Der nackte Bush

Es gibt keinen Fehler, den seine Administration bei der Besetzung des Irak ausgelassen hätte.

Mut ist Mangel an Fantasie. Mich hat seinerzeit nur die Vorstellung abertausender ziviler Opfer dazu gebracht, den Marsch nach Bagdad im Zweifel abzulehnen. (Später hat die Fantasie eines befreiten, demokratisierten Irak mich leider verführt, ihn hinterher zu akzeptieren.) Gerd Bacher und viele andere Kollegen haben über das (ausgebliebene) Blutbad hinaus das Chaos geahnt, das die Intervention im Irak provozieren würde, und haben den Krieg auch aus diesem Grund für verfehlt gehalten.

George W. Bush hat weder das Blut gefürchtet noch das Chaos geahnt – das hat ihn den Krieg mit derselben Leichtigkeit wagen lassen wie die Unterschrift unter texanische Todesurteile – „it’s part of the job“.

Bush besitzt die Tatkraft eines Menschen, der nie im Leben von des Gedankens Blässe angekränkelt gewesen ist: Der mächtigste Mann der Welt – man kann es ihm von der Stirne lesen – ist außerstande zu zweifeln. Im Allgemeinen wird die Fähigkeit des Zweifelns für den wichtigsten Bestandteil der Intelligenz gehalten – Karl Popper sah darin die entscheidende Voraussetzung für erfolgreiches politisches Handeln.
In der Diktion des „Economist“: „No brains, no balls“ – neben dem Hirn fehlt leider auch der Instinkt.

Das war schon vorher für jeden klar, der Bush stammeln gehört hat. Aber man konnte hoffen, dass seine unbestritten intelligenten Berater vom Typ eines Dick Cheney oder Donald Rumsfeld ihn und uns vor seinem Dilettantismus bewahren würden.

Doch das war eine Fehleinschätzung: Diese Leute (oder besser ihre Hintermänner aus der Öl- und der Waffenlobby) haben in Bush zwar zu Recht einen Präsidenten gesehen, der ihren Forderungen wie ein Hampelmann nachkommen würde, doch es hat auch ihnen an Fantasie gemangelt: Sosehr sie stets das irakische Öl vor ihrem geistigen Auge hatten, so wenig haben sie sich die Guerilleros vorgestellt, die immer wieder Leitungen sprengen würden.

In Wirklichkeit – und das war zumindest für mich überraschend – verstehen diese schmallippigen Unternehmensvorstände erstaunlich wenig von dem Unternehmen, in das sie sich eingelassen haben. Der rein technische Krieg wurde zwar schnell gewonnen, weil der Gegner sich als militärischer Hochstapler entpuppte, dem jeder Wille zum Widerstand fehlte – aber alles, was bei der folgenden Besetzung nur irgendwie falsch gemacht werden konnte, ist falsch gemacht worden: Man hat die irakische Armee aufgelöst, statt belastete Generäle auszutauschen; man hat die irakische Polizei aufgelöst, statt belastete Kommandanten abzulösen; man hat die Verwaltung – die eine der besten der Region war – nicht zu erhalten vermocht; man ist bis heute nicht imstande, zerbombte Kraftwerke wieder in Gang zu setzen, um Bagdad mit Strom zu versorgen, und überlässt die Armenfürsorge den radikalen Schiiten Muktada al Sadrs.

Hätte ich mehr Fantasie besessen, ich wäre über dieses Versagen vielleicht nicht ganz so überrascht gewesen. Denn die Fehlleistungen haben einen gemeinsamen Nenner: Die Menschen im Irak waren Rumsfeld und Co egal.

Die Folterungen in Saddam Husseins ehemaligem Gefängnis Abu Ghraib sind symptomatisch: Wohl ereignen sich solche Entgleisungen in fast jeder Armee, schon gar, wenn sie täglich Tote durch Terroranschläge zu verkraften hat – dass aber Nachrichtendienste darin eine sinnvolle Vorstufe für erfolgreiche Verhöre sehen, dass hochrangige Offiziere dieses Treiben als Leiter der Gefangenenlager dulden, dass viel zu wenig Personal zur Bewachung viel zu vieler Gefangener eingesetzt wird, sodass die eigene Angst die Bewacher treibt, sich durch Misshandlungen Respekt zu verschaffen, dass die Armeeführung seit Monaten im Besitz alarmierender Berichte ist, ohne entsprechende Maßnahmen zu ergreifen, hat einmal mehr einen gemeinsamen Nenner: Rumsfeld und Co sehen in Irakern keine schützenswerten Menschen.

Das Foltergefängnis Abu Ghraib ist nicht loszulösen von Bushs Amerika: Warum sollen ein paar Flintenweiber es für illegitim halten, gefangene Iraker am Holzboden kriechen zu lassen, wenn ihr Staatsoberhaupt es für völlig legitim hält, gefangene Afghanen im Staub Guantanamos kriechen zu lassen?
Zugegeben: Die Iraker sind zum Entsetzen des christlichen Präsidenten nackt gewesen.

Für mich ist Bush noch nie so nackt gewesen wie bei dem TV-Interview, in dem er sein Entsetzen artikulierte: „Das ist nicht, wie wir Amerikaner so etwas handhaben – es gefällt mir wirklich nicht“, erklärte er demselben Publikum, dem er Guantanamo erklärt hatte.

Abu Ghraib ist leider exakt, wie Bushs Amerika so etwas handhabt.

So, wie die USA sich keiner Gerichtsbarkeit der Vereinten Nationen für Kriegsverbrechen unterwerfen wollen, haben sie keine unabhängige, internationale Kommission zur Untersuchung der Folterungen bestellt. Die Armeeführung, so wurde bekannt, hat bereits sechs Soldaten einen „Verweis“ erteilt. Erst als die ganze Welt schon aufgeschrien hatte, hat Rumsfeld sich bequemt, eine Überstellung der Schuldigen an die Gerichte zu versprechen.

Wie soll ein Amerika, das so auf die Verletzung elementarer Menschenrechte im Irak reagiert, die Iraker überzeugen, dass es ihnen den Sieg der Menschenrechte beschert?