Verdunkelungsgefahr

Österreichs Gegenwartskino ist weltberühmt: international präsent wie nie, abgründig und formal raffiniert. Dennoch wächst in der Filmbranche angesichts schwindender Besucherzahlen und filmpolitischer Fehlentscheidungen das Unbehagen. Eine Bestandsaufnahme zum Start der Diagonale 2012.

In Zeiten abstürzender Ökonomien wird die Kunst gern in Zweifel gezogen, als wäre sie an der Misere schuld. Warum nicht gleich darüber nachdenken, ob wir sie überhaupt noch brauchen? Die Autoren eines neuen Buchs tun eben dies, rufen den "Kulturinfarkt“ aus und erklären nicht weniger als die Hälfte der existierenden Kultureinrichtungen in Bausch und Bogen für sinnlos. Sie provozieren mit griffig klingenden, aber äußerst nebulösen Thesen, in denen nicht viel mehr als die Ideologie des Markts steckt: Der Künstler vegetiere im Elfenbeinturm vor sich hin, schmiede verquaste Theorien und produziere Unverkäufliches. Dabei sei er doch lediglich ein Unternehmer, der seine Angebote gefälligst entsprechend der Nachfrage zu gestalten habe. Was da Kunst genannt werde, sei einem "Wirklichkeitstest“ zu unterziehen. Denn es gelte, nur jene Kultur zu fördern, die auch "Willen zum Erfolg“ habe, um eine "Kulturindustrie“ aufzubauen und die Subventionskultur abzuschaffen. Da lacht der Boulevard, das spricht jenem Teil des Volkes aus der Seele, der immer schon gewusst hat, dass Künstler nur in einer Disziplin wirklich virtuos sind: in der Selbstbedienung am Füllhorn der staatlichen Förderstellen.

Die in Deutschland via "Spiegel“ vergangene Woche entfachte Feuilleton-Debatte wird nun auch in Österreich diskutiert. Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny etwa hält, wie er in profil erklärt, die Polemik auf den ersten Blick für "erfrischend“, schon auf den zweiten allerdings für ganz verfehlt. Aber der sich auch in Österreich verschärfende Verteilungskampf um Kultursteuergelder ist nicht zu leugnen. Budgetknappheit und Provinzialismus treiben etwa die hiesige Filmszene, allen Erfolgen zum Trotz, immer mehr in die Enge.

Die am Dienstag dieser Woche startende Diagonale, das Festival des österreichischen Films, kann davon allenfalls am Rande Bericht erstatten, zeichnet aber in den Werken selbst ein stimmig ambivalentes Bild: Mit "Spanien“ hat man einen Eröffnungsfilm gewählt , der die Ausweichbewegung ins Dekorative und Scheinpolitische geradezu exemplarisch vollzieht. Das weitverzweigte Festivalprogramm, kompetent kuratiert von Barbara Pichler und ihrem Team, differenziert dieses Bild in der Folge aber aus: Spröde Meisterstücke wie Michael Palms Überwachungsbilder-Reflexion "Low Definition Control“ oder Albert Sackls Avantgarde-Puzzle "Im Freien“ demonstrieren die ungebrochene Liebe des Austro-Kinos zu hoher Risikobereitschaft in ideologischen und formalen Fragen. Der Komplexität solcher Arbeiten steht naturgemäß das Unverständnis einer Produktionslandschaft entgegen, die sich Kino nur populär und warenförmig vorstellen kann.

Die Diagonale-Chefin bestätigt, dass man sich hierzulande schon in die Nesseln setzt, wenn man als Festivalleiterin eine Qualitätsauslese vornimmt: "Die Auseinandersetzungen mit Filmschaffenden, die meinen, die Diagonale müsse ihre Arbeiten selbstverständlich zeigen, werden stärker“, berichtet Barbara Pichler. Sie führt dies auch auf den sich erhöhenden finanziellen Druck in der Branche zurück. Die aktuelle Krisenstimmung hat ihre Gründe: Von 7,7 Prozent Marktanteil 2009 und etwas über fünf Prozent 2010 rutschte Österreichs Kinofilm 2011 auf 3,2 Prozent ab. Es ist offensichtlich: Die fetten Jahre sind vorbei. Dabei kommen immer mehr Filme in die Kinos - vor allem die immer billiger und schneller herstellbaren Dokumentarfilme sorgen für eine Verbreiterung des Angebots bei stetig sinkendem Publikumsinteresse.

2011 fanden sich unter den 49 österreichischen Filmneustarts gerade noch zwei (moderate) Hits: Harald Sicheritz’ Kinderfilmfortsetzung "Hexe Lilli: Die Reise nach Mandolan“ mit 117.000 Besuchern sowie Karl Markovics’ Drama "Atmen“, für das 75.000 Kinotickets gelöst wurden. Elf weitere Produktionen gingen mit fünfstelligen Besucherzahlen ins Ziel - und da sind veritable Flops wie Peter Payers "Am Ende des Tages“ (15.000 Besucher), Wolfgang Murnbergers "Mein bester Feind“ (16.000) und Elisabeth Scharangs "Vielleicht in einem anderen Leben“ (11.000) schon mitgezählt. Im Klartext: 36 von 49 österreichischen Filmen kamen 2011 auf Zuschauerbilanzen, die zwischen 98 und 8292 Zuschauern lagen. Der Publikumsschwund ist keine rezente Entwicklung: Bloß zwei Filme konnten in den vergangenen elf Jahren mehr als 280.000 Besucher verbuchen - Kurt Ockermüllers "Echte Wiener“ (2008) und Sicheritz’ "Poppitz“ (2002).

Natürlich: Zahlen sind nicht alles, und nicht jeder Film kann daran gemessen werden, wie viele Besucher er in seinem Herkunftsland erreichen kann. Außerordentliche Filme wie Michael Glawoggers "Whores’ Glory“, Markus Schleinzers "Michael“ oder Nikolaus Geyrhalters "Abendland“ verlieren nicht an Legitimität, nur weil sie in Österreich weniger Menschen als erwartet in die Kinos gebracht haben; das globale Interesse, das ihnen zuteil wird, muss da mitgedacht werden. Geyrhalters bildmächtige Lebensmittelindustrie-Doku "Unser täglich Brot“ fand in Österreich 24.000 Zuschauer - im Rest der Welt haben den Film bereits an die 600.000 Leute gesehen. Und dass eine Arbeit wie "Michael“, die in Thema und Form an Tabus rührt, an den Kinokassen kein Superhit werden kann, liegt auf der Hand. Aber einem in Österreich vollfinanzierten Debüt, das es aus dem Stand in den Wettbewerb des wichtigsten Filmfestivals der Welt, nach Cannes, schafft, muss man andere Qualitäten attestieren. Dem heimischen Kino kommt es sehr zugute, wenn etwa der britische "Guardian“ - anlässlich des unlängst erfolgten Kinostarts von "Michael“ in England - eine Hymne auf Schleinzers Kindesmissbrauchsstudie anstimmt, den Film "brillant und makaber“ nennt.

Michael Kitzberger, der als Produzent Schleinzers Arbeit ermöglicht hat, meint zum Lamento über den sinkenden Marktanteil: "Da wird eine Stimmung gemacht, die ich nicht als produktiv empfinde: Der künstlerisch relevante österreichische Film bietet seit Jahren auf allen großen Festivals eine konstant gute Performance. Das wird nur kaum mehr wahrgenommen, weil es bereits als selbstverständlich gilt. Politik und Förderstellen täten gut daran, diesen Erfolg national und international angemessen zu kommunizieren, statt auf den Marktanteil zu starren“, der bekanntlich "eine höchst relative Größe“ sei. Kitzberger weiter: "Und gerade jene Filme, die bei großen Festivals präsent sind, kann man nicht nur in Besucherzahlen fassen. Sie haben oft eine hohe Diskurswertigkeit, werden weltweit debattiert, weisen eine betont nachhaltige Qualität auf. Das sind Filme, von denen man wohl auch in 20 oder 30 Jahren noch sprechen wird.“

Das leise Unbehagen, das in der heimischen Filmszene herrscht, ist indes nicht allein auf einbrechende Zuschauerzahlen zurückzuführen. Viele Beobachter konstatieren einen neuen filmpolitischen Konservativismus, befürchten so etwas wie eine Re-Provinzialisierung des österreichischen Kinos. Die Neuaufstellung des Filmfonds Wien (FFW) hat damit zu tun: Seit November 2011 führt Gerlinde Seitner, 42, als Nachfolgerin des nicht unumstrittenen Peter Zawrel die Geschäfte des FFW, verwaltet die Filmfördergelder der Stadt Wien, immerhin rund 11,5 Millionen Euro. Ein Branchenprofi ist Seitner jedenfalls: Sie war Stellvertreterin des Direktors im Österreichischen Filminstitut (ÖFI), leitete das MEDIA-Programm für Österreich. Ihr vorrangiges Ziel ist die Konsolidierung des Film- und Medienstandorts Wien, wie sie im profil-Gespräch bestätigt. Der so genannte "Wien-Effekt“ soll stärker werden, "aber qualifiziert stärker“. Es sei "wünschenswert, wenn die MitarbeiterInnen in den wichtigen Abteilungen eines Films aus Wien kommen, und die Stadt selbst sollte zentraler Schauplatz sein“. Es gelte: "Mehr Wien auf die Leinwand - auch in Zusammenarbeit mit der Vienna Film Commission.“ FFW spielt Ö-Regional.

Seitner nährt die Befürchtung, Wiens Filmförderung werde seine Tourismus-Dienstleistungen ausweiten: "Es gab Gespräche mit Wien-Tourismus. Das heißt aber nicht, dass nun in jedem der von uns mitfinanzierten Filme das Riesenrad im Bild auftauchen muss.“ Dazu passt, dass die Förderung der Austrian Film Commission (AFC), deren Aufgabe in der Vermittlung österreichischer Filme an die großen Festivals liegt, vom FFW unlängst massiv gekürzt wurde. An der Vienna Film Commission dagegen, die Propaganda für den Filmstandort Wien macht, wurden keine Einschnitte vorgenommen.

Und es sei "leider entscheidend, wie der österreichische Film im Inland ankommt“, meint Gerlinde Seitner. "Seine Besucherzahlen wurden 2011 fast halbiert. Das kann ich nicht einfach ignorieren.“ Es sind offenbar solche Überlegungen, auf die viele der aktuellen Subventionsentscheidungen zurückzuführen sind. Als hätte man gerade ein neues Thema entdeckt, ging vor wenigen Tagen eine Presseaussendung des FFW mit der Schlagzeile "Wiener Filmförderung bringt Liebe auf die Leinwand“ an die Öffentlichkeit. Man habe einer Komödie namens "2Sitzrakete“ immerhin 300.000 Euro zugesprochen, einem Debütfilm, der - so die Vorabinformation - "romantische Unterhaltung verspricht“. Drehbeginn: "im Liebesmonat Mai“.

Es sei durchaus Teil der Strategie, den österreichischen Film aus dem Einzugsgebiet des Düster-Depressiven zu befreien, gibt Seitner unumwunden zu - ebenso wie ihre grundlegenden Sympathien für die Regiearbeiten des deutschen Comedy-Marktführers Til Schweiger. "Nicht alle Festivalfilme müssen tief depressiv sein“, erklärt die Filmfonds-Leiterin - auch wenn gerade die hiesigen Komödien zuletzt alle schiefgegangen sind. Man wird sehen, ob sich Jessica Hausners ebenfalls vom FFW unterstütztes Kleist-Projekt "Amour fou“, immerhin die Dramatisierung eines Doppelselbstmords, an das neue Optimismusgebot halten wird. Aber an "Amour fou“ werden "federführend Frauen aus der Wiener Branche arbeiten“, sagt Seitner. "Alle führenden Positionen sind in weiblicher Hand. Das ist für mich auch ein Statement - und eine selling proposition.“

Michael Glawoggers geplanter Abschluss seines Weltreise-Kinozyklus dagegen wurde von der FFW-Jury in seltener Einhelligkeit abgelehnt: Einstimmig verwahrte man sich gegen die Idee, einen "Film ohne Thema“, so der Titel des thematisch bewusst offengehaltenen Unternehmens, zu fördern. Ihre persönliche Missbilligung des Glawogger-Projekts begründet Seitner eigenwillig: Da Glawogger jemand sei, "der einen spekulativen Film wie, Whores’ Glory‘ gemacht hat, der die feministische Causa, gelinde gesagt, nicht weitergebracht hat“, sei gerade dieser Antrag "keines meiner Herzensprojekte gewesen“. Es erscheint seltsam passend, ausgerechnet dem neben Geyrhalter im Ausland wohl zugkräftigsten Dokumentaristen Österreichs mit dem Argument, der FFW sei ja "kein Kunstmäzen“, eine Abfuhr zu erteilen: Glawoggers Filme werden weltweit verkauft, ihm gelten längst auch in Amerika große Retrospektiven - und im April wird "Whores’ Glory“ in den USA regulär ins Kino kommen. Der Regionalfonds FFW zeigt sich von solchen Erfolgen offenbar ungerührt.

Die Stimmung in der Branche ist auch solcher Animositäten wegen angespannt. AFC-Chef Martin Schweighofer nimmt "große Nervosität an allen Ecken und Enden“ wahr. "Die Begehrlichkeiten steigen, die Filme werden teurer, der Wettbewerb unter den Produzenten spitzt sich zu. In dieser Situation wird Stimmung gegen die Kunst gemacht.“ Ihm scheine es oft so, "als sei sich der heimische Markt selbst genug. Außenwirkung ist sekundär“, so Schweighofer.

Mit kühnen Ideen zur gezielten Weiterentwicklung des formal avancierten österreichischen Films glänzt Gerlinde Seitner einstweilen eher nicht. Sie will Förderrichtlinien vereinfachen, Überschneidungen mit ÖFI und ORF eliminieren, die zu hohen Kinostartförderungen eindämmen. Um eine Erhöhung des FFW-Budgets kämpft sie "in Anbetracht des Sparpakets“ gegenwärtig nicht. Es könnte allerdings sein, dass die finale Ausrichtung des Filmfonds Wien intern noch nicht ganz ausgefochten ist. Ein Mitglied im Kuratorium des FFW scheint hinter den Kulissen viele der entscheidenden Fäden zu ziehen: Gerhard Schedl, ehemals ÖFI-Direktor, gilt nach wie vor als einer der Chefideologen in filmpolitischen Fragen - und als mitverantwortlich für die neue Biederkeit, die im Filmfonds dieser Tage viele Branchenbeobachter auszumachen meinen.

Es sei wichtig, die Debatte über den nationalen Marktanteil zu führen, "aber mit Niveau”, meint ÖFI-Direktor Roland Teichmann, der mit 16,6 Millionen Euro jährlich operiert. "Wir haben in der Quotenfrage noch viel zu wenig Diskussionskultur entwickelt, stecken zu tief im schwarz-weißen Denken. 2011 haben österreichische Filme weltweit über drei Millionen Tickets verkauft und im ORF Hunderttausende Zuseher erreicht. Das muss berücksichtigt werden.” Es sei überdies abzuwarten, "wie sehr sich der FFW tatsächlich regionalisiert“, stellt Teichmann fest. Es werde sich erst noch zeigen, "ob die Offenheit fürs Kino über den lokalen Tellerrand hinaus bestehen bleibt”. Tatsächlich: Alle Fragen offen.

Lesen Sie außerdem im profil 12/2012 einen Kommentar von Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny über die Idee der Halbierung aller subventionierten Kunstinstitutionen.