Der neue Österreichische Filmpreis dient der Selbstbestätigung der Branche

Der neue Österreichische Filmpreis dient vor allem einem Zweck: der Selbstbestätigung der Branche. Stefan Grissemann über die Frage, wie viel Repräsentation das Austro-Kino noch verträgt.

Wie gut das kleine Österreich im großen, also weltweiten Kinogeschehen mithalten kann, ist hinlänglich dokumentiert. An Ehrerbietung herrscht zudem kein Mangel: Die Viennale vergibt alljährlich ihren Wiener Filmpreis, die Diagonale ihren Großen Preis – und im Rahmen internationaler Festivals hagelt es jedes Jahr Haupt- und Nebenauszeichnungen für österreichische Filme. Sogar die Fernsehpreis-Romy braucht neuerdings zur Glanzauffrischung eine Kinosektion. Ab sofort verfügt Österreichs Filmszene über eine weitere Leistungsanerkennung: Der am 29. Jänner erstmals verliehene Österreichische Filmpreis soll, auch wenn er sein Debüt in Low-Budget-Variante absolviert hat, zur Dauereinrichtung werden.

Die ketzerische Frage sei jedoch erlaubt: Wozu eigentlich? Die schon bestehenden Auszeichnungen seien doch lediglich Festivalpreise, argumentiert die Geschäftsführerin der Veranstaltung, Marlene Ropac – und verweist auf den Umstand, dass große nationale Filmpreise in ganz Europa gang und gäbe seien. Die Akademie des Österreichischen Films, 2009 gegründet (und nicht zu verwechseln mit der Wiener Filmakademie, wo die Herstellung der preisverdächtigen Ware erst gelehrt wird), hat es sich jedenfalls explizit „zur Aufgabe gemacht, die Leistungen der heimischen Filmbranche zu fördern und entsprechend zu würdigen sowie deren Anliegen zu kommunizieren und mitzutragen“. Aber was genau heißt das? Fördert man die Leistungen der Filmbranche, indem man nicht dotierte Preise vergibt? Und wie trägt man deren Anliegen mit? Indem man ihre Arbeit in großem Stil ausgezeichnet nennt?

Es gehe schlicht darum zu helfen, den österreichischen Film an ein möglichst breites Publikum zu vermitteln, sagt Ropac. Das klingt vernünftig – und führt doch in die Irre. Denn es scheint von der (vor allem in der hiesigen Filmszene weit verbreiteten) Annahme auszugehen, dass der österreichische Film im Bewusstsein der Öffentlichkeit kaum oder jedenfalls viel zu wenig verankert sei. Aber das Gegenteil ist der Fall: Das anhaltende Publikumsinteresse am Austro-Kino, abzulesen etwa an jüngeren Kassenerfolgen wie „Die unabsichtliche Entführung der Frau Elfriede Ott“, mag da ebenso als Gradmesser herhalten wie die flächendeckende mediale Zuwendung, die der heimische Film in den seriösen Medien dieses Landes seit Jahren erfährt. Und die Frage, ob das alte, selbst in Hollywood schon leicht ausgeleierte Modell Oscar, das nun recht offensichtlich auch auf den Österreichischen Filmpreis angewandt wurde (die Mitglieder der Akademie küren, nach Berufssparten getrennt, in 13 Kategorien ihre Jahressieger), immer noch das denkbar beste sei, muss sich die Akademie schon gefallen lassen. Es ist schon wahr: Auch wenn Deutschlands Lolas und Frankreichs Césars feierlich vergeben werden, wird immer wieder nur, als gäb’s keine Alternative, Klein-Hollywood gespielt. Aber bedeutet das im Rückschluss schon, dass auch Österreich sich an die viel kritisierte, aber eben etablierte Form zu halten hat?

Die derzeit rund 140 Namen umfassende Liste jener Mitglieder etwa, die für die Preisentscheidungen zuständig sind, ist einstweilen alles andere als erschöpfend: Auch wenn viele verdiente Kino-Kreative der Akademie inzwischen beigetreten sind – entscheidende Filmemacher wie Michael Haneke, Ulrich Seidl oder Michael Glawogger, Jessica Hausner, Nikolaus Geyrhalter oder Wolfgang Murnberger fehlen auffällig. Mit der (logistisch nachvollziehbaren) Beschränkung preiswürdiger Werke auf abendfüllende Spiel- und Dokumentarfilme handelt sich die Akademie zudem den Vorwurf ein, Österreichs facettenreiches Kino nicht gerade repräsentativ abzubilden; insbesondere in den kleinen, weniger leicht kategorisierbaren Formaten, in den Bereichen Avantgarde, Essay- und Kurzfilm genießt Österreich international den besten Ruf.

Die erste Ausgabe des Filmpreises versprach immerhin, wenn auch vor allem wegen finanzieller Engpässe, sympathisch unaufwändig organisiert zu werden. (Die Preisverleihung fand einen Tag nach profil-Redaktionsschluss statt: Einen aktuellen Augenzeugenbericht finden Sie aber online unter blog.profil.at ) Vielleicht ist die neue Bescheidenheit ja das viel passendere Format als der branchenübliche Show-Narzissmus. Gleichmut statt Größenwahn, Gelassenheit statt Glamourzwang: Damit könnte man dem hiesigen Kino ohnehin am ehesten entsprechen.