Der Kampf um Gleichberechtigung: Schwule und Lesben mit Homophobie konfrontiert

Während Hollywood dem Gay-Aktivisten Harvey Milk ein Denkmal setzt, kämpfen Schwule und Lesben weltweit immer noch für Gleichberechtigung. In den USA und Europa ist aggressive Homophobie sogar wieder auf dem Vormarsch.

Von Angelika Hager

Amerikas Gay Community kann sich der landesweiten Obama-Hysterie nur mit halbem Herzen anschließen. Abgesehen von der Enttäuschung, dass kein einziges Mitglied seines Kabinetts offen homosexuell oder lesbisch ist, hat sich der Mann, für den die US-Gay-Aktivisten so viele ihrer Sympathisanten zum Urnengang animiert hatten, mit einem Affront für die Unterstützung bedankt: Für seine Vereidigungszeremonie am 20. Jänner hatte Barack Obama den deklariert homophoben, evangelikalen Pfarrer Rick Warren eingeladen. Warren gilt für schwule und lesbische Gleichberechtigungs-Initiativen seit geraumer Zeit als Buhmann erster Güte. „Jetzt hat Obama unsere Stimmen, jetzt lässt er uns im Regen stehen“, hieß es auf der Website „National Gay and Lesbian Task Force“.

Denn auf der Homepage des PR-süchtigen Predigers, dessen Sonntagsgottesdienste im Schnitt 22.000 Menschen besuchen, stand in der Bush-Ära zu lesen, dass Schwule und unehelich zusammenlebende heterosexuelle Paare von der Mitgliedschaft seiner Kirche ausgeschlossen sind. In seinen Predigten hatte Warren, dessen Gotteshaus im kalifornischen Lake Forest einem multimedialen Vergnügungspark gleicht, noch vor einem Jahr Homosexualität in einem Atemzug mit Pädophilie, Polygamie und Inzest genannt.

Ein schwacher Trost für die verstörten Obama-Wähler mit gleichgeschlechtlicher sexueller Orientierung mag der Auftritt des einzigen offen schwul lebenden Bischofs Gene Robinson gewesen sein, der zwei Tage zuvor am Lincoln-Denkmal das Großkonzert mit Bruce Springsteen, Stevie Wonder und Beyoncé „einbeten“ durfte. Der 61-jährige Großrepräsentant der protestantisch-anglikanischen Kirche hatte vor einem Jahr seinen langjährigen Partner offiziell geheiratet – allerdings trugen beide wegen der vielen Todesdrohungen bei der Zeremonie unter den Hochzeitsanzügen schusssichere Westen. Die symbolische Kraft von Robinsons Auftritt wurde durch „technische Pannen“ jedoch erheblich geschmälert. Während seines fünfminütigen Gebets, in dem Robinson um „Respekt“ statt „bloßer Toleranz“ und um „eine herzliche Umarmung unserer Unterschiede“ bat, waren weder die Lautsprecher noch die TV-Übertragungskameras eingeschaltet. Die inoffizielle Erklärung für das technische Versagen: Obama wollte seine schwarzen und hispanischen Wähler, die häufig von tiefer Religiosität geprägt sind, nicht vor den Kopf stoßen.

Märtyrer Milk. Fast 31 Jahre sind vergangen, seit der Homosexuellen-Aktivist Harvey Milk nur ein Jahr nach seiner Wahl in den Stadtrat von San Francisco von dem konservativen Ex-Polizisten Dan White, ebenfalls Stadtrat, erschossen wurde. Im Kugelhagel des militanten Moralhüters starb auch der liberale Bürgermeister George Moscone, der Milk beim Kampf um die Rechte der Homosexuellen unterstützt hatte. Dass der Attentäter Dan White mit einem Totschlagsurteil und nur sieben Jahren Haft davonkam, gilt bis heute als mysteriöser Justizskandal. Zwei Jahre nach seiner vorzeitigen Entlassung hatte sich White in seiner Garage mit Abgasen umgebracht. Das Motiv für seinen Selbstmord blieb ungeklärt.
„Wenn je eine Kugel durch mein Hirn jagen sollte, möge sie auch jede Schranktür zerstören“, erklärt der Milk-Darsteller Sean Penn in Gus Van Sants gleichnamigem Film, der seit vergangener Woche in den österreichischen Kinos läuft. „Closet“ (Schrank) gilt im englischen Sprachraum auch als Synonym für eine im Verborgenen gelebte Homosexualität.

„Your closet can be your coffin – dein Schrank kann dein Sarg sein.“ Diesen Satz hatte der 1994 verstorbene britische Filmemacher Derek Jarman zu seinem Slogan erhoben. Einen gesellschaftspolitischen Wendepunkt markierte das Coming-out des jahrzehntelangen Hollywood-Frauenlieblings vom Dienst Rock Hudson, der sich erst vor seinem Aidstod 1985 offen zu seiner Homosexualität bekannt hatte.

Inzwischen hat die Schwulen- und Lesbenbewegung, wenngleich nur in der westlichen Welt, Enormes geleistet und erreicht. Eine Weltkarte der ILGA (International Lesbian And Gay Association, siehe Abbildung) zeigt, dass unter anderem im Iran, dem Sudan, in Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten gleichgeschlechtliche Liebe noch immer einem Todesurteil gleichkommt und in weiten Teilen Afrikas und in Indien lebenslange Kerkerstrafen nach sich ziehen kann.

Was für die Frauen dieser Welt gilt , ist auch auf die Homosexuellen anwendbar: Zwischen mittelalterlicher Barbarei und ausgeklügelter Gleichstellungs-Judikatur, vor allem im skandinavischen Raum, ist nahezu jede Facette möglich. Globales Entsetzen erregte zuletzt der Galgentod zweier junger homosexueller Iraner 2005 – das Bild der beiden Teenager, die mit verbundenen Augen unter ihrem Galgen standen, ging um die Welt.

Auf dem europäischen Kontinent ist, abgesehen von der Türkei, Russland, Moldawien, der Ukraine und Weißrussland, in allen Staaten die Antidiskriminierung von Schwulen und Lesben gesetzlich verankert. Rund ein Drittel der EU-Staaten verfügt bereits über eine partnerschaftliche Gesetzesregelung für gleichgeschlechtliche Paare. In vier EU-Staaten – die Niederlande machten 2001 den Anfang, gefolgt von Belgien, Spanien und Norwegen – wurde die Schwulen-Ehe der heterosexuellen gleichgestellt. In den USA, wo die einschlägige Gesetzeslage vom jeweiligen Bundesstaat bestimmt wird, machte Massachusetts 2004 den Anfang – inzwischen sind Trauungszeremonien für Schwule und Lesben nur noch in Connecticut legal.

Abschaffung. Paradoxes Beispiel für die Tatsache, dass staatliches Wohlwollen für fundamentale Menschenrechte beim „gesunden Volksempfinden“ häufig auf Widerstand stößt, ist der Bundesstaat Kalifornien. Nach einem jahrelangen Rechtsstreit war im Juni 2008 ein Grundsatzurteil in Kraft getreten, das die Verweigerung der Schwulen-Ehe als verfassungswidrig klassifizierte. Mittels eines Referendums gegen die gleichgeschlechtliche Ehe, das unter dem Kürzel „Proposition 8“ in die Geschichte einging, wurde die Legalisierung am 5. November, einen Tag nach der Präsidentschaftswahl, wieder aufgehoben. 75 Prozent der afro­amerikanischen Obama-Wähler stimmten in Kalifornien übrigens gegen die Homo-Ehe. Der Begriff „Proposition 8“ geht auf eine Volksabstimmung in Kalifornien zurück, die von Christlich-Konservativen 1978 initiiert wurde – mit dem Ziel, über Schwule, Lesben und „Gay Rights“-Aktivisten ein Lehrberufsverbot an öffentlichen Schulen zu verhängen. Im Kampf gegen die ­bigotten Fundis erreichte Harvey Milk ­seinen wichtigsten politischen Sieg, den er wenig später allerdings mit dem Leben bezahlen musste.

Inzwischen hat sich das Klima in jenem Bundesland, das im Fahrwasser der Flo­wer-Power-Bewegung in den siebziger Jahren als Oase und Ausgangspunkt für ein neues schwules und lesbisches Selbstbewusstsein und Lebensgefühl galt, radikal verschärft. Die kalifornische Website eightmaps.com „outete“ vergangene Woche jene Spender, die Millionen Dollar für die erfolgreiche Aufhebung der Schwulen-Ehe investiert hatten – in generöser ­Geberlaune zeigten sich vor allem die Mitglieder fundamentalistischer Kirchengemeinschaften. Im Gegenzug dazu ver­­suchten Hollywood-Größen wie Brad Pitt und Steven Spielberg – ebenfalls unter Einsatz von Millionenspenden –, das Verbot gleichgeschlechtlicher Ehen zu verhindern. Der republikanische Gouverneur Arnold Schwarzenegger verweigerte seiner Partei die Linientreue – er sprach sich mehrfach für die Homo-Ehe aus.

Insgesamt verschlang die „Prop 8“-Fehde auf beiden Seiten 70 Millionen Dollar an Spendengeldern, vom gesellschaftspolitischen Schaden ganz zu schweigen. Ähnlich aufgewühlt war die öffentliche Stimmung zuletzt nach dem Mord am 21-jährigen schwulen Studenten Matthew Shepard in der Universitätsstadt Laramie in Wyoming 1998 gewesen. Shepard war von zwei Gleichaltrigen in einen Wagen gelockt, halb tot geprügelt und dann an einen Koppelzaun gebunden worden – 18 Stunden später fand man ihn, fünf Tage später starb er. Die Bilder der fassungslosen Eltern beim Begräbnis, deren Trauer durch christliche, „No Tears for Queers“-Transparente schwenkende Fanatiker gestört wurde, ­hatten zumindest die Debatte zur Folge, dass Hassattacken gegen Schwule in den „Hate Crimes Prevention Act“ aufgenommen werden sollten. Obwohl der Senat 2007 den „Matthew Shepard Act“ befürwortet hatte, liegt er seither auf Eis. Das Klima der Homophobie verschärft sich indes: Die Zahl der verbalen und physischen Attacken gegen homosexuelle Männer und lesbische Frauen stieg in den USA 2007 – im Vergleich zum vorangegangenen Jahr – um 24 Prozent an. Homosexuelle Orientierung war 2007 die Todesursache von 21 Opfern von Gewaltverbrechen Die Radikalisierung der Fronten ist auch symptomatisch für Teile Europas.

Wachsende Gewalt. Homophobe Ausschreitungen häufen sich etwa in Berlin, jener Stadt, die in der Weimarer Republik als avantgardistische Hochburg für Schwule und Lesben galt und mit Klaus Wowereit einen bekennenden Homosexuellen als Bürgermeister hat. Bei „Maneo“, einem Berliner Notfalltelefon für Lesben und Schwule, wurden in den vergangenen fünf Jahren über 100 Fälle von homophobiebedingter Gewalt registriert. Im Juni 2008 wurden mehrere lesbische Frauen vermutlich von Mitgliedern der faschistischen „Grauen Wölfe“ bis zur Bewusstlosigkeit zusammengeschlagen; im November entkam ein 23-jähriger Homosexueller nach Attacken von fünf Tätern in Berlin-Schöneberg nur knapp dem Tod. Experten erklären sich die Häufung mit dem „radikalisierten islamistischen Milieu“ und dem wachsenden Rechtsextremismus.

In Osteuropa, vor allem in Polen, Bulgarien und neuerdings auch in Ungarn, werden schwule Kundgebungen häufig von Rechtsextremisten mit Steinen und Wasserwerfern gestört. Die grassierende Homophobie in den osteuropäischen Staaten ist vor allem mit dem wilden Kapitalismus und den damit verbundenen wachsenden sozialen Problemen zu begründen. „In Zeiten der Angst richtet sich der Hass häufig auf Minderheiten“, so der deutsche Schwulen-Aktivist Klaus Jetz.

Einen Anstieg von Gewalttaten gegen Homosexuelle hat die HOSI (Homosexuellen Initiative Wien) bislang nicht registriert. „Doch das Klima kann jederzeit kippen“, so Obmann Christian Högl. Der Rücktritt des Linzer Weihbischofs Wagner aufgrund ­seiner Aussagen über Homosexualität als heilbare Krankheit ist ein Sieg. „Dass eine solche Aussage diese Konsequenzen trägt, ist bislang einzigartig in der katholischen Kirche“, so die grüne Abgeordnete und Aktivistin der Schwulen- und Lesbenbewegung, Ulrike Lunacek, „das erfüllt mich mit Genugtuung.“ Lunacek, die sich bereits in den achtziger Jahren outete, würde sich viel mehr Politiker wünschen, die offen zu ihrer homosexuellen Orientierung stehen: „Auf Bundesebene gibt es niemanden – außer mir. Auf regionaler Ebene schon. Das sind aber ausschließlich Grüne, wie die Grazer Vizebürgermeisterin Lisa Rücker. Es wäre so wichtig als Vorbildwirkung für Jugendliche, die oft in ihrer tiefen Verunsicherung suizidgefährdet sind und in Angst vor einem Coming-out leben.“

Im europaweiten Vergleich sieht Lunacek Österreich, was die Gesetzeslage betrifft, als „trauriges Schlusslicht“: „Wir hinken innerhalb der EU völlig hinterher, was ein umfassendes Partnerschaftsgesetz betrifft. Mein Vertrauen, dass diese Regierung diesbezüglich endlich was weiterbringt, hält sich bisher sehr in Grenzen.“

Foto: Monika Saulich

Trailer zum Film 'Milk' mit Sean Penn: