Der Flachdenker

Bestseller. Die Bücher von Paulo Coelho haben bereits eine Gesamtauflage von 85 Millionen Exemplaren erreicht. Nun wird der König der Kalendersprüche 60 – und veröffentlicht einen neuen Roman. Können Millionen Leser irren?

Die Tage der Vergeltung werden anbrechen, früher oder später. Paulo Coelho lebt einen Großteil des Jahres in seiner Wohnung in Rio de Janeiro mit Blick auf den Copacabana-Strand, in einem nahezu leeren Appartement in der Avenida Atlantica. Im geräumigen Schlafzimmer, in dem er Gäste empfängt, stehen ein Anrufbeantworter und ein Computer. Ein Porträt der heiligen Thérèse von Lisieux und das Abbild einer Rose wandern beständig als Bildschirmschoner über die Mattscheibe des Schreibgeräts. In einem Tresor hortet Coelho seit Jahren Kritiken und Berichte, in denen seine Bücher, sein Erzählen, seine Person geschmäht werden. Die publizierten Bannflüche und Hasstiraden lässt er fortlaufend auf unverwüstlichen Mikrofilm bannen. „Im Unterschied zu meinen Büchern würden sie sonst vergessen, und dies will ich verhindern. Denn ich bin überzeugt, dass jeder die Verantwortung für das, was er schreibt, tragen muss“, merkte der Schriftsteller als Racheengel mit feinstofflichem Lächeln im Gesicht unlängst zu seiner Sammlung im Safe an.
Von der Aura des Magischen und Mystischen lässt sich der brasilianische Bestsellerautor, der vergangenen Freitag 60 wurde, seit Beginn seiner Karriere umwehen. Es ist bei Coelho nicht ganz auszumachen, wo der Schriftsteller anfängt und der Esoteriker endet, wo der Schwarzmagier den New-Age-Schwadroneur überdeckt.

Achterbahn. In der öffentlichen Wahrnehmung werden die wenigen von Coelho autorisierten biografischen Informationssplitter in einem fort variiert und, je nach Bedarf, akzentuiert: ein Leben als Achterbahnfahrt, eine Existenz als Abenteuerromangestalt. Paulo Coelho, ausgesprochen Co-el-ju, geboren am 24. August 1947 in Rio de Janeiro, entstammt einer Familie der oberen Mittelschicht. Er studierte kurz Jura und begehrte gegen die konservative Disziplin seiner Eltern auf – worauf ihn diese dreimal in eine geschlossene psychiatrische Klinik einweisen ließen. Er dilettierte als Journalist (die Zeitschrift „2001“ brachte es auf zwei Ausgaben), schloss sich der Hippie-Bewegung an, experimentierte mit Drogen und Sex – und avancierte als Mittzwanziger überraschend zu einem populären Songschreiber Brasiliens. Die Militärjunta steckte ihn wegen seiner provokanten Texte für den Rockstar Raúl Seixas, den Jim Morrison des bevölkerungsreichsten Landes Südamerikas, dreimal ins Gefängnis. 1974 publizierte Coelho sein erstes Buch, eine Abhandlung zur Rolle des Theaters in der Erziehung. Ab 1976, so die Legende, arbeitete er ein Jahr lang an seiner Autobiografie; das Manuskript vergaß er in einer Londoner Bar, die Aufzeichnungen sind verschollen.

Meister. Sein spirituelles Erweckungserlebnis, das ihn zum katholischen Glauben zurückkehren ließ, ereilte Coelho 1982. Der 34-jährige Schriftsteller war zu jener Zeit in Deutschland auf Reisen. Im ehemaligen Konzentrationslager Dachau wurde er von einer Vision überwältigt, in der, wie aus dem Nichts, ein Mann vor ihm stand. In Amsterdam, zwei Monate später, begegnete er dem Geheimnisvollen erneut. Der Mann, ein jüdischer Geschäftstreibender, scheint in Coelhos Büchern seitdem als „J.“ und „mein Meister“ auf – J. führte den Autor, eine Art Autorität der schlichten Weisheiten, offenbar auch in die Geheimnisse des so genannten „R.A.M.“-Ordens ein – eine Reporterin des „New Yorker“ versuchte kürzlich in wochenlanger Recherche, die Existenz dieser Gesellschaft zum Studium von Symbolen vergebens zu verifizieren: Eine R.A.M.-Bruderschaft existiert offenbar nicht. Während eines Rituals in Norwegen überreichte die bis heute unbekannte J.-Figur Coelho nach eigenen Angaben zudem einen schlangenförmigen Ring, den der Autor seit damals am vierten Finger der linken Hand trägt. 1986 begab sich der Geläuterte auf den 700 Kilometer langen Pilgerweg von den Pyrenäen nach Santiago de Compostela. Im Jahr darauf erschien „Auf dem Jakobsweg“, Coelhos erste literarische Veröffentlichung, der mit viel Hokuspokus angereicherte Bericht einer Pilger- und Selbstfindungsreise.
Coelho arbeitet ausschließlich nachts, er trinkt täglich seine Portion Kokoswasser und liebt Stierkämpfe. Er litt lange Zeit unter Flugangst, die er eigenen Angaben zufolge in der Stadt der heiligen Theresia verlor. Die Silvesternacht verbringt er jedes Jahr in der Grotte von Lourdes. An seinem Hinterkopf baumelt ein Pferdeschwänzchen, das allerdings auf keinem Foto zu sehen ist. Auf dem linken Unterarm befindet sich seit 1980 die Tätowierung eines blauen Schmetterlings. Coelho erlaubt es nicht, dass dreizehn Personen an einem Tisch zum Essen Platz nehmen, das seiner Ansicht nach morbide Wort „letzter“ (oder „letzte“) vermeidet er geflissentlich.

Sonderbarkeit. Der Schriftsteller ist ein Spezialist der Sonderbarkeit, mitunter steigert er die Fragwürdigkeiten, die er von sich gibt, in extreme, beängstigende Grade. Einem Reporter, der Coelho in dem 1990 publizierten Band „Bekenntnisse eines Suchenden“ in Form eines langen Interviews liebedienerische Fragen stellte, vertraute er etwa treugläubig an: „Stell dir vor, ich kann mich deutlich daran erinnern, wie ich gleich nach meiner Geburt meine Großmutter erkannt habe, die dort anwesend war. Ich erinnere mich, wie ich meine Augen öffnete und mir sagte: ‚Das ist meine Großmutter.‘ Ich war gerade erst geboren.“
Anfang und Ende, Alpha und Omega: Seit Coelho in einem Exerzitium seinen eigenen Tod durchlebte, empfindet er auch keine Angst mehr vor dem Sterben. Er meistert sein Leben in der Basisform aller Dialektik: „Ich sehe den Tod als etwas, was mir den starken Wunsch zu leben einflößt.“
Neue Schreibprojekte kündigen sich dem Experten der Erbauungsliteratur gelegentlich auf wunderliche Weise an. Verbürgt ist etwa die Geschichte, in der Coelhos Frau, die Malerin Christina Oiticica, während eines Interviews ihres Ehemanns eine weiße, unter den Tisch gewehte Vogelfeder aufpickte und sie dem Poeten vorlegte – für Coelho ein untrügliches Zeichen dafür, dass bald ein neues Buch entstehen würde. Unklar ist, ob beim Schreibbeginn von Coelhos jüngstem Opus, der dieser Tage zugleich in 30 Sprachen erscheinenden Sinnsuche-Fabel „Die Hexe von Portobello“, auch jene geheimnisvollen Geschehnisse zu beobachten waren, die der Selbstentdecker beim Entstehen seiner bisherigen Bücher wiederholt erlebte: „Ich fange an, mich unbehaglich oder vielmehr eher nervös zu fühlen. Dann sage ich mir: ‚Ich bin voll, schwanger, bereit zu gebären.‘“
„Die Hexe von Portobello“, das fabrikneue Werkstück aus der Coelho’schen Bestsellerschmiede, entspricht nun der bekannt geschwätzigen Mixtur aus Lebensratgeber, Bibelzitaten, mittelalterlicher Magie, wärmenden Binsenweisheiten und einer schwindlig formulierten Gebrauchsanleitung zum Glücklichsein. Die traurige Mär vom rumänischen Zigeunermädchen Athena, das als Kleinkind von libanesischen Christen adoptiert wird, anschließend in London lebt und durch den Tanz seine übernatürlichen Kräfte entdeckt, ist übrigens inspiriert durch eine zufällige Begegnung, die Coelho einst in Österreich erlebte: Eine rumänische Flugbegleiterin pilgerte seinerzeit zu einem Vortrag des Meisters nach Wien; man tafelte im Anschluss an das Referat und reiste danach gemeinsam durch Rumänien. Die Stewardess bildete die Vorlage für die Figur der Athena, der Protagonistin des neuen Romans.

Mit literarischen Kategorien allein lässt sich das Phänomen Coelho längst nicht mehr ergründen: Der Handlungsverlauf in diesen Büchern tendiert gegen null, der Ton ist simpel-antiquiert, die Moral schonungsvoll-lehrmeisterlich vorgebracht. Durch die gewählten Großthemen – Liebe, Tod, Macht – platzen die einzelnen Romane zumeist aus allen dramaturgischen Nähten: siehe etwa die missglückte, 2000 abgeschlossene Herzschmerz-Trilogie, bestehend aus den Romanen „Der Dämon und Fräulein Prym“ (2000; dt. 2001), „Am Ufer des Rio Piedra saß ich und weinte“ (1994; dt. 1997) und „Veronika beschließt zu sterben“ (1998; dt. 2000).
Coelho schreibt so, als kenne die Literaturgeschichte keinen Joyce, keinen Gabriel García Márquez, kein Moment der Innovation und des Experiments. Seit je veröffentlicht der Denker für alle Fälle, dem auch der Esoterikboom der neunziger Jahre weltweite Publizität verschaffte, harmlos-biedere Trostspender-Texte: Coelhos Bücher sind angereichert mit Wehklagen über die fortschreitende Kommerzialisierung der Welt, über die in seinen Augen das individuelle Kleinstglück bedrohende Trias von Produktion, Konsum und Globalisierung. Andererseits schreckt Coelho, ganz gewiefter Geschäftsmann, nicht davor zurück, sich als prominenter Werbeträger zur Verfügung zu stellen: Im Geschäftsbericht des Audi-Konzerns räsonierte er 2005 etwa über den „Sinn von Mobilität“. In der Autorenzeile des buchdicken Prospekts ist zu lesen, dass Coelho, der „Grandseigneur einer menschenfreundlichen, lebensnahen Literatur“, einen Audi allroad quattro fahre.

Guru. Im Grunde betreibt der Brasilianer, der seine Werke in portugiesischer Sprache verfasst, längst ein global agierendes Schreibunternehmen der gigantischen Zahlen. „Der Alchimist“, Coelhos 1988 publizierter Welterfolg, die Geschichte eines tumben Hirten, der bei den ägyptischen Pyramiden einen Schatz zu finden hofft, stand in 27 Ländern auf Platz eins der Bestsellerlisten und wurde in 64 Sprachen übersetzt. In 150 Ländern wurde das Buch 27 Millionen Mal verkauft (andere Quellen sprechen von bis zu 45 Millionen abgesetzten Exemplaren) und hielt sich seit seinem Erscheinen in Deutschland 1996 über 410 Wochen lang auf der „Spiegel“-Bestsellerliste. „Der Alchimist“ ist das einzige der Bücher Coelhos, dessen Verfilmung geplant ist. Die internationale Großproduktion soll 2008 anlaufen, die Rolle des Goldmachers Laurence Fishburne („Matrix“) übernehmen, der zudem Regie führen und das Drehbuch verfassen wird. Er besitze inzwischen „genug Geld für drei Reinkarnationen“, witzelte Coelho einst.
Die Homepage des „weltweit größten Literaturscharlatans und Jahrmarkt-Gurus“ („Süddeutsche Zeitung“) ist 16-sprachig, mehrere Sekretärinnen kümmern sich um die korbweise eingehende Post und die massenhaften E-Mail-Zusendungen. Coelho-Leser nehmen während Signierstunden häufig endloses Warten in Kauf, bisweilen fallen seine Fans dem Autor weinend um den Hals – und zu Füßen. Bill Clinton, Jacques Chirac, Nelson Mandela und Oliver Kahn, der Plauderphilosoph im Tor des FC Bayern, haben ihre Leidenschaft für die Bücher des „neben
J. K. Rowling und John Grisham erfolgreichsten Schriftstellers der Welt“ (so die Nachrichtenagentur Reuters) bekundet. „Es klingt wie Musik, so wie Paulo Coelho schreibt, so schön ist das. Eine Gabe, um die ich ihn beneide“, formulierte die Schauspielerin Julia Roberts 2001 in einer TV-Dokumentation über den Heilsbringer zum Anfassen. Die Kaffeehauskette Starbucks druckte vergangenen Winter auf fünf Millionen Becher eine prototypische Coelho-Sentenz: „Vergiss deine Träume nicht und kämpfe für sie. Du musst wissen, was du vom Leben willst. Nur die Angst zu versagen verhindert, dass du deinen Traum verwirklichst. Vergiss nie deinen persönlichen Lebenstraum. Vergiss deine Träume nie.“ Oberokkultist Aleister Crowley, einer von Coelhos erklärten geistigen Führern, brachte dieselbe Botschaft weitaus eleganter auf den Punkt: „Tu, was du willst, soll sein das ganze Gesetz.“
Popstar Madonna hat sich eine Überlegung Coelhos zu ihrem Lebensmotto erkoren: „Wenn du etwas ganz fest willst, dann wird das gesamte Universum dazu beitragen, dass du es auch erreichst.“ Es ist einer dieser Sätze, die Coelho, König der Kalendersprüche, hundertfach im Repertoire hat, kleine Sentenzen zwischen Floskel, Plattitüde und Esoterik-Schmus. Das bislang vorliegende Gesamtwerk des Autors – acht märchenhafte, fabelartige Romane, autobiografische Betrachtungen und etliche Sammelbände mit Gedanken, Zitaten und Aussprüchen – ist der auf viele hundert Seiten ausgewalzte Ausdruck des Flach- und Halbgedachten, das billigen, kurzzeitigen Trost vor den Unbilden des Lebensalltags verheißt.

Ebbe. Die Schönheit, sagt Coelho in Interviews mantraartig, liege in der Einfachheit. Gegenüber Abstraktion und Wissenschaft, gegenüber Intellekt und Expertentum hegt der Schriftsteller einen Generalverdacht, den er zuweilen in absonderlicher Art artikuliert. In dem Interviewband „Bekenntnisse eines Suchenden“ berichtete Coelho, selbst Spekulant an der Börse, etwa über seine Erlebnisse mit einem Finanzfachmann – und lieferte damit ein weiteres Lehrstück bestechender Logik: „Ich fordere den Banker immer heraus und verwirre ihn. Ich suche ihn auf und sage zu ihm: ‚Diese Aktien, die gerade fallen, werden steigen.‘ Er sagt Nein. Ich versichere ihm das Gegenteil. Und wenn sie steigen, fragt er mich: ‚Woher wusstest du das?‘, und ich antworte ihm: ‚Weil ich weibliche Intuition besitze, und wenn sie so stark gefallen waren, dann nur aus dem Grund, dass sie wieder steigen mussten. Ihr sagt immer, dies sei nicht möglich, und führt tausend Gründe an, aber ich lasse mich allein von der Bewegung des Meeres leiten, ich sehe, dass auf die Ebbe unweigerlich die Flut folgt.‘“

Von Wolfgang Paterno