Der Zerschlissene

Der Stadt Wien und dem ORF gelang, Johann Nestroy zu fleddern.

Am vorvergangenen Samstag wurde zum fünften Mal der „Nestroy-Preis“ für die besten künstlerischen Produktionen des Vorjahrs verliehen. Was dabei im Wiener Etablissement „Ronacher“ geschah, ist für alle, die nicht dabei waren, unvorstellbar. Immerhin wurde dieser Dilet-tantenstadl im ORF übertragen, und ich danke dem „Kurier“-Kolumnisten Peter Pisa dafür, dass er von 125-minütigem „Quälen“ schrieb.

Was hat das Wiener Genie verbrochen, posthum von seiner Stadt verraten und dann auch noch an das unverfrorene Schmierentheater der ORF-Unterhaltung verkauft worden zu sein? Ist Nestroys Geist, Witz, Sprachkunst und Assoziationsfähigkeit so wenig zu trauen, dass in unseren diesbezüglich glorreichen Zeiten seiner nur noch mithilfe des seichtesten Gewäschs jenseits Moik’scher Selbstverstammelung gedacht werden kann?

Die verhängnisvolle Faschingsnacht begann schon, als Mercedes Echerer ihren Co-Moderator, den Sportreporter Heinz Prüller, begrüßte. Da wurde die verheerende Absicht des ORF, sich mit der dramatischen Kunst bloß einen Jux machen zu wollen, offenbar – ebenso wie dessen Irrglaube, mittels einer menschlichen Datenmaschine, die dafür berüchtigt ist, auch noch das Uninteressante vom Langweiligen auszuspucken, eine „zielgruppengerechte“ Sendung zu offerieren. Nicht einmal Prüller hätte vermutet, dass er einmal etwas über Schauspieler würde aufsagen müssen, und vermochte seine Berührungsangst denn auch nicht zu zügeln.

Da standen sie nun, „die beiden Nachtwandler“, doch obgleich Mercedes Echerer von ihrer Rückkehr und von Prüllers Leben auf Achse gesprochen hatte, glaubte kaum noch einer, dass eine Couplet-Zeile aus dieser Posse zutreffen würde: „Drum, ’s Reisen bildet den Menschen erst aus.“ Sätze, die in integrierenden Volksschulen bereits vergessen sind, wurden als Perlen vor die Sessel geschleudert, jedwede künstlerische Fertigkeit wurde auf ihre hinkende Möglichkeit mit einem sportiven Vergleich abgeklopft. Warum?

Obwohl es in dem fatalen Fluidum aus abscheulichem Anbiedermeier und gagfreiem Gegacker unmöglich schien, eine Steigerung an plumper Peinlichkeit zustande zu bringen, schaffte es der ORF: als nach Brüssel zur EU entsandter Literaturexperte gab sich unverhofft Wendelin Schmidt-Dengler her und entschlug sich nicht eines mehr hane- als büchenen Textes. Warum?

Gewiss, zwischenzeitlich war auch mit Recht der Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek gedacht worden, später wurde wieder mit Recht Hans Gratzer akklamiert, der für sein Lebenswerk augezeichnet wurde – aber diesen spontanen, berührenden Augenblicken und der ehrlich ergriffenen „besten Hauptdarstellerin des Jahres“, Birgit Minichmayer, standen die feinsäuberlich geplanten, grotesken Attacken auf die Geschmacksnerven gegenüber; es war, als sollte der Anton-von-Tirol-Preis verliehen werden.

So purzelten plötzlich zwei Gestalten in den Saal. Es handelte sich bei ihnen in diesem vorverlegten Advent – wie das schließlich in jedem anderen Selbstbedienungsladen auch üblich ist – um Nikolo und Krampus, und der Erste fand sein himmlisches Vergnügen an dem Heidenspaß des Zweiten. Sie waren nicht etwa der diesjährigen „Bambi“-Verleihung entwischt, sondern sind Mitglieder einer Grazer Theatergruppe.

Es mag lobenswert sein, dass auch sie dem Altmeister huldigen wollten, aber, um ihn zu zitieren, war ihr Einsatz „umsonst“ (wenn auch gewiss nicht gratis), war ihr Holterdipolter, mit dem sie auf dem teuflisch banalen Kalauer lagen, dergestalt, dass einem um die chevaleresken Chimären Nestroys Höllenangst werden konnte. An frühere Verhältnisse, als exzellente Schauspieler zwischendurch stilsicher kleine Szenchen spielten, wagte wohl niemand zu denken. Warum?

Wie auch immer die Stimmung im Haus offiziell nachher eingeschätzt worden sein mag – das Foyer war während der Vorstellung (der Akteure), auf der Bühne eine zu geben, zeitweise so gut besucht, als fände dort eine eigene, kurzweiligere Veranstaltung statt. Und tatsächlich wurde von manchen geORFsimpelt, ob beim nächsten „Nestroy-Preis“ die TV-Zuschauer zwei von den drei Kandidaten um die Trophäe würden „hinauswählen“ dürfen und mit wem die dann unvermeidliche Arabella Kiesbauer auftreten würde. Warum?

Auf all diese Fragen müsste jener Mann antworten, der letztendlich diese Albträume von Schale und Kern zu verantworten hat, der Wiener Stadtrat für Kultur, Andreas Mailath-Pokorny. Als Träger des Nestroy-Rings möchte ich wissen, wie er zu dieser hemmungslosen Denkmalschändung steht. Muss er dem herrischen Treiben des großen Mediums tatenlos zusehen? Ist es ihm, als Treuhänder der Wiener Kultur, unmöglich, landesweit eine Übertragung eben jener künstlerischen Sinne zu gewährleisten, für die sich Theaterfreunde nicht genieren müssen? Ist ihm verwehrt, für kultivierte Unterhaltung einzutreten? Ist er statt Rat nur ein Rädchen?

Diesfalls sollte er die Showse nächstes Jahr neu titeln: „Freizeit in Krähwinkel oder Der Zerschlissene“.