu müssen: "Du, das geht sich nicht aus.“ Die meisten sind so reflektiert und klug, dass sie Privates und Berufliches zu trennen vermögen. Und so viele Freunde habe ich auch wieder nicht.

profil: "Knoi“ spielt ebenso auf dem Land wie "Braunschlag“. Woher rührt Ihre Vorliebe für die Provinz?
Schalko: Das hat mit meiner Herkunft zu tun. Niederösterreich als Landschaft ist interessant, weil es sich dabei um völlig flaches, regelrecht niedergerodetes Land handelt, das kaum Idyllisches und Pittoreskes bietet. Niederösterreich fühlt sich an wie eine enorm weitläufige Mehrzweckhalle, die gewissermaßen wie unsere Gesellschaft funktioniert: Auch wir leben in Shopping-Malls, regiert von Politikern, die in Einkaufszentren Könige sein wollen. Die Gegenwart wird von Mehrzweckhallen-Ästhetiken bestimmt, die den Nimbus des Funktionalen versprühen. Niederösterreich ist wie eine Metapher. Weltniederösterreich!

profil: In Ihren Filmen üben Sie selten offen Gesellschaftskritik. Sollte Kunst das nicht?
Schalko: Die meisten meiner Fernsehformate haben nichts anderes getan. Aber der Zeit ausschließlich obergescheit den Spiegel vorzuhalten - das ist ein Impetus vieler Intellektueller, dieser widerwärtige Karl-Kraus-Gedanke: Ich bin besser als ihr. Ich besitze den Weg der Erkenntnis - und in meinem Spiegel schaut ihr euch das gefälligst an. Das ist das Dümmste, was Kunst produzieren kann. Gesellschaftskritik flimmert in jeder tiefgreifenden Erzählung mit, darf aber nicht der erste und letzte Gedanke sein. Der erhobene Zeigefinger ist in zwei Sätzen beschrieben - und birgt wenig Tiefenschärfe.

profil: Robert Musil meinte, es sei wichtiger, einen Roman zu schreiben, als ein Reich zu regieren. Wofür würden Sie sich entscheiden?
Schalko: Definitiv für das Romanschreiben. Ich laboriere seit meinem 16. Lebensjahr an einer körperlichen Grundmüdigkeit. Ich muss nicht kiffen, ich bin auch so müde. Deshalb schreie ich am Set auch nie herum. Das würde mich nur noch mehr ermatten. Fürs Regieren bin ich viel zu müde.

David Schalko, 40,
zählt seit mehr als zehn Jahren zu Österreichs umtriebigsten Filme- und Fernsehmachern. Der TV-Entwickler ("Sendung ohne Namen“, "Willkommen Österreich“) und Regisseur ("Aufschneider“, "Braunschlag“) debütierte mit dem Band "Bluterguss und Herzinfarkt“ (1995) als Lyriker. Nach "Frühstück in Helsinki“ (2006) und "Weiße Nacht“ (2009) - ein Werk, gegen das BZÖ-Politiker Stefan Petzner vergeblich wegen mutmaßlicher Verletzung der Persönlichkeitsrechte klagte - ist im Salzburger Jung und Jung Verlag mit "Knoi“, einem verschachtelt entworfenen Beziehungs- und Existenzdrama, soeben Schalkos dritter Roman erschienen.